Früher hatten die Menschen im Wallis Angst vor wachsenden Gletschern. Wegen des Klimawandels drohen die Gletscher jedoch ganz zu verschwinden. 2010 hat Papst Benedikt XVI. ein Gletscher-Gebet entsprechend angepasst. Dieses Jahr fiel die traditionelle Prozession aus.
Sarah Stutte
Die Schweiz debattiert über die Gletscher-Initiative. Am Wochenende waren über 500 Menschen schweizweit auf rund 60 Wanderungen unterwegs, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.
Die Klimaschützerinnen und Klimaschützer sind überzeugt: Gerade für die Gletscher müsse mehr getan werden. Und mit Blick auf die Gletscher-Initiative sagen sie: Der indirekte Gegenvorschlag des Nationalrats dürfe nicht verwässert werden. Über den entscheidet der Ständerat diesen Donnerstag.
Die Demonstrationen fanden auch im Wallis statt. Etwa auf dem Höhenweg Simplon oder im Lötschental. Zum Aletschgletscher führte jedoch keine Tour. Für diesen spricht die Bevölkerung normalerweise jeweils im Sommer ein traditionelles Gebet und bittet für den Schutz gegen Steinschlag, Unwetter und Gletscherschmelze. Die Prozession fiel aber aus.
Warum? «Sie findet immer am 31. Juli statt – zu Ehren des Heiligen Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens. Fällt dieser Tag jedoch auf einen Sonntag, wird die Prozession nicht durchgeführt. Das war diesmal der Fall. Die nächste Prozession wird also erst wieder am 31. Juli 2023 stattfinden», sagt Herbert Volken, der frühere Gemeindepräsident von Fiesch und langjährige Regierungsvertreter im Goms.
Bei der Prozession ziehen die Gläubigen frühmorgens von Fiesch aus zur Kapelle im Ernerwald. Diesen Bittgang gibt es seit 1678, der jedoch zu jener Zeit noch anders ausgerichtet war. Damals fürchteten sich die Bewohnerinnen und Bewohner vor einem allzu starken Wachstum des Gletschers, da dieser bedrohlich nahe ans Dorf heranrückte.
In den kommenden Jahrhunderten wurde dann plötzlich die Gletscherschmelze zum Problem und das Gelübde wurde angepasst.
Die Folgen des Klimawandels riefen den damaligen Fiescher Gemeindepräsidenten Herbert Volken auf den Plan. Er plädierte dafür, das Walliser Brauchtum zu ändern, und reiste daher zu Papst Benedikt XVI. Im Rahmen einer Generalaudienz überzeugte er im Jahr 2009 den Papst, den Gebetstext zu ändern.
Die Abklärungen des Heiligen Stuhls dauerten ein Jahr an – danach wurde das Anliegen gutgeheissen. Aus dem Anti-Gletscher-Gelübde wurde so 2010 ein Pro-Gletscher-Gelübde.
Im Vorfeld seines Besuchs äusserte Herbert Volken den Wunsch, den Papst auf den Aletschgletscher einzuladen. Was wurde daraus? «Dazu kam es leider nicht, weil er damals schon recht alt war. Im Gespräch zeigte er aber grosses Interesse am Aletschgletscher und wusste auch, dass es sich hierbei um den grössten Alpengletscher handelt», erinnert sich Volken.
Durch den päpstlichen Segen wurde der traditionellen Zeremonie plötzlich eine enorme Aufmerksamkeit zuteil. Inländische und ausländische Medien reisten von überall her an und berichteten darüber.
Auf die Frage, ob es auch «Prozessions-Touristen» gegeben hätte, die am Gebetszug mitgelaufen sind, meint Herbert Volken: «Das weiss ich nicht. In den Folgejahren waren mehr Menschen daran beteiligt. Deren Beweggründe mögen unterschiedlich gewesen sein. Manche von ihnen haben sicher aus den Zeitungen davon erfahren.»
Indes schmilzt der Aletschgletscher weiter. Herbert Volken ist jedoch nach wie vor fest davon überzeugt, dass der Prozessionszug einen Unterschied macht. «Ohne Gebet und Prozession wäre die Schmelze vermutlich noch gravierender.
Doch das allein reicht nicht aus. Alle Menschen müssen ein bisschen mithelfen und sorgsamer sein.» Volken glaubt, dass die Klimaveränderung nicht nur von uns geschaffen, sondern teilweise auch Wille der Natur sei. «Wir haben die Aufgabe und Pflicht, uns ihr anzupassen und nicht umgekehrt», sagt er.
Auch wenn aus dem Gletscherbesuch des Papstes nichts wurde – Herbert Volken war mit Benedikt trotzdem einmal gut zu Fuss. «2005 – in seinem ersten Jahr als Papst – habe ich mit ihm an seinem Feriendomizil in Les Combes im Aostatal eine kurze Wanderung unternommen.
Danach haben wir ein Glas Wein getrunken und ich habe dem Papst meine Bergführermedaille geschenkt. Er hat sich darüber gefreut und sie eingesteckt. Vermutlich ist die Medaille jetzt in der vatikanischen Geschenkkammer.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wie-aus-einem-anti-gletscher-geluebde-ein-pro-gletscher-gebet-wurde/