Eine Alternative zum Missionieren? Nach der Wahrheit suchen!

Der Missionsauftrag des Christentums klingt nach Zwang, Übergriffigkeit und Kolonialismus. Eine Lösung bietet das II. Vatikanische Konzil: «Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit … zu suchen.»

Nikodemus Schnabel*

Darf ich missionieren? «Dürfen» ist gut; wenn es nach dem Missionsbefehl des Neuen Testaments geht, lautet die Antwort: «Du musst!» 

«Macht alle Völker zu meinen Jüngern!»

Das Matthäusevangelium schliesst mit den berühmten Worten, die der auferstandene Jesus Christus an seine elf Apostel (Judas Iskariot ist ja nicht mehr dabei) richtet: «Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.» (Mt 28,19 f.)

Nun könnte man kritisch nachfragen, ob dieser Befehl an die Apostel heute absolute Gültigkeit für jede Christin und jeden Christen beansprucht. Wahrscheinlich verspüren viele eher ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber dieser Bibelstelle, da das Ganze doch nach Zwang, Übergriffigkeit und Kolonialismus schmeckt. 

Toxische Mischung

Genau dieser toxischen Mischung hat sich die katholische Kirche 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit dem Missionsdekret «Ad Gentes» in grosser Klarheit entgegengestellt, so etwa in Nr. 13: 

«Die Kirche verbietet streng, dass jemand zur Annahme des Glaubens gezwungen oder durch ungehörige Mittel beeinflusst oder angelockt werde, wie sie umgekehrt auch mit Nachdruck für das Recht eintritt, dass niemand durch üble Druckmittel vom Glauben abgehalten werde.»

Nach der Wahrheit suchen

Lesenswert ist auch die Konzilserklärung «Dignitatis Humanae» zur Religionsfreiheit, Untertitel: «Das Recht der Person und der Gemeinschaft auf gesellschaftliche und bürgerliche Freiheit in religiösen Belangen». 

Dort wird der Missionsbefehl aus dem Matthäusevangelium am Anfang ebenfalls zitiert, worauf das Konzil kommentierend schreibt: «Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit … zu suchen.»

Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht

Könnte das vielleicht eine gute Antwort sein? Zwang verbietet sich genauso wie ein Reflexionsstopp? Oder anders formuliert: Religionsfreiheit – und zwar sowohl die negative als auch die positive – ist ein Menschenrecht, Denkfaulheit dagegen nicht.

* Nikodemus Schnabel (43) ist Benediktinerpater und Patriarchalvikar für die Migrantinnen und Migranten des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Dieser Text ist zuerst in der «Welt am Sonntag» (4. September) erschienen.

Am Sonntag, 11. September gestaltet das Katholische Medienzentrum in Zusammenarbeit mit Missio und der Inländischen Mission einen Gottesdienst zum Thema «Friedensmission» – um 18 Uhr live aus der Pfarrei St. Anton in Bern-Bümpliz: www.kath.ch/live.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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