Feststimmung in Müstair: Der Bundesrat tagt «extra muros» – und zwar im Benediktinerinnen-Kloster in Müstair. «In einer Zeit der Verunsicherung hilft die Religion, sich zu orientieren», sagt Bundespräsident Ignazio Cassis. Die Bundesräte kommen mit dem Helikopter – nur Simonetta Sommaruga reist mit dem Bus an.
Sarah Stutte
Die Benediktinerinnen des Klosters St. Johann in Müstair fühlen sich vom Besuch des Bundesrats geehrt. Schwester Johanna Steiner (72) sagt im Vorfeld zu kath.ch, wie sehr sie sich darauf freue, allen sieben Bundesrätinnen und Bundesräten am Mittwochmorgen den Znüni-Kaffee und den Znüni-Tee einzuschenken.
«Dieser Besuch ist etwas Einmaliges, eine Ehre. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die Politikerinnen und Politiker nicht zum Vergnügen zu uns kommen, sondern zum Arbeiten», sagt die Schwester schmunzelnd.
Auch die Priorin, Schwester Aloisia Steiner (73), spricht von einem wichtigen Tag. «Den Gesamtbundesrat hatten wir noch nie bei uns. Der damalige Bundespräsident Guy Parmelin war im letzten Jahr mit Bischof Joseph Maria Bonnemain da», sagt die Klostervorsteherin.
Bei den Nonnen im UNESCO-Weltkulturerbe-Kloster in Müstair schaut die Prominenz also gerne vorbei. Die Priorin betont aber: «Wir sind eine geschlossene Gemeinschaft. Jeden Tag möchten wir deshalb nicht Besuch empfangen, schliesslich gibt es hier viel zu tun.»
Viel zu tun gibt es auch, als der Gesamtbundesrat am Mittwochmorgen gegen 8.30 Uhr anreist – pardon, anfliegt. Mit drei Helikoptern, die auf der Wiese hinter den Klostermauern zur Landung ansetzen. Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga ist die einzige, die den Zug und den Bus nimmt. Sie ist schon einige Minuten früher auf dem Platz und beäugt gespannt die Ankunft ihrer Kolleginnen und Kollegen.
Während die Benediktinerinnen den schon erwähnten Znüni und den Saal für die anschliessende Bundesratssitzung herrichten, bereiten die Gemeindehelferinnen und Helfer fleissig den später angesetzten Apéro mit der Bevölkerung von Müstair auf dem Dorfplatz vor. In der Zwischenzeit gibt Bundespräsident Ignazio Cassis den angereisten Medien Auskunft.
Der Gesamtbundesrat habe in diesem Jahr alle vier Himmelsrichtungen der Schweiz besucht: Genf, Schaffhausen, das Tessin und jetzt Müstair in Graubünden. «Damit konnten wir auch alle vier Sprachgemeinschaften berücksichtigen. Das freut mich besonders, denn das ist gelebte Vielfalt», sagt er.
Sehr vielfältig seien auch die Örtlichkeiten, an denen der Bundesrat «extra muros» tage. In Museen, Regierungsgebäuden und in Schulen hätten die sieben Bundesrätinnen und Bundesräte bisher getagt. «Und heute eben in einem Kloster. Das ist das erste Mal in der Geschichte», betont Ignazio Cassis weiter.
Dies unterstreiche die Vielfalt der Schweiz, aber auch die Bedeutung der Beziehungen zwischen Bund und Kantonen und vor allem die Nähe zur Bevölkerung. «Dass dies in der Schweiz auf so ungezwungene Weise möglich ist, ist eine der ganz grossen Stärken unseres Landes», fügt der Bundespräsident hinzu. Aus diesem Grund freue er sich zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen auch sehr auf den Austausch mit der Bevölkerung von Müstair.
Ignazio Cassis erklärt weiter, warum er als Bundespräsident Graubünden als Destination für eine «extra muros»-Sitzung ausgewählt habe. «Die Randregionen stehen für mich als Vertreter der südlichen Randregion der Schweiz im Zentrum meines Präsidialjahres. Deshalb wollte ich mit dem Gesamtbundesrat in den vier Sprachgemeinschaften präsent sein, um zu zeigen, dass wir für die ganze Bevölkerung da sind. Graubünden ist der einzige dreisprachige Kanton der Schweiz, das sticht auch noch heraus».
Und warum das Val Müstair? «Es ist eine Peripherie, aber gleichzeitig sehr zentral in ein Dreiländereck eingebettet. Mir gefällt das wunderschöne Benediktinerinnenkloster St. Johann, das seit 1983 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist und ich liebe diese unglaubliche Schönheit der Natur. Wir konnten gerade auf den Bergspitzen die ersten Sonnenstrahlen sehen, die durch die Wolken brechen. Und die Herbstfarben sind fantastisch.»
Ignazio Cassis äussert sich auf die Frage von kath.ch auch zum Thema Religion. «Vor allem in einer Zeit der Verunsicherung hilft die Religion der Bevölkerung, sich zu orientieren. Der Glaube ist dafür da, dass wir alle einen Weg im Leben finden. Und an einem solchen Ort spürt man die religiöse Kraft noch deutlicher», sagt Cassis.
Dann ergänzt er: «Wobei man nicht vergessen darf, dass das Kloster zu Beginn gar kein religiöser Ort, sondern ein Verwaltungsgebäude war. Diese Kombination von Amtsführung und Spiritualität ist mir wichtig.»
Beeinflusst ein solcher spiritueller Ort die Entscheide des Bundesrats? «Oh ja. Jede Klausursitzung, die der Bundesrat nicht im Bundesratszimmer hält, hilft neue Blickwinkel zu schaffen. Eine neue Umgebung, Einflüsse und Emotionalität erweitern die Denkweise und sind wichtig für die Entscheide, die wir treffen», betont Bundespräsident Cassis.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/bundesbern-in-muestair-erstmals-tagt-der-bundesrat-in-einem-kloster/