Weder Mann noch Frau – so sieht sich die non-binäre Person Kim de l’Horizon. Sie stammt aus Bern und lebt in Zürich. Der Debüt-Roman «Blutbuch» wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Ein Aufruf, umzudenken und Grenzen zu sprengen.
Beate Laurenti
1. Person: Kim de l’Horizon (30) kommt aus der Schweiz und ist eine non-binäre Person, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt. Menschen die Kategorien «männlich» und «weiblich» überzustülpen, sei ein Schauermärchen, findet Kim de l’Horizon. Bei dem Namen handelt es sich um ein Pseudonym. Kim de l’Horizon stammt aus Bern und lebt in Zürich.
2. «Blutbuch»: Der Debüt-Roman ist ein autofiktives Werk. In Form einer Ich-Erzählung lässt Kim de l’Horizon die Leserinnen und Leser an der eigenen Biografie teilhaben, stets gepaart mit fiktiven Elementen. Der Entstehungsprozess hat laut Autorenperson insgesamt elf Jahre gedauert. Was Realität, was Fiktion ist, bleibt unklar.
3. Identität, Gesellschaft, Sex: In dem Roman beschreibt Kim de l’Horizon die Suche nach der eigenen Identität, den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens und des Nichthineinpassens in eine Gesellschaft, die stereotypisch denkt. Es ist ein Buch über Angst, Scham, Sehnsüchte und Sex – bis hin zu Details wie Analsex: «Ich spüre meinen Körper nur, wenn ich ihn fortgebe, wenn ich ihn anderen anbiete, jemensch in mich eindringt, die selbst errichteten Grenzen meines Körpers durchdringt und sich dahinter hinterlässt.»
4. Auszeichnung: Am Montag hat Kim de l’Horizon für «Blutbuch» den Deutschen Buchpreis erhalten. «Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern liess», heisst es in der Begründung. Besonders beeindruckend sei die Beschreibung eines Körpers, der sich «den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entziehe».
5. Kampf gegen die Unsichtbarkeit: Während der Dankesrede rasierte sich Kim de l’Horizon den Kopf, um ein Zeichen der Solidarität mit den Frauen im Iran zu setzen. Sie gehen seit mehreren Wochen gegen das Mullah-Regime auf die Strasse und kämpfen für mehr Selbstbestimmung. Weltweit teilen Menschen in den sozialen Netzwerken, wie sie sich die Haare abschneiden. «Ich denke, die Jury hat diesen Text auch ausgewählt, um ein Zeichen zu setzen gegen den Hass, für die Liebe, für den Kampf aller Menschen, die wegen ihres Körpers unterdrückt werden», sagte Kim de l’Horizon am Montag.
6. Fluch der Vergangenheit: In «Blutbuch» erzählt die Autorenperson von der eigenen Kindheit und dem Aufwachsen mit einer «Meer» und «Grossmeer» (Mutter und Grossmutter im Berndeutschen), die die Bürden vorangegangener Generationen tragen. Es geht um die Frage, wie die eigene Vergangenheit die Gegenwart und das Sein beeinflusst. Der Roman richtet sich an die «Grossmeer». Sie heisst Rosmarie und «war ein Monster»: «Ich schreibe dir, weil es mich nur durch deinen Körper gibt, weil ich deine Fortsetzung bin und weil ich gewisse Dinge nicht mehr fortsetzen will.»
7. Der Baum und die Freiheit: Anlass für das Buch ist die beginnende Demenz der «Grossmeer». Nach und nach schwinden Rosmaries Erinnerungen. Was bleibt, ist die Blutbuche in ihrem Garten, die immer wieder Ankerpunkt im Roman ist. «Wenn es ein Gefühl aus meiner Kindheit gibt, das ich noch genau kenne, dann ist es das Gefühl, dass mein Körper nicht mir gehört», schreibt die Autorenperson. Schon früh habe sie die Blutbuche bewundert, weil niemand ihre Form bestimme und sie einfach wachsen könne. Buchen würden auch «Mütter des Waldes» genannt.
8. Sprache und Wellen: «Ich weiss keine Sprache für meinen Körper. Ich kann mich weder in der Meersprache noch in der Peersprache bewegen. Ich stehe in einer Fremdsprache», schreibt die Autorenperson. «Wie sehen Texte aus, wenn nicht ein menschliches Meistersubjekt im Zentrum steht und die Welt begnadet ins Förmchen goethet?» Die Antwort liefert Kim de l’Horizon selbst: Sie sind radikal und schonungslos ehrlich. Nicht enden wollenden Sätze werden zu Aufzählungen, werden zu Poesie.
9. Von genderfluid zum Gefühl, flüssig zu sein: «Ich vermute, dass es mich auch darum ins Schreiben zog, weil das Schreiben eine einzige Wellenlinie ist, eine von weither kommende Woge, die lange vor mir begonnen hat und lange nach mir weiterfliessen wird. Weil das Element der Sprache das Flüssige ist», erklärt Kim de l’Horizon. So wie es das Gefühl, sich zwischen den Geschlechtern zu bewegen, ebenfalls sein könne.
10. Religion spielt in dem Roman keine Rolle. Es ist das Erste, was «Grossmeer» Rosmarie in der Demenz vergisst: «Wahrscheinlich vergisst sie die Religion extra, endlich hat sie eine Entschuldigung, die von ihrer Mutter aufgedrückte Religion wegzukehren.» Diese hatte sich wegen der Alkoholkrankheit ihres Mannes in den Glauben geflüchtet. Gott kommt nur am Rande vor.
«Blutbuch» von Kim de l’Horizon ist im «DuMont»-Verlag erschienen.
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