Die katholische Missionsgeschichte hat blutige Kapitel. Der Politologe Oliver Schmidtke sieht die Papst-Reise nach Kanada als Chance zur Versöhnung. Doch aus Angst vor Sammelklagen scheuten die kanadischen Bischöfe bislang, ihre Mitverantwortung am kulturellen Genozid einzugestehen.
Raphael Rauch
Wie schätzen Sie die Stimmung ein: Wer in Kanada freut sich auf den Papstbesuch – und wer nicht?
Oliver Schmidtke*: Allgemein begrüsst die kanadische Öffentlichkeit den Papstbesuch. Er wird als ein wichtiger, unverzichtbarer Schritt in Richtung Reconciliation gesehen. Gemeint ist die Versöhnung des Landes mit der indigenen Bevölkerung. Vor allem Indigene freuen sich darüber, dass der Papstbesuch einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung historischen Unrechts in die Wege leiten kann. Es gibt aber auch Frustration, dass der Pontifex so lange gezögert hat, sich vor Ort für das Leid zu entschuldigen.
«Kanadas erster Premierminister forderte, das ‹Indianische aus dem Kind zu entfernen›.»
Was genau ist in den Internatsschulen vorgefallen, die jetzt stark in der Kritik stehen?
Schmidtke: Kinder indigener Familien wurden zum Teil gewaltsam aus ihren Familien entfernt, in Internatsschulen christianisiert und ihrer indigenen Identität beraubt. Die vielen Gräber mit anonymen Opfern, die jüngst in der Nähe dieser Schulen gefunden wurden, sind ein Indiz dafür, wie diese Kinder vernachlässigt wurden und Gewalt erfahren haben. Viele sind an behandelbaren Krankheiten gestorben oder bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission sieht die Schulen als Orte eines kulturellen Genozids.
Können Sie den kulturellen Genozid konkret beschreiben?
Schmidtke: Die kanadische Regierung sprach lange Zeit von einem «indianischen Problem», das es zu löse gebe. Kanadas erster Premierminister, John Macdonald, forderte, das «Indianische aus dem Kind zu entfernen». Viele Kinder wuchsen ohne Bindung an ihre ursprüngliche Familie, Gemeinschaft und Kultur auf. Diese Erfahrung hat zu hohen Suizidraten, Alkoholismus und psychischen Problemen in der indigenen Bevölkerung geführt – bis zum heutigen Tag.
«Kirche und Staat begingen eine unheilvolle Allianz.»
War die katholische Kirche alleine für die Internatsschulen verantwortlich – oder hat auch der Staat versagt?
Schmidtke: Die katholische Kirche hat etwa 60 Prozent der insgesamt 700 Internatsschulen geleitet. Bei der Kirche lag die zentrale pädagogische und administrative Verantwortung. Doch natürlich war die katholische Kirche nicht allein für die Internatsschulen verantwortlich. Sie waren Teil eines staatlich sanktionierten kolonialen Systems, in dem die indigene Bevölkerung ihrer kulturellen Identität beraubt werden sollte. In dieser Hinsicht war staatliches Versagen sicherlich mitverantwortlich. Kirche und Staat begingen eine unheilvolle Allianz in dem Versuch, indigene Identität und Kultur aus dem öffentlichen Leben Kanadas zu tilgen.
Wie weit steht die Aufarbeitung?
Schmidtke: Die Aufarbeitung hat in den letzten Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Die Aufarbeitungskommission hat über 6500 Interviews geführt. Nun richtet sich der Blick von den Opfern auf die Täter und die Verantwortlichen. Die katholische Kirche hat in diesem Prozess bislang keine rühmliche Rolle gespielt: Bis vor kurzem hat sich der Vatikan geweigert, die römischen Archive zu öffnen und so zur Aufarbeitung der Geschehnisse in den Internatsschulen beizutragen.
«Noch wichtiger wird der Ton in der Begegnung zwischen dem Pontifex und den Betroffenen sein.»
Papst Franziskus spricht von einer «Bussreise». Was wird von ihm erwartet?
Schmidtke: Er muss die Schuld öffentlich anerkennen und für die katholische Kirche Verantwortung übernehmen – das sind die zentralen Anliegen von indigenen Gruppen. Es sollte deutlich werden, dass es sich nicht um das Fehlverhalten einzelner, sondern um Unrecht handelt, für das kirchliche Organisationen Verantwortung tragen. Vielleicht noch wichtiger wird der Ton in der Begegnung zwischen dem Pontifex und den Betroffenen sein. Begegnet Papst Franziskus Kanadas indigener Bevölkerung mit wirklicher Demut und auf Augenhöhe, kann sein Besuch ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zur Versöhnung sein.
Hat die kanadische Bischofskonferenz klar und deutlich Verantwortung übernommen?
Schmidtke: Die Organisationen in Kanada sind tatsächlich sehr zögerlich gewesen, Verantwortung auf institutionell-organisatorischer Ebene zu übernehmen. Dahinter steht die reale Gefahr, von Sammelklagen überrollt zu werden. Diese könnten die katholische Kirche vor massive finanzielle Probleme stellen.
«Die Kinder in der Obhut der Kirche waren weitgehend schutzlos Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt.»
Aktuell stehen die Internatsschulen im Fokus. Wie stark ist die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche aufgearbeitet?
Schmidtke: Natürlich haben sexuelle Missbrauchsskandale die katholische Kirche Kanadas erschüttert. Auch hier stehen die Internatsschulen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte: Die Kinder in der Obhut der Kirche waren weitgehend schutzlos Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt. Indigene Kinder waren nicht zufällig auch regelmässig Opfer sexuellen Missbrauchs.
Ist Versöhnung möglich?
Schmidtke: Trotz aller Kritik an der zögerlichen Bereitschaft der katholischen Kirche, sich ihrer Verantwortung im Residential School System zu stellen und zur Aufarbeitung des Indigenen widerfahrenen Unrechts beizutragen, eröffnet der Besuch des Pontifex die Möglichkeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.
* Der Politikwissenschaftler Oliver Schmidtke (58) leitet das «Centre for Global Studies» an der Universität Victoria im kanadischen British Columbia. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung hat er eine Studie über die Aufarbeitung von begangenem Unrecht im kanadischen Internatsschulsystem verfasst.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kultureller-genozid-in-kanada-franziskus-muss-verantwortung-uebernehmen/