Sex, Gewalt, Religion: Die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg (51) hat mit «Antichrist» und «Nymphomaniac» Filmgeschichte geschrieben. Ihre Beziehung zum Judentum war intensiver, als ihr Vater noch lebte. Das «Zurich Film Festival» ehrt sie mit dem «Goldenen Auge.»
Sarah Stutte
Der fünfte Tag des «Zurich Film Festival» gehörte Charlotte Gainsbourg. Die französisch-britische Schauspielerin und Sängerin traf sich am Montagnachmittag mit dem Publikum und holte sich am Abend den Festivalpreis ab. Sie erhielt das «Goldene Auge» für ihre grosse Karriere und Wandlungsfähigkeit, mit der sie nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee erfolgreich ist. Und das seit Jahrzehnten.
Ein wenig früher an diesem Tag nippte die Tochter des berühmten Künstlerpaares Jane Birkin und Serge Gainsbourg an einem Espresso – unbemerkt vom Kinopublikum, ganz alleine auf der Terrasse des Kinos «Kosmos». Eine einmalige Chance, um höflich über das Thema Religion ins Gespräch zu kommen.
Religion sei wichtiges Thema
«Bien sûr», sagt Charlotte Gainsbourg, und schiebt ihren Espresso zur Seite. Wie sie den Festival-Schwerpunkt «#MyReligion» findet, der sich den «Altaren der Neuzeit» widmen will? Die Schauspielerin antwortet mit einer Gegenfrage: «Und was bedeutet das genau?»
Charlotte Gainsbourg erzählt, sie habe keine Zeit, sich einen der Filme anzusehen. Sie findet es aber wichtig, sich künstlerisch mit dem Thema Religion auseinanderzusetzen: «Religion ist heute überall um uns herum. Man kann zwar aus der Kirche austreten, aber sich nicht vor der Auseinandersetzung mit ihr drücken.»
Glaube an den Tod verloren
Sie selbst habe ein zwiespältiges Verhältnis zum Glauben, sagt die Schauspielerin. «Mein Vater stammt aus einer russisch-jüdischen Familie, wurde aber wie ich selbst nicht religiös erzogen. Trotzdem verspürte ich nach dem Tod meiner Grossmutter das Bedürfnis, dem Judentum nachzuspüren, besuchte die Synagoge und versuchte, koscher zu essen – zumindest eine Zeitlang. «Mein Vater schenkte mir sogar eine Kette mit einem Davidstern, um mich zu unterstützen», erzählt Charlotte Gainsbourg.
Als Serge Gainsbourg im Sterben lag, hätten sie ihre Davidstern-Ketten getauscht. Damit er etwas von ihr mitnehme und umgekehrt. Das sei auch der Moment gewesen, in dem die damals 19-Jährige die Religion wieder hinter sich liess. «Ich hatte gehofft, der Glaube würde mich vor schlimmen Erfahrungen beschützen. Als ich merkte, dass das nicht so war, sah ich keinen Sinn mehr in meinem Eifer.» Ihr Ehemann, Filmemacher Yvan Attal, und ihre drei gemeinsamen Kinder seien jedoch dem jüdischen Glauben sehr verbunden.
Gewalt, Sex und Katholizismus
Und was hält sie von der katholischen Kirche? Warum hat die immer noch ein Problem mit Sexualität? Das wisse sie nicht, sagt Charlotte Gainsbourg. Sie fände es spannend, hierzu die Meinung von Lars von Trier zu hören.
Mit diesem Regisseur hat Charlotte Gainsbourg unter anderem die Filme «Antichrist» und «Nymphomaniac» realisiert. Hier geht’s um Gewalt und Sex – und zwar religiös aufgeladen. Lars von Trier konvertierte in den 1990er-Jahren zum Katholizismus.
Später, beim Publikumsgespräch, erzählt Charlotte Gainsbourg noch mehr über die Arbeit mit Lars von Trier, vor allem über die Dreharbeiten zu «Antichrist». Der Film von 2009 handelt von einem Paar, das den Verlust des gemeinsamen Sohnes betrauert und sich in eine einsame Waldhütte zurückzieht. Dort spitzt sich die Situation aber erst recht zu. Es geht um christliche Symbole, Hexenverfolgung und das Motiv, Triebe zu bekämpfen, um zu Gott zurückzufinden.
Von brutal zu normal
«Das war alles sehr anspruchsvoll. Ich war anfangs verwirrt, weil ich nicht wusste, was Lars von Trier von mir wollte», berichtet Charlotte Gainsbourg. In ein- und derselben Szene sollte sie gleichzeitig hysterisch sein, lachen und weinen. «Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er nur, ich solle ihm vertrauen. Am Schluss setze er alle kleinen Teile zu einem Ganzen zusammen – und das stimmte.»
Trotzdem gibt die Schauspielerin zu, dass die Dreharbeiten alles von ihr gefordert hätten und sie nach diesem Film «total fertig» gewesen sei: «Ich brauchte eine Weile, um aus dieser wilden und brutalen Rolle heraus wieder in den Normalzustand zurückzukehren.»
Charlotte Gainsbourg ist am «Zurich Film Festival» in ihrem neuen Film «The Almond an the Seahorse» zu sehen. Darin spielt sie eine Frau, deren Lebenspartnerin ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Am Donnerstag, 29. September, ist der Film um 18.30 Uhr im Zürcher Kino «Arena 4» nochmals zu sehen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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