Pater Anselm Grün: «Die Beziehungslosigkeit ist der Feind der Liturgie»

In manchen Gemeinden rattert ein Priester eine Eucharistiefeier streng nach Messbuch runter. In anderen Pfarreien blüht eine lebendige Liturgie mit kreativen Impulsen. Pater Anselm Grün (77) sagt am «Tag der Liturgischen Dienste» in Einsiedeln: «Die Liturgie braucht die Tradition, aber sie muss lebendig bleiben.»

Sarah Stutte

Welche Bedeutung hat ein solches Fest wie heute für die Ehrenamtlichen?

Anselm Grün*: Eine grosse. Die Ehrenamtlichen sind ganz wichtig, weil sie die Kirche tragen. Leider erlebe ich immer wieder Pfarreien, in denen Pfarrer die Ehrenamtlichen frustrieren und nicht genügend schätzen. Die Kirche lebt von den Ehrenamtlichen. Neben der Wertschätzung und Würdigung sind auch kreative Impulse wichtig für sie, die sie in der Pfarrei verwirklichen können. 

Was bedeutet Ihnen Einsiedeln?

Grün: Das ist ein ehrwürdiger Ort, der eine lange Tradition des Mönchtums vorweist. Einsiedeln war auch immer ein Wallfahrtsort. Die schwarze Madonna hat eine grosse Bedeutung und Einsiedeln ist für die Schweiz von besonderer Wichtigkeit.

Ich selbst komme gerne nach Einsiedeln. Besonders heute, denn ich unterstütze die Ehrenamtlichen gerne und möchte ihnen das Gefühl geben: Habt Freude an eurer Arbeit und vermittelt Hoffnung in dieser Gesellschaft!

Was macht eine gute Liturgie aus?

Grün: Dass sie authentisch ist und die Menschen von der Liturgie berührt werden. Nicht in einer banalen Sprache, aber in einer, die ihre Sehnsucht anspricht. Die Liturgie muss so gestaltet sein, dass sie verständlich ist und die Rituale auch wieder erklärt, die vielleicht nicht mehr verstanden werden. Wenn diese Feiern überzeugen, schaffen sie eine Wirklichkeit, in die man eintauchen kann.

Wann ist die Liturgie nicht gelungen?

Grün: Wenn sie Routine ist und das, was der Priester sagt, an den Menschen vorbei geht. Sie werden nicht einbezogen, da ist keine Beziehung mehr da. Die Beziehungslosigkeit ist der Feind der Liturgie. 

Papst Franziskus sagt, Liturgie dürfe nicht zu einem Schlachtfeld für überholte Themen werden. Warum gibt es diese Gefahr?

Grün: Die Gefahr war schon immer da. In den 1970er-Jahren ist die Liturgie das Schlachtfeld der neuen Theologie geworden. Liturgie ist ein Ort, an dem alle Menschen angesprochen werden, ganz gleich ob sie progressiv oder konservativ sind. 

Papst Franziskus warnt immer wieder vor Historismus in der Kirche. Es sei falsch, die kirchliche Lehre als einen Monolithen zu betrachten, der ohne Nuancen zu verteidigen sei. Was bedeutet das für Gottesdienste?

Grün: Es geht nicht darum, an Buchstaben festzukleben. Eine gewisse Offenheit und Freiheit muss gegeben sein. Kein Wildwuchs, aber doch das Gefühl, keiner Zwanghaftigkeit zu unterliegen. Die Liturgie braucht die Tradition, aber sie muss lebendig bleiben. 

Wie viel Vielfalt verträgt die katholische Liturgie?

Grün: Sie verträgt die Vielfalt in der Kirche und in Hauskreisen, wo man die Eucharistie anders feiert. Sie wächst auch mit den Festen, die jeweils andere Rituale haben und solche vertragen. Das Natürliche und der Inhalt ist genauso notwendig wie die Abwechslung durch die verschiedenen Feste.  

In Einsiedeln wird auch für den Frieden gebetet. In Syrien herrscht schon seit über zehn Jahren Krieg – und in der Ukraine ist kein Frieden in Sicht. Was bringen Gebete überhaupt?

Grün: Wir sind alle ohnmächtig gegenüber Kriegen. Bei der Ohnmacht zu bleiben, tut dem Menschen aber nicht gut. Gebete verbinden und miteinander zu beten ist für viele ein Zeichen, dass sie etwas tun können. Die Hoffnung liegt darin, dass durch das Gebet die Gedanken der Mächtigen verwandelt werden. 

* Pater Anselm Grün (77) ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und Bestsellerautor von rund 300 Büchern. Er war am Samstag beim «Fest für liturgische Dienste» in Einsiedeln zu Gast.


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