Innert kurzer Zeit sind drei Elefanten im Zürcher Zoo verendet. Trauern Zoo-Mitarbeitende um Tiere? Was passiert mit dem Kadaver? Und haben Tiere eine Seele?
Wolfgang Holz
Die fünfjährige Elefantenkuh Ruwani ist vor kurzem am Elefantenherpesvirus im Zürcher Zoo verendet. Nun sind schon drei Elefanten tot. Wie konnte das passieren?
Pascal Marty*: Alle erwachsenen Elefanten tragen dieses Herpesvirus in sich, ob in Zoos oder in der Natur. Für junge Elefanten im Alter von zwei bis acht Jahren ist dieses Virus sehr gefährlich, weil ihr Immunsystem noch keine Antikörper gegen dieses Virus gebildet hat. Solche Todesfälle passieren leider immer wieder.
«Solche Virusinfektionen kommen genauso in der Wildnis vor.»
Pascal Marty, Kurator Zoo Zürich
Hängen die häufigen Virusansteckungen damit zusammen, dass die Tiere auf engem Raum in Gefangenschaft leben?
Marty: Nein. Solche Virusinfektionen kommen genauso in der Wildnis vor. Das Elefantenherpesvirus führt im Krankheitsstadium dazu, dass das Blut der Tiere nicht mehr richtig gerinnen kann. Die Elefanten sterben am Ende oft an Organversagen.
Sagt man eigentlich: der Elefant ist gestorben oder verendet?
Marty: Eher gestorben.
Wie trauern Sie im Zoo um die toten Elefanten? Oder wird gar nicht getrauert?
Marty: Für die Tierpfleger und Veterinäre, die mit den erkrankten Elefanten zu tun hatten, war es sicher eine sehr belastende Zeit. Um die toten Tiere wird aber nicht in Form eines speziellen Rituals getrauert, das geschieht eher auf individuelle Weise. Im Zoo liegen Leben und Tod ja grundsätzlich nahe beieinander. Beides gehört zur Normalität. Wenn solch charismatischen Tiere wie Elefanten sterben, ist das aber sicherlich schwerer zu ertragen. Elefanten sind ja Tiere, die einen eigenen Charakter haben und sich so voneinander unterscheiden. Zudem sind sie durch ihr Erscheinungsbild und durch ihr Verhalten faszinierend und ausdrucksstark.
Haben die anderen Elefanten den Verlust der drei Elefanten eigentlich bemerkt und trauern sie um ihre Artgenossen?
Marty: Bemerkt haben sie es sicher. Wir geben sozialen Tieren, wie den Elefanten, auch immer Zeit sich zu verabschieden. Ob sie trauern, ist schwer zu sagen, da der Begriff sehr menschlich geprägt ist.
Haben Tiere eine Seele?
Marty: Anders gefragt, haben Menschen eine Seele? Da wir dies objektiv auch bei uns Menschen nicht aufzeigen können, können wir diese Frage auch für Tiere nicht beantworten.
Was passiert mit den Kadavern der drei Elefanten?
Marty: Die toten Tiere werden zuerst von der Pathologie untersucht, um weitere Erkenntnisse zum Virus und zur Erkrankung zu gewinnen. Danach bringt man die Tierleichen in die Tierkadaverstelle, wo sie kremiert werden.
«Die Asche wird teilweise wiederverwertet, etwa zur Gewinnung von Rohstoffen.»
Was passiert mit der Asche?
Marty: Die wird teilweise wiederverwertet, etwa zur Gewinnung von Rohstoffen. Für die Futterherstellung kommen die Elefantenkadaver nicht in Frage, da die Tiere ja Medikamente erhalten haben.
Was ist eigentlich aus dem Tiger geworden, der letztes Jahr im Zürcher Zoo eine Tierpflegerin getötet hatte?
Marty: Der Amur-Tiger lebt nach wie vor bei uns im Zoo. Als Raubtier kann er nichts dafür, dass er die Tierpflegerin attackiert hat.
«Es besteht aus meiner Sicht eine grundsätzliche Faszination und Neugier des Menschen für seine Mitgeschöpfe in der Natur.»
Apropos wilde Tiere: Touristinnen und Touristen reisen jedes Jahr nach Afrika, um auf Safari zu gehen. Dabei könnte man viele wilde Tiere einfach im Zoo anschauen. Woher kommt die menschliche Neugier fürs Wilde?
Marty: Es besteht aus meiner Sicht eine grundsätzliche Faszination und Neugier des Menschen für seine Mitgeschöpfe in der Natur. Nicht alle können sich aber eine Safari-Reise leisten. Deshalb kommen jedes Jahr viele zu uns in den Zürcher Zoo, um hier wilde Tiere zu beobachten, sich für sie zu begeistern und auch etwas über deren Bedrohung und Schutz zu erfahren. Im letzten Jahr hatten wir 1,27 Millionen Besucher.
