Kämpferisch und unerschrocken wirken die russischen Punk-Musikaktivistinnen von Pussy Riot. Gleichzeitig beweisen sie Humor und Gelassenheit. Das Publikum am Theater Spektakel in Zürich ist fasziniert. «Ihr dürft kein Öl und Gas mehr kaufen», sagt Aktivistin Marija Aljochina während dem «Stammtisch».
Wolfgang Holz
«Sind Sie wirklich die, die sich verkleidete, um aus Russland zu flüchten?» fragt gleich zu Beginn des «Stammtisch» auf der Landiwiese in Zürich-Wollishofen ein verblüfft wirkender Besucher. «Ja, das bin ich, das ist im Augenblick die Standardfrage, die mir gestellt wird», antwortet Marija Wladimirowna Aljochina. Sagts und grinst. Zur Überraschung vieler nicht zum einzigen Mal an diesem Abend.
Bekanntlich war Maria Aljochina wegen ihrer Anti-Putin-Aktivitäten wieder in Hausarrest gesessen und sollte in ein Straflager. Als Lieferantin verkleidet gelang ihr im Mai eine aufsehenerregende Flucht ins Ausland – mittels einer Odyssee durch Belarus, Litauen bis nach Island.
Was eigentlich «nur» als Stammtisch für interessierte Personen am Montagabend am Theater Spektakel gedacht war, entpuppte sich schnell zu einem Massenauflauf. Viele fühlten sich spontan angelockt von den radikalen feministischen Punk-Aktivistinnen, die Putin sichtlich das Fürchten lehren.
Wobei auch zu spüren war, dass so manche – sechs Monate nach dem militärischen Überfall Russlands auf die Ukraine – gierig nach unmittelbaren Informationen waren, wie denn eigentlich Russen und Russinnen, insbesondere Systemgegner, die Kriegskatastrophe am Rande von Europa selbst wahrnehmen.
Auf den ersten Blick klein und unscheinbar wirkt Marija Wladimirowna Aljochina von den Pussy Riot. Ihre Stimme aber zog das Publikum sofort in ihren Bann. In einer Mischung aus Galgenhumor und Gelassenheit, gleichzeitig aber mit analytischer Schärfe antwortete sie auf Fragen der Stammtisch-Besucherinnen und Besucher. Dabei liess sie den Putin-Terror vor dem geistigen Auge Revue passieren.
«Ich bewundere Ihren Mut», ruft die eine oder andere Person aus dem Publikum der 34-Jährigen spontan über den Stammtisch zu, als Aljochina von ihrem zweijährigen Straflageraufenthalt erzählte. Zu diesem neuen «Gulag» Putinscher Provenienz waren sie und ihre Pussy-Riot-Kollegin Nadeschda Tolokonnikova wegen «Hooliganismus» verurteilt worden – nach dem legendären Protest-Auftritt der Musik-Gruppe 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.
«Ein Gulag mit Waschpulver und Schokolade, falls man das Geld dafür hat», beschrieb Aljochina grinsend, wie Straflager heutzutage im Unterschied zu Solschenizyns Zeiten aussehen. Hinter vorgehaltener Hand habe das Wachpersonal ihr gegenüber Sympathie für den gesellschaftlichen Widerstand bekundet. Ob und wie sie im Gefängnis misshandelt wurde – darüber schwieg sie.
Pussy Riot ist längst eine der bekanntesten Bands der Gegenwart. Ohne Teil der Musikindustrie zu sein, hat sich die feministische Formation von Russland aus mit aufsehenerregenden Performances, politischem Mut und maximaler Entschlossenheit ins kollektive Bewusstsein Europas eingeprägt. Gegründet aus Protest gegen die Putin-Regierung haben die oft maskiert auftretenden Mitglieder von Pussy Riot mit Wut im Bauch die Riot-Grrrl-Bewegung wiederbelebt und nebenbei den Punkrock aus der politischen Bedeutungslosigkeit emporgehoben.
Am ersten Theater-Spektakel-Wochenende trat die Gruppe auf der Landiwiese im Rahmen ihrer Europa-Tour in der Werft auf. Zu Slogans wie «Fuck Putin» urinierte dabei eine Aktivistin bei dem Konzert am Sonntagabend sogar auf ein Gemälde des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dabei nimmt sich die Band um Aljochina selbst beim Wort: Ihre Tour dient nicht nur dazu, gegen Putin zu protestieren. Sie unterstützen auch das grösste Kinderkrankenhaus der Ukraine, Ohmatdyt in Kiew, finanziell.
«Ihr dürft kein Öl und kein Gas mehr kaufen, dann kann der Krieg in der Ukraine nicht weitergeführt werden.»
Marija Aljochina
«Was können wir hier denn tun, um die Verhältnisse in Russland zu ändern?», fragte ein weisshaariger Mann. Die Botschaft Aljochinas, die sich inzwischen eine Zigarette angesteckt hatte, war glasklar. «Wehrt Euch. Ihr dürft kein Öl und kein Gas mehr kaufen, dann kann der Krieg in der Ukraine nicht weitergeführt werden.» Auch würde dann den russischen Eliten, «die die Schweiz mögen, weil sie hier gerne Häuser und Jachten kaufen und ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken», das Geld ausgehen.
Längst stehen zig Besucherinnen und Besucher rund um den Stammtisch – wohl um die 100 insgesamt – und lauschen gebannt den Worten von Pussy Riot. «Aber warum hat es denn nie eine solche Majdan-Revolution des Volkes in Russland gegeben wie vor Jahren in der Ukraine?», fragt eine Stammtischlerin. Die Ukraine sei eben schon länger ein viel freiheitlicheres Land wie Russland, erklären andere Pussy-Riot-Mitglieder. Die Opposition werde brutal unterdrückt. Stichwort: Nawalnyj.
«Wer nur das Wort Krieg in den Mund nimmt, riskiert ins Gefängnis geworfen zu werden», so Aljochina. Dabei sei der Krieg auch in Russland nicht populär. Die Bevölkerung werde durch Propaganda fehlgeleitet und eingeschüchtert. Frauen seien grundsätzlich unterdrückt. «Putin ist ein Sexist. Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich wird strafrechtlich nicht geahndet.»
Und wie stehts mit der Religion? Auch hier nimmt die Punk-Aktivistin kein Blatt vor den Mund. «Patriarch Kirill ist ein ehemaliger KGB-Agent jenseits der Wolken.» Und Putin usurpiere die russisch-orthodoxe Kirche, um die staatliche Repression zu legitimieren.
«Es gibt aber auch mutige Priester, die politisch Verfolgten ihre Kirche als Schutz angeboten haben.»
Marija Aljochina
«Es gibt aber auch mutige Priester, die politisch Verfolgten schon ihre Kirche als Schutz angeboten haben», würdigt Aljochina. Dabei habe die Religion in Russland selbst eine schwierige Zeit der Unterdrückung hinter sich – aufgrund ihres langjährigen Verbots in der Sowjetära . «Es konnte damals passieren, dass jemand eingesperrt wurde, nur weil er Weihnachten feierte.» Sie selbst empfindet sich als gläubig. «Ich glaube an Gott – wenn auch nicht an die Religion des russischen Machtsystems.»
Während der gesamten Diskussion beeindruckt immer wieder der Mut, aber auch der Humor von Pussy Riot. Wenn die Gruppe etwa erzählt, wie sie bei einer spontanen Protestaktion im fernen Jakutsk nicht wusste, wie man mit Farbpulver umgeht und dann in der Hitze des Gefechts über sich selbst lachen musste. Den Humor und den Lebensmut trotz aller Repression nicht zu verlieren, sei Teil des Jobs.
«Punk ist absolut zeitlos.»
Melinda, Besucherin des Theater Spektakels
«Ich finde es toll, wie Pussy Riot gegen Putin kämpft und die orthodoxe Kirche in die Verantwortung zieht», sagt die junge Schweizer Punkerin Melinda auf dem Festivalgelände. Die reformierte Gläubige trägt auffällig blaue Haare und ist mit ihrem Freund Lukas zur Veranstaltung gekommen. Der Protest der Punkerinnen beeindruckt sie. «Punk ist absolut zeitlos.»
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