Stiftsbibliothekar: «Ivo Fürer war von Hillary Clinton begeistert»

Das Kloster Einsiedeln wollte Hillary Clinton keine Extrawurst bieten. Also besuchte die First Lady 1998 die Stiftsbibliothek St. Gallen – und Bischof Ivo Fürer. Und das mitten in ihrer Ehekrise, während der Monica-Lewinsky-Affäre.

Raphael Rauch

Wie hat es Bischof Ivo Fürer geschafft, Hillary Clinton nach St. Gallen zu locken?

Cornel Dora*: Nach meinen Informationen wollte Hillary Clinton zuerst nach Einsiedeln. Doch das Kloster war nicht bereit, wegen der First Lady das Tagesprogramm zu ändern. Und deswegen kam St. Gallen ins Spiel: Hillary Clinton wollte eine der ältesten Bibliotheken der Welt sehen. Sie kam also in erster Linie nicht zu Bischof Ivo, sondern zu uns in die Stiftsbibliothek. Wir schlugen aber vor, dass sie auch den Bischof und allenfalls weitere Offizielle treffen könnte. Die Amerikaner fanden vor allem den Bischof interessant.

Auf vielen Fotos ist Hillary Clinton mit Bischof Ivo Fürer zu sehen. 

Dora: Bischof Ivo übernahm gerne die Rolle des Gastgebers. Er begleitete Hillary Clinton 30 Minuten durch die Stiftsbibliothek, in der ich die Führung machte. Dann nahm sie einen Tee bei ihm in der Wohnung und schliesslich gab es noch einen kurzen Abstecher in die Kathedrale. Die Regierung des Kantons und die Stadtregierung blieben Zaungäste, was zu gewissen Irritationen führte.

Bischof Ivo Fürer war ein begnadeter Netzwerker. War er ganz in seinem Element, als die First Lady kam?

Dora: Absolut. Er nahm sofort, schon bei der Begrüssung, persönlich Kontakt auf. Alles war auf Englisch. Der Besuch fand Anfang 1998 statt – also mitten in der Lewinsky-Affäre. Hillary war die kämpfende Ehefrau – die Sympathien lagen auf ihrer Seite. Und das Medieninteresse war immens.

Wie bereitet man so einen Besuch vor?

Dora: Vorbereiten ist übertrieben. Da wird man überrollt. Es gab in kurzer Zeit viel zu tun, die Abstimmung mit verschiedenen Partnern, die in diesem Fall alle sehr begierig darauf waren, die damals wohl bekannteste Frau der politischen Welt zu treffen, aber auch wegen der Medien und natürlich der Security. Einige Tage vorher kamen Beamte vom amerikanischen Geheimdienst und schritten alle Wege ab. Jeder Stein wurde umgedreht. Die First Lady ist an jenem Sonntag mit mehr als zwei Stunden Verspätung und mit mehreren Limousinen angebraust. Dann lief alles sehr professionell ab, bis es weiterging zum Weltwirtschaftsforum nach Davos.

Wofür hat sich die First Lady interessiert?

Dora: Ich habe ihr nach der Besichtigung des Barocksaals drei Handschriften gezeigt: ein wertvolles Psalmenbuch, das man auch früher gerne den Mächtigen zeigte. Dann den Sterbesang des angelsächsischen Gelehrten Beda Venerabilis, eines der ältesten erhaltenen altenglischen Gedichte. Und als letztes eine Weltkarte aus dem Frühmittelalter, auf der Amerika noch nicht drauf war. Das war ein augenzwinkernder Hinweis, dass Amerika nicht immer der Nabel der Welt war, den Hillary Clinton gut aufgenommen hat. 

Worüber haben sich Bischof Ivo Fürer und Hillary Clinton unterhalten?

Dora: Das war eher etwas Small Talk. Die Globalisierung war dabei, in einer Zeit, als man sich noch viel Gutes davon versprach. Bischof Ivo sprach dabei soweit ich mich erinnere auch die Verlierer der Entwicklung an. Man muss sich unter einem solchen Austausch auch nicht zu viel vorstellen. Und dann übergaben auch der Kanton und die Stadt ihre Geschenke. Am Schluss war das nur ein kurzes Gespräch