Mariano Tschuor über Queen Elizabeth: «Ihre Treue zur Kirche war beispiellos»

Pflichtbewusst, stylisch – und die letzte Königin aus dem Hochadel: Adelsexperte Mariano Tschuor hat das Leben von Queen Elizabeth II. eng verfolgt. Ein Gespräch über das letzte Foto der Queen, ihren Schweiz-Besuch – und wie sie sich vor Dianas Sarg verneigte.

Raphael Rauch

Das letzte Foto der Queen datiert vom Dienstag. Wie wirkt das Foto auf Sie?

Mariano Tschuor*: Ich hatte Gänsehaut, als ich es gesehen habe, denn die Queen wirkt müde und fragil. Sie blickt über die Brillengläser hinaus, was sie alt erscheinen lässt. Der Rücken ihrer rechten Hand ist blutunterlaufen. Obwohl sie zuhause am Kamin ist, trägt sie eine Handtasche. 

Das Foto ist entstanden, bevor die Queen Liz Truss zur Premierministerin ernannte.

Tschuor: Als sie volljährig wurde, hielt Elizabeth in Südafrika eine Radioansprache und versprach, ihr Leben in den Dienst des Volkes zu stellen – «sei es kurz oder lang». Bis zum Schluss hat die Queen gearbeitet.

Kannten Sie die Queen persönlich?

Tschuor: Nein. Aber natürlich habe ich ihren Weg intensiv verfolgt. 1980 kam sie zu einem Staatsbesuch in die Schweiz. Sie machte auch einen Abstecher nach Liechtenstein. Charles und Diana haben oft die Skiferien in Klosters verbracht – die Queen war da aber nicht dabei. 

«Prinz Philip, war mit dem Haus Hessen verwandt. Diese besassen das Schloss Tarasp.»

Gibt es sonst Bezüge zur Schweiz?

Tschuor: Ja, und zwar über das Haus Hessen. Ihr verstorbener Ehemann, Prinz Philip, war mit dem Haus Hessen verwandt. Und die Landgrafen von Hessen besassen das Schloss Tarasp.

Was haben Sie an der Queen geschätzt?

Tschuor: Sie war eine Institution. Premiers kamen und gingen – sie war der Fels in der Brandung. Sie steht für Treue und Pflichtbewusstsein. Letztlich verkörpert sie die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als sie den Thron bestieg, war das Königreich noch eine Kolonialmacht. Sie hat es geschafft, dem Commonwealth ein Gesicht zu geben.

Was wissen Sie über die religiöse Seite der Queen?

Tschuor: Die Königin von England ist Oberhaupt der «Church of England». Das ist erst einmal ein Titel – aber für einen gläubigen Menschen wie Queen Elizabeth II. war das schon mehr. Ihre Treue zur Kirche war beispiellos. Ihre Gottesdienstbesuche waren keine Show – sie war tiefgläubig. Jeden Sonntag ging sie zur Messe. Ich nehme an, dass wir mehr über ihre Spiritualität erfahren, wenn einmal ihre Tagebücher veröffentlicht werden. Sie hat ja jeden Abend Tagebuch geschrieben.

Wie war das Verhältnis der Queen zur katholischen Kirche?

Tschuor: Mit Ausnahme von Paul VI. und Johannes Paul I. traf sie mit allen Päpsten zusammen, entweder in Rom oder in England. Wenn wir die Bilder von früher mit den letzten Bildern vergleichen, sehen wir, wie stark sich die Gesellschaft verändert hat.

Weil es nun weniger Prunk gibt?

Tschuor: Früher kam die Queen mit der ganz grossen Toilette, schwarz gekleidet, wie sich das für eine nicht-katholische Königin gehört. Und natürlich mit prächtigem Diadem. Beim letzten Treffen mit Papst Franziskus kam sie mit Hut und Handtasche. Sie liess den Papst über eine Stunde warten, weil sich das Essen beim italienischen Staatspräsidenten im Quirinal verzögert hatte. 

Warum sind die jungen Royals heute anders?

Tschuor: Es ist eine ganz andere Generation. Und sie entstammen nicht mehr dem Hochadel. Die Queen kam aus der Hocharistokratie und hatte mit Prinz Philip einen Mann geheiratet, der ebenfalls dem Hochadel entstammte. Das gilt für die nächste Generation nicht mehr. Diana und Camilla stammen aus dem Landadel, William hat eine Bürgerliche zur Frau. Dadurch ändert sich der Habitus.

Welche Bilder der Queen bleiben Ihnen in Erinnerung?

Tschuor: 1992 hatte die Queen ein «annus horribilis», wie sie es selbst nannte. Schloss Windsor war damals abgebrannt. Ein Foto ging um die Welt, das die Queen im Regenmantel und mit Kopftuch zeigte. Es muss furchtbar gewesen sein.

Manche sahen 1997 die Monarchie am Kippen, als Lady Di starb.

Tschuor: Daran habe ich nie geglaubt. Die Monarchie ist zu sehr mit der britischen Mentalität verwurzelt. Was mich bei Dianas Abdankung überrascht hat: Als Dianas Sarg am Buckingham Palace vorbeifuhr, kam die Queen aus dem Tor hinaus. Und dann verneigte sich die Queen vor dem Sarg. Das war eine beispiellose Geste. Man verneigt sich vor der Königin – nicht umgekehrt.

«Charles engagiert sich stark für den Naturschutz.»

Nun ist Charles III. König von England. Tun wir ihm unrecht, wenn wir ihm royales Format absprechen?

Tschuor: Ja, da tun Sie ihm unrecht! Wenn wir schauen, wie stark er sich schon in den 1990er-Jahren für den Naturschutz engagierte, stellen wir fest: Der war damals schon weiter als viele es heute sind. Er setzt sich für die Integration verschiedener Kulturen ein und warnt vor problematischen städtebaulichen Entwicklungen.

Es gibt ein Foto, auf dem Charles, Camilla und Papst Franziskus zu sehen sind. Provoziert Camilla mit ihrem Outfit?

Tschuor: Nein, denn sie trägt beige, nicht weiss.

«Die Abdankung wird der Beerdigung von Queen Mum ähneln.»

Welche Erwartungen haben Sie an das Staatsbegräbnis?

Tschuor: Das wird was ganz Grosses! Die Abdankung wird der Beerdigung von Queen Mum ähneln – allerdings wird es nun noch zeremonieller und mit einer längeren Staatstrauer. In Westminister ist das Requiem, danach geht’s nach Windsor, wo die Queen in der Georges-Kapelle an der Seite ihres Mannes bestattet wird.

Was wird von der Queen in Erinnerung bleiben ausser «never complain, never explain»?

Tschuor: Sie war eine Stilikone. Jeder Auftritt war komplett durchgestylt. Sie hat selbst einmal gesagt: «Ich bin nicht gross, man muss mich sehen.» Und sie war ein humorvoller Mensch. Der kanadische Premier Justin Trudeau meinte einmal: «Sie waren schon Königin, als ich noch nicht geboren war.» Daraufhin konterte die Queen: «Jetzt machen Sie mich noch älter, als ich bin.»

«Wenn man Pomp and Circumstance liebt, findet man das in England.»

Sie haben immer mal wieder britische Klöster besucht. Warum begeistert Sie die Insel?

Tschuor: Wenn man «Pomp and Circumstance» liebt, findet man das in England – und zwar in Vollkommenheit. Natürlich hat das Königshaus auch etwas Operettenhaftes. Und trotzdem ist es identitätsstiftend.

* Der Journalist Mariano Tschuor war bei RTR und SRF Adelsexperte.


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