«Wer verwandelt Wasser zurück in Gletscher?» Die Kirche wird zur Klimaschützerin

Spätestens seit «Laudato si’» ist der Schutz der Schöpfung ein Kernanliegen der Kirche. Entsprechend stand auch beim RKZ-Fokus der Klimawandel im Zentrum. Mit illustren Gästen und interessanten Ateliers – doch leider mit wenig konkreten Ergebnissen.

Wolfgang Holz

Selten wie in diesem Sommer ist allen bewusst geworden, was der Klimawandel für die Schweiz bedeutet. Hundstage ohne Ende mit Temperaturen über 30 Grad. Bedenklich dahinschmelzende Gletscher. Ausgetrocknete Böden. Akute Waldbrandgefahr. Von der Sonne verbrannte Maisfelder.

Auch die katholische Kirche hat die Gefahren des Klimawandels erkannt. Die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) hat am Montagabend nach Bern zum RKZ-Fokus eingeladen. Um zu debattieren, was nun zu tun sei – und vor allem, was die Kirche machen könnte.

«Die Zeit drängt»

Unter dem Motto «Die Zeit drängt» traf sich die RKZ-Familie. Slam-Poet Remo Zumstein brachte die Problematik des Klimawandels aus religiöser Sicht humorvoll auf den Punkt bracht: «Du hast uns einen Sohn geschenkt, der Wasser in Wein verwandelt hat, aber wer verwandelt uns Wasser zurück in Gletscher?»

Martine Rebetez, Klimaforscherin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sowie Professorin an der Universität Neuenburg zeigte, wie dramatisch es um den Klimawandel bestellt ist.

Temperatur mehr als zwei Grad gestiegen

In der Schweiz seien die Temperaturen seit dem 19. Jahrhundert durchschnittlich um 2,2 bis 2,4 Grad gestiegen – fast doppelt so viel wie im Vergleichszeitraum weltweit. «Die Schweiz ist Weltmeisterin im Auslagern von CO2-Produktion. Zum Beispiel, weil wir Lebensmittel aus dem Ausland importieren.»

Zuvor hatte RKZ-Vizepräsident Roland Loos die Dringlichkeit formuliert: «Der Wunsch nach Veränderungen ist gross. Nicht nur, was Dauerbrenner wie die Rolle der Frauen in der Kirche anbelangt. Es geht auch um die Zukunft eines bewohnbaren Planeten.»

Sieben Ateliers

Wie dem immer dramatischeren Klimawandel begegnet werden kann, erfuhren die Teilnehmenden in sieben Ateliers. Es ging etwa um die Frage, wie die öffentliche Beschaffung die Kreislaufwirtschaft fördern kann – am Beispiel der Firma Prozirkula.

«Nachhaltig leben meint keine vorgeschriebene Route aus Asphalt, sondern ein verzweigtes Netz aus kleinen Pfaden.»

Kevin Ischi, Katholische Kirche Kanton Zürich

Die katholische Kirche im Kanton Zürich beschäftigte sich mit Umweltmanagement und Nachhaltigkeitsstrategien. Kevin Ischi leitet hier das Thema Nachhaltigkeit: «Nachhaltig leben meint keine vorgeschriebene Route aus Asphalt, sondern ein verzweigtes Netz aus kleinen Pfaden. Wir alle können den Weg zum Ziel selbst mitbestimmen.»

Der Theologe Kurt Zaugg-Ott leitet die Fachstelle «oeku – Kirchen für die Umwelt». Er ist überzeugt, «dass Kirchgemeinden mit dem grünen Güggel umweltbewusst handeln. Solche Kirchgemeinden kennen ihre Umweltzahlen, kommunizieren ihr Engagement und werden in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen.»

«Grüner Güggel»

Mit «Grüner Güggel» sind Kirchgemeinden gemeint, die sich verpflichten, umweltschonende Verhaltensweisen zu veranlassen. Dabei stehen Energiefragen und Biodiversität ganz oben auf der To-do-Liste. «Viele Kirchgemeinden sind bereits aktiv Teil der Lösung: Sie prüfen oder wechseln ihre Energieversorgung, installieren Solaranlagen auf ihren Kirchendächern», sagt Kevin Ischi.

Die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt Bern listet ihrerseits 17 Ziele auf, die bis 2030 wirksam werden sollen. Da überrascht durchaus, dass in der Landeshauptstadt die zwei Ziele «Keine Armut» und «Kein Hunger» ganz oben auf der Agenda stehen.