Wie politisch korrekt sind Zoos heutzutage noch, wo wilde Tiere eingesperrt sind?
Marty: Also, politisch korrekt finde ich ein unpassendes Wort, weil es sich eher auf eine Aussage bezieht, die jemand gemacht hat. Zoos braucht es aus meiner Sicht unbedingt. Neben dem Wissen über Tiere liefern diese Institutionen wichtige Erkenntnisse für die Forschung, sie tragen zum Natur- und Artenschutz bei.
Wie zeitgemäss sind Zoos heutzutage noch?
Marty: Moderne, wissenschaftlich geführte Zoos braucht es aus meiner Sicht unbedingt. Neben dem Wissen über Tiere liefern sie wichtige Erkenntnisse für die Forschung und tragen massgeblich zum Natur- und Artenschutz bei. Moderne Zoos begeistern für die Natur und die Tiere, klären über den Naturschutz auf und motivieren unsere Besucherinnen und Besucher, sich aktiv zu am Naturschutz zu beteiligen.
Inwiefern?
Marty: Bei uns im Zürcher Zoo haben wir beispielsweise asiatische Löwen. Von dieser Unterart gibt es weltweit nur noch rund 400 Tiere – von denen alle in einem indischen Nationalpark leben. Sollte dort eine Krankheit ausbrechen und den Löwenbestand auslöschen, verfügen europäische Zoos wie unserer über wichtige Reservepopulationen und tragen so zum Artenschutz bei. Ich habe noch ein besseres Beispiel.
Welches?
Marty: Im Zoo Zürich züchten wir Waldrappe. Diese Vogelart ist in der Schweiz vor etwa 400 Jahren ausgestorben. Dank Zoos und deren Zuchtprogrammen konnten inzwischen viele Tiere, auch aus dem Zoo Zürich, wieder ausgewildert werden. Heute kann man, wenn man sehr viel Glück hat, auch in der Schweiz wieder Waldrappe beobachten.
«Es sicherlich nichts Schlechtes, wenn Mensch und Tier teils enge Lebensgemeinschaften miteinander eingehen.»
Während wilde Tiere im Zoo gehalten werden, werden gezähmte Tiere für viele Menschen zum Menschen-Ersatz, werden zu besten Freunden. Wie sehen Sie das?
Marty: Grundsätzlich leben domestizierte Tiere wie der Hund schon seit tausend Jahren mit dem Menschen zusammen. Deshalb ist es sicherlich nichts Schlechtes, wenn Mensch und Tier teils enge Lebensgemeinschaften miteinander eingehen. Leider besitzt der Mensch die Neigung, viele Tiere zu vermenschlichen. Hunde sind Tiere, und das artspezifische Verhalten der Tiere sollte deshalb respektiert werden. Wenn Hunde Sonnenbrillen aufgesetzt und Kleider angezogen bekommen, wird die Freundschaft zwischen Hund und Mensch meines Erachtens falsch verstanden.
Welches ist Ihr Lieblingstier?
Marty: Das ist für mich schwer zu beantworten. Als Biologe habe ich eigentlich kein Lieblingstier. Wenn es aber um die Tiere bei uns im Zürcher Zoo geht, würde ich sagen: Mich faszinieren besonders Hyänen.
«Hyänen sind auch sehr intelligente und erfolgreiche Jäger und verfügen über ein ausgeklügeltes Sozialsystem.»
Hyänen? Man sagt doch sogar manchmal von Menschen, sie seien Hyänen, also böse…
Marty (lacht): Hyänen werden extrem unterschätzt. Sie sind nicht nur Aasfresser und klauen anderen Tieren das Futter, sondern sie sind auch sehr intelligente und erfolgreiche Jäger und verfügen über ein ausgeklügeltes Sozialsystem. Es existiert ein völlig falsches Bild von vielen Menschen, was Hyänen betrifft.
«Der Mensch ist ja eigentlich auch ein Tier.»
Sie haben auch lang über Affen geforscht. Auf welche Erkenntnisse sind Sie hier in Sachen Tier und Mensch gestossen?
Marty: Menschen und Menschenaffen sind sich sicherlich sehr ähnlich. Die Kultur des Menschen ist sicherlich viel komplexer, weil er aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten noch über andere Möglichkeiten als andere Affen verfügt. Andererseits erkennt man als Affenforscher auch, dass der Mensch Teil der Natur ist, ja eigentlich auch ein Tier ist. Je mehr man Affen studiert, desto mehr merkt man, wie ähnlich wir uns sind.
* Pascal Marty (40) arbeitet seit knapp zweieinhalb Jahren im Zürcher Zoo als Kurator (Tierexperte) Zuvor war er in der Wissenschaft tätig. Unter anderem erforschte er vier Jahre lang Orang-Utans und Schopfmakakken in den Dschungeln Indonesiens und Malaysias.
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