von Walter Ludin
Viele – sicher nicht alle, die Maria besonders verehren, haben ein eher traditionelles Kirchenbild. Viele – bestimmt nicht alle – Marienwallfahrtsorte sind recht konservativ ausgerichtet, so zum Beispiel Medjugorje.
Das Fest Mariae Aufnahme in den Himmel kann uns eine andere Sichtweise auf die Mutter Jesu eröffnen.
Etwas fällt mir auf: Seit einigen Jahren wird es auch der «Grosse Frauentag» genannt. Ein sehr schöner Ausdruck!
Er ist das Zeichen von Wertschätzung von Marias. Sie ist die grosse Frau, die von Gott auserwählt wurde, Mutter Jesu zu sein. Und: Sie ist eine mutige Frau, die Ja sagte zu Gottes Plänen, auch wenn sie die eigenen durchkreuzt haben.
Der «grosse Frauentag» zeigt somit Maria nicht wie früher bloss als demütige Magd, sondern als emanzipierte starke Frau. Kritische Stimmen werden jetzt einwenden, dass die Kirche, vor allem die Kirchenleitung bis heute Mühe hat, die Würde der Frau anzuerkennen.
Die Kritik ist sicher nicht ganz unbegründet. So habe ich einmal den Spruch geschrieben:
Warum hat ausgerechnet jene Kirche,
die so viele Frauenkirchen hat,
Mühe mit der Frauenkirche?
Wenn wir jetzt das aktuelle Fest als grossen Frauentag bezeichnen, ist dies bestimmt eine grosse Ehre für Maria. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass immer mehr Frauen sich nicht mehr mit ihrer Rolle als zweitrangige Mitglieder der Kirche abfinden.
Hier ist die Bewegung Maria 2.0 zu erwähnen,die vor drei Jahren in Deutschland entstand. Der Begriff 2.0 kommt bekanntlich aus der Computer-Sprache und meint eine neue, verbesserte Auflage eines Programms.
Es ging den Zehntausenden von beteiligten deutschen Frauen um die volle Gleichstellung von Frauen und Männern in der Kirche. Der Titel «Maria 2.0» bedeutetet hier, dass man/frau nicht länger mit dem traditionellen Bild der schweigenden, bloss dienenden Mutter Jesu einverstanden ist. Man betrachtet sie als eigenständigen, mutigen Menschen. Es heisst auch, dass Frauen nicht weiterhin von den kirchlichen Ämtern ausgeschlossen werden.
In andern Kirche ist man weiter als in der katholischen Ein Beispiel dafür sind etliche lutheranische Bischöfinnen. Den Anfang machten allerdings die Anglikaner mit der US-Amerikanerin Barbara Harris. 1989 wurde sie zur ersten anglikanischen Bischöfin geweiht.
Ein Jahr später sah ich an einer weltweiten ökumenischen Versammlung, dass sie in einem Restaurant am Nebentisch sass. Ich muss gestehen, dass ich feuchte Augen bekam. Im Blick auf meine eigene Kirche, die katholische, fragte ich mich: Wir lange noch müssen wir warten, bis es bei uns so weit ist?
Vielleicht kommt es schneller als die meisten von uns denken. Es ist noch nicht lange her, da führte 1975 die lutherische Kirche in Deutschland die Weihe von Frauen als Pastorinnen ein. Später gab es als grosse Sensation die ersten Bischöfinnen. Und heute: Es ist bei den Lutheranern ganz normal, dass eine Frau in dieses Amt gewählt wird.
Der grosse Frauentag lädt uns ein, in der Frauenfrage in der Kirche die Hoffnung nicht aufzugeben.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Sonntag.
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