Das bedeutet, dass Nachhaltigkeit in Bern zuerst beim Menschen beginnt – und nicht bei Solarpanels auf dem Dach. Will heissen: Niemand soll beim ökologischen Wandel auf der Strecke bleiben. «Je nachhaltiger eine Gesellschaft ist, desto sicherer ist sie», lautet das Credo von Adrian Stiefel.

«Was ist die Alternative zu einer sinnvollen Einsetzung unserer Ressourcen?»

Adrian Stiefel, Leiter Amt für Umweltschutz, Stadt Bern

Er leitet das Amt für Umweltschutz der Stadt Bern. «Es gibt sehr viele Ansprüche.» Die Frage der Kosten des ökologischen Wandels sei für ihn aber nie ein grosses Problem gewesen: «Denn was ist die Alternative zu einer sinnvollen Einsetzung unserer Ressourcen?»

«Gesellschaftliche Fantasie nötig»

Der Verein Klimaschutz Schweiz sprach in seinem Atelier über die Gletscher-Initiative und den Gegenvorschlag – und thematisierte dabei eine Ressource, die noch knapper als erneuerbare Energie sei: die «gesellschaftspolitische Fantasie». Sprich: die Fähigkeit zum Umdenken, zur Erneuerung.

Doch wie kommt man vom Reden ins Handeln? Dieser Frage ging Daniel Wiederkehr nach. Er arbeitet für das Hilfswerk Fastenaktion und ist Co-Leiter der Klima-Gespräche. Laut einer neuen Studie bringen die Klima-Gespräche tatsächlich etwas: Die Teilnehmenden senken danach ihren CO2-Fussabdruck.

Spielerisch und einfach

Auch das Atelier «La fresque du climat» von Fabienne Gogniat-Loos zeigte Wege, wie man einfach und spielerisch die Ursachen und Herausforderungen des Klimawandels verstehen und nach Lösungen suchen kann.

Die Firma Bobst Group, die international tätig ist als Hersteller von Maschinen und Anlagen für die Verpackungsindustrie präsentierte ebenfalls ihre industrielle Nachhaltigkeitsstrategie.

Bischöfliche Beauftragte für Ökologie

Vor einem knappen Jahr hat Charles Morerod, der Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Frau Dorothée Thévenaz Gygax zur bischöflichen Beauftragten für Ökologie ernannt. Die Fastenaktion-Frau ist seitdem für ökologische Fragen auf Diözesanebene verantwortlich. In wenigen Minuten berichtete sie über ihre ersten Erfahrungen – gerne hätte man ihr länger zugehört. So engagiert sie sich unter anderem für das Projekt «Conversations carbone» – ein Westschweizer Pendant zu den «Klima-Gesprächen».

Auch die Professorin Birgit Weiler, die als missionsärztliche Schwester in Peru lebt, konnte lediglich ein paar Sätze über die «umweltpolitische Bedrohung des Regenwalds» äussern. «Wenn das so weitergeht, hat das Amazonasgebiet in 15 Jahren seine Fähigkeit verloren, CO2 zu schlucken – und produziert selbst Treibhausgase.»

«Der Ball liegt bei den Kantonalkirchen»

RKZ-Vizepräsidentin Franziska Driessen-Reding vertrat die erkrankte Präsidentin Renata Asal-Steger. Driessen-Reding wies darauf hin, dass die RKZ auf nationaler Ebene nur über wenig Mittel verfüge. 

«Der Ball liegt bei den Kantonalkirchen. Wir können gegenseitig voneinander profitieren, indem wir Verantwortlichen uns in diesem Thema austauschen und erlangtes Wissen grosszügig weitergeben», sagte Driessen-Reding. 

Nespresso-Kapseln in Zürich

Nicht jede Kantonalkirche müsse das Rad neu erfinden. Es komme darauf an, ins Handeln zu kommen. Auch kleine Schritte zählten, findet Driessen-Reding: «Ich schäme mich, dass wir am Zürcher Hirschengraben immer noch Nespresso-Kapseln haben.» Driessen-Reding kündigte an, künftig noch stärker auf ökologische Themen zu achten.

RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch brachte den nötigen ökologischen Perspektivenwechsel dann auf die Formel: «Weniger wird mehr sein.» Wichtig sei aber, dass der Verzicht nicht zu einer gesellschaftlichen Depression führe.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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