«Ist Russland faschistisch? (…) Darüber hinaus sind weitere Merkmale zu nennen, etwa Putins enge Verbindung mit der russischen orthodoxen Kirche, die seinen Krieg rechtfertigt und ideelle Grundlage seiner Herrschaft liefert, was Russland in die Nähe von klerikal-faschistischen Regimen rückt.
Kennzeichnend für diese Allianz von Kreml und Altar ist die Dämonisierung von LGBT-Bewegungen, wobei der äußere Feind, der verkommene Westen oder «Gaj-ropa», mit den inneren Feinden, den Schwulen, Lesben und Transsexuellen innerhalb Russlands, assoziiert werden.
Seit den 2000er-Jahren stellen die russischen Staatsmedien den Westen allgemein als Ort der Dekadenz und des Sittenverfalls einem scheinbar unverfälschten Russland gegenüber, zugleich werden LGTB-Personen im eigenen Land stigmatisiert.
Strukturell ist die Homophobie mit ihrer Konstruktion eines inneren und äußeren Feinds den Diskursmustern des Antisemitismus ähnlich, der allerdings in der offiziellen russischen Propaganda keine Rolle spielt. Es fehlen auch andere Kriterien des Faschismus wie die permanente Mobilisierung der Massen und die Fähigkeit, ein utopisches Ideal der Erneuerung zu propagieren.»
Der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In einem Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (25. Juli) geht er der Frage nach, ob Faschismus-Analogien mit Blick auf Putins Russland angemessen sind. (rr)
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