«Wir wollen Kirche dort, wo die Menschen sind»: Neues Quartierzentrum in Luzern

Der «Wäsmeli-Träff» der katholischen Kirche hat eine lange Tradition. Weil er in die Jahre gekommen ist, hat die Kirchgemeinde Luzern an gleicher Stelle für 22 Millionen Franken ein neues Quartierzentrum gebaut. Ein intelligentes Konzept in Zeiten schwindender Gottesdienstbesuchender.

Wolfgang Holz

Wie ein bordeauxroter Quader sticht der moderne Klinkerbau aus der Häuserlandschaft in Luzern. Unweit der Klosterkirche der Kapuziner im Wesemlin-Quartier ist ein solides Gebäude mit Wohnungen, Läden und Zentrumsräumen entstanden.

Katholische Kirche Luzern ist Bauherr

Man würde auf den ersten Blick nicht vermuten, dass die katholische Kirche in Luzern Bauherrin dieser Immobilie ist. Doch wie Herbert Mäder, ehemaliger langjähriger Kirchenrat, bemerkte, brauchte die Pfarrei St. Leodegar eben ein neues Quartierzentrum.

Der über 40 Jahre alte Pavillon des «Wäsmeli-Träffs» auf dem 1977 der Kirchgemeinde geschenkten Grundstück habe längst nicht mehr den Ansprüchen der Nutzerinnen und Nutzer entsprochen. «Und da ein reines Quartierzentrum teuer gekommen wäre, haben wir uns für diese Mischlösung entschieden», sagt Mäder. «Ausserdem wollen wir Kirche dort, wo die Menschen sind.»

«Wir haben das neue Quartierzentrum über die Bank finanziert.»

Herbert Mäder, ehemaliger Kirchenrat

Aber sind 22 Millionen Franken für die Katholische Kirche Luzern nicht ein ziemlicher Batzen Geld? «Wir haben das neue Quartierzentrum über die Bank finanziert», sagt der Kirchenrat wie aus der Pistole geschossen und grinst. Kein Wunder.

26 Wohnungen, Läden und eine Bäckerei mit Café

Denn die Mieten der Läden und der 26 Mietwohnungen – 2,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen – spülen der Katholischen Kirchgemeinde nicht nur jährlich 700 bis 800’000 Franken in die Kasse. «Es bleibt uns pro Jahr ein Nettogewinn von rund 200’000 Franken», rechnet Mäder vor.  Diese Einnahmen helfen der Kirchgemeinde, die geringer werdenden Steuererträge bei natürlichen Personen auszugleichen – zugunsten der kirchlichen und sozialen Tätigkeit.

Eine Win-Win-Situation nicht nur für die Kirchgemeinde. Denn dank der darin liegenden Migros voi, der Bäckerei Kreyenbühl mit Café und der Swidro-Drogerie mit Postfiliale besuchen nicht nur Leute aus dem Quartier täglich die neue Immobilie.

Die teils bereits vorhandenen Quartierläden konnten sich im neuen Zentrum ebenfalls verbessern und modernisieren. Nicht zuletzt sind im Quartierzentrum eine Spitex ebenso wie erstmals eine «Vicino»-Einrichtung ansässig.

«Wir sind für alle da. Für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.»

Thomas Deschwanden, Quartierarbeit Pfarrei St. Leodegar

Letztere ist ein Begegnungszentrum für alle Menschen im Quartier, wo auch ein Mittagstisch angeboten wird. «Wir wollen Treffpunkt sein für vielfältige, farbige Aktivitäten und Begegnungen», sagt Thomas Deschwanden von der Quartierarbeit der Pfarrei St. Leodegar. «Wir sind für alle da. Für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.» Und da ist natürlich noch das Quartierbüro der Pfarrei St. Leodegar selbst.

Der neue «Wäsmeli-Treff» ist ein heller, teilbarer Saal mit modernen, grossen «Bullaugen» nach draussen ins Quartier und aufs benachbarte Pfadiheim. Darin ist Platz für bis zu 200 Personen. Inklusive Gastroküche.

Einweihungsfest 27./28.August

«Diese Säle kann jede und jeder mieten, man kann hier sogar Eucharistie feiern», sagt Herbert Mäder. Am Einweihungswochenende vom 27./28. August findet hier nicht nur das Einweihungsfest, sondern auch ein Spezialgottesdienst statt.

Doch der eigentliche Clou des neuen Quartierzentrums sind zum einen die verhältnismässig preisgünstigen Mietwohnungen auf zwei Stockwerken. Die Mieten für die kleineren Wohnungen liegen zwischen 1450 und 1660 Franken, die grösseren Wohnungen kosten zwischen 1790 und 2370 Franken.

«Die Altersstruktur der Wohnungen ist sehr gemischt, die jüngste Person ist 24 Jahre alt, die älteste 92.»

Heidi Rast, Quartierarbeit Pfarrei St. Leodegar

Zum anderen wirkt die Anordnung der Wohnungen wie um ein römisches Atrium beziehungsweise um einen Innenhof mit Laubengängen sehr lauschig und heimelig. Ausserdem gibt es noch eine Freiterrasse. Auf diese Weise soll der soziale Kontakt unter den Bewohnern gefördert werden.

«Die Altersstruktur der Wohnungen ist sehr gemischt, die jüngste Person ist 24 Jahre alt, die älteste 92», berichtet Heidi Rast von der Quartierarbeit der Pfarrei St. Leodegar. Es überrascht nicht, dass inzwischen bis auf eine Wohnung alles vermietet werden konnte. «Die Wartelisten waren lang, konnten aber alle abgearbeitet werden», erklärt Urban Schwegler, Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche Luzern.

«Fenster zum Hof»

Und das ist noch nicht alles. Denn die Wohnungen sind darüber hinaus so konzipiert, dass der Eingangsbereich und die Küche jeweils mit einem grossen «Fenster zum Hof» optisch verbunden sind, wie Samuel Sieber, Generalplaner und Architekt vom Büro Konstrukt, erklärt. «Bewohner können auf diese Weise sehen, was draussen läuft. Die privateren Räume und Balkone in den Wohnungen sind dagegen so räumlich angeordnet, dass man sie vom Hof nicht einsehen kann.»

Es gibt sogar ein Gästezimmer

Wir klingeln mal irgendwo. Astrid Rotner öffnet sofort die Tür und lächelt. Die 62-jährige Theologin wohnt seit Sommeranfang dieses Jahres in ihrer neuen Wohnung. Sie hat sich schon sehr wohnlich eingerichtet. Auf dem Balkon hat sie ein Tischchen aufgestellt, an das sie sich gerne zum Lesen setzt. «Ich fühle mich schon sehr wohl hier», sagt sie. Sie habe das auf Begegnung angelegte Innenhof-Konzept sehr angesprochen.

Echt idyllisch. Es gibt sogar im dritten Stock ein Gästezimmer, wo Gäste von hier Wohnenden oder der Pfarrei nächtigen können.

Mit dem neuen Quartierzentrum Wesemlin wird das Portfolio der Finanzliegenschaften der Katholischen Kirchgemeinde Luzern erweitert. Es enthält bereits die Wohnbauprojekte Unterlöchli, wo die Kirchgemeinde vor Jahren gut 50 Millionen Franken investierte, und Ausserschachen.

«In Zeiten schwindender Kirchgängerinnen und Kirchgänger können solche gemischten Nutzungen für die Kirchgemeinde finanziell sehr segensreich sein.»

Herbert Mäder

Wobei das Wesemlin-Zentrum künftig stilbildend sein könnte. Herbert Mäder: «In Zeiten schwindender Kirchgängerinnen und Kirchgänger können solche gemischten Nutzungen für die Kirchgemeinde finanziell sehr segensreich sein.»


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