Ukrainischer Priester kritisiert Patriarch Kyrill: «Wer die Seele an die Macht verkauft, ist schuldig»

Er stammt aus der Ukraine, ist aber für die Italienerinnen und Italiener im Kanton Zürich zuständig: Don Ihor Boyarskyy (41). Seit knapp vier Wochen ist er in der Schweiz. Er hofft, dass Papst Franziskus bald nach Kiew reist.

David Meier

Don Ihor, Sie sind seit ein paar Wochen in der Schweiz tätig. Wie kam’s dazu?

Don Ihor Boyarskyy: Ich stamme aus der Ukraine und bin 2004, kurz nach meiner Priesterweihe, nach Rom gekommen, um mein Lizenziat zu machen. Danach habe ich während mehrerer Jahre in Italien als Priester gewirkt. Während dieser Zeit habe ich immer wieder Priester getroffen, die Missionare für die Italienischsprachigen in der Schweiz waren. Sie haben mir mehrmals gesagt: «Komm doch zu uns, das wäre etwas für dich.»

«Ich sah die Anfrage als Fügung an.»

Kürzlich bekam ich dann eine Anfrage aus Horgen, ob ich bei ihnen tätig werden möchte. Ich sah das als Fügung an, da meine Aufenthaltsbewilligung in Italien sowieso ablief. Auch mein Bischof in der Ukraine war einverstanden.

Was sind nun Ihre Aufgaben?

Boyarskyy: Ich betreue die italienischsprachigen Gläubigen in elf Gemeinden hier am Zimmerberg. Ich freue mich sehr auf meine Arbeit hier. Die Schweiz hat mir sofort gefallen – mit ihren Seen, Bergen und der schönen Natur. Die Leute haben mich herzlich aufgenommen. Ich hoffe, an den Menschen, denen ich begegne, zu wachsen. Ich fühle mich privilegiert, hier sein zu dürfen.

«Hier feiere ich im römischen Ritus.»

Sie kommen ursprünglich aus der Ukraine…

Boyarskyy: Ich bin in den Karpaten aufgewachsen. Sie gehören zum ehemaligen Galizien, also zur Occidental-Ukraine. Dort ist die Mehrheit katholisch. Gefeiert wird dort vor allem im griechisch-katholischen Ritus, hier in der Schweiz feiere ich für die Italienischsprachigen aber im römischen Ritus.

Sind Sie auch für die Menschen in der Ukraine zuständig?

Boyarskyy: Hier in der Gegend gibt es nur sehr wenige Ukrainerinnen und Ukrainer, mit denen ich die Messe feiern könnte. Sie leben eher in den Städten. Es wäre für mich rein zeitlich gar nicht möglich, sie auch noch zu betreuen. Es gibt ausserdem in Zürich einen Priester, der sich um sie kümmert.

«Ich sagte meinen Eltern: ‹Geht weg!› Sie wollen aber nicht weg.»

Wie geht es Ihren Verwandten in der Ukraine?

Boyarskyy: Meine Eltern leben in der Nähe von Lemberg. Im Februar war ich für einen Sprachkurs in Freiburg im Breisgau, um Deutsch zu lernen. Am Morgen, als der Krieg losging, kamen alle Seminaristen in Freiburg zu mir. Sie haben mir von den Bombardements erzählt. Sofort habe ich versucht, meine Eltern anzurufen. Ich konnte sie erst am Nachmittag erreichen, weil das Netz zusammengebrochen war. Ich sagte zu ihnen: «Geht weg!» Sie wollen aber nicht weg, solange ihr Haus, das sie aufgebaut haben, noch steht. Zudem sind sie schon älter. Es ist schwierig für mich, nichts tun zu können und diese Situation zu überstehen.

Wie geht es Ihren Eltern jetzt?

Boyarskyy: Alles in allem gut. Meine Eltern sind froh, dass ihr Haus noch ganz ist. Natürlich ist Vieles in der Stadt geschlossen. Aber es geht irgendwie. Wenn man Geld hat, bekommt man auch noch etwas zu essen. Wer kein Geld mehr hat, dem geht es schlecht. In Militärzentren, in denen auch Flüchtlinge aus dem Osten untergebracht sind, wird Essen an diejenigen verteilt, die es am dringendsten brauchen.

«Es gibt eine grosse Solidarität in der Ukraine.»

Wie wird den Flüchtlingen in der Ukraine sonst noch geholfen?

Boyarskyy: Es gibt eine grosse Solidarität in der Ukraine. Auch meine Eltern haben eine ostukrainische Familie aufgenommen. Auch Leute, die kein Einkommen mehr haben, bemühen sich weiter um die anderen. Besitz ist durch den Krieg weniger wichtig geworden. Das Leben selber hat an Stellenwert gewonnen.

Haben Sie auch Bekannte, die im Militärdienst sind?

Boyarskyy: Natürlich. Beim ersten Einschlag hat die Ukraine alles mobilisiert, was militärisch verwendbar war: Polizisten, Mediziner. Die Bevölkerung war ebenfalls sofort zur Stelle. Die Leute haben sich überall in den Kasernen freiwillig gemeldet. Das ganze Land hat geantwortet, als Russland angriff.

Wie hat der Krieg die Ukraine verändert?

Boyarskyy: In der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg, als die Krim eingenommen wurde und Separatisten Teile des Donbass besetzten. Das besetzte Gebiet war damals schon so gross wie die Schweiz. Es sind schon über 10’000 Soldaten gestorben, bevor der Grossangriff dieses Jahr erfolgte. Dazu kommen noch viele zivile Opfer. Dies hat die Regionen schon damals näher zueinander geführt, Sticheleien wurden unterlassen. Man hat die Menschlichkeit wiederentdeckt, die Ukraine ist jetzt wirklich geeint. Zudem beten die Ukrainer wieder zusammen, die Kirchen sind voll.

«Das Problem ist: Es gibt im Moment keinen Dialog.»

Unter welchen Bedingungen wird Friede möglich sein?

Boyarskyy: Das fragen wir uns alle seit dem Beginn des Krieges. Das grosse Problem ist: Es gibt im Moment keinen Dialog. Darum ist auch keine Lösung absehbar. Wenn die andere Seite nicht mehr zuhört, nicht mehr menschlich ist, sondern nur noch zerstören will, dann ist es schwierig. Wenn nur noch Feinde überall gesehen werden, die zerstört werden müssen, dann sind wir nahe an der Doktrin, die während dem Nationalsozialismus verbreitet wurde. Das ist teuflisch.

Wenn Putin und seine Vertrauten den Dialog verweigern, dann wird es schwer. Ich hatte Hoffnung in das gescheite russische Volk. Es weiss ja, wie der Krieg verläuft. Leider hat es sich nicht erhoben. Das russische Volk hat nie die Freiheit und die Macht gespürt wie wir in der Ukraine. Sie denken immer noch, dass sie einfach gehorchen müssen. Ich weiss nicht, was es für Möglichkeiten gibt – wir müssen auf Gott hoffen.

«Es braucht eine grosse Lösung.»

Ist die Diplomatie am Ende?

Boyarskyy: Man wusste bereits vor Beginn des Krieges, dass man mit dem Feuer spielt. Schliesslich wurden internationale Vereinbarungen bereits missachtet. Nun sterben jeden Tag Hunderte. Die momentan angewandte «Pezzettini-Diplomatie», also die Diplomatie der kleinen Schritte, ist vielleicht keine gute Lösung. Es braucht eine grosse Lösung, aber ich weiss nicht, wie diese aussehen soll.

Haben Sie noch Hoffnung?

Boyarskyy: Die Welt ist mit dem 24. Februar eine andere geworden. Wir sind die Opfer. Wir haben keine Gegenangriffe vollführt, wir verteidigen nur unser Territorium. Nun kämpfen wir schon ein halbes Jahr. Trotzdem: Ja, ich hoffe vor allem für die Opfer und die Migranten, dass es bald zu einer guten Lösung kommt.

«Viele russisch-orthodoxe Priester waren von Patriarch Kyrill schockiert.»

Wie schätzen Sie die Rolle von Patriarch Kyrill ein?

Boyarskyy: Wie viele andere habe ich nicht damit gerechnet, dass er so reagieren würde. Viele Orthodoxe, die ich kenne, haben mir geschrieben und mir mitgeteilt, dass es ihnen leidtut, wie ihr Oberhaupt reagiert. Viele russisch-orthodoxe Priester waren von ihm geschockt.

Wenn die Politik die «potenza divina» – also die Kirche – vereinnahmt, dann kehren wir ins Mittelalter zurück. Wer die Seele an die Macht verkauft, ist schuldig. Man muss aber klar sagen: Kyrill als Person darf nicht mit der russisch-orthodoxen Kirche gleichgesetzt werden.

«Papst Franziskus tut sich schwer, bezüglich der Ukraine Position zu beziehen.»

Tut Papst Franziskus genügend für den Frieden?

Boyarskyy: Er tut das Möglichste. Seine Worte sind wichtig, manchmal aber zu diplomatisch. Ich verstehe, dass er diplomatisch sein muss. Gerade, weil er als Oberhaupt der Kirche auf die Gläubigen überall in der Welt schauen muss, egal wo. Trotzdem: Er benennt die Verantwortlichen nicht. Er geht nach Kanada, er geht überall hin, obwohl es ihm körperlich nicht gut geht. Gerade bezüglich der Ukraine tut er sich aber schwer, Position zu beziehen.

Sollte er also nach Kiew reisen, bevor er im September nach Kasachstan fliegt?

Boyarskyy: Es wäre eine grosse Geste, wenn er nach Kiew gehen würde. Das würde die Leute bestärken – nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa. Ich hoffe, dass er nach Kiew geht. Und viele andere hoffen das auch.

* Don Ihor Boyarskyy (41) ist seit dem 15. Juli 2022 als Missionar für die italienischsprachige Gemeinschaft am Zimmerberg ZH zuständig.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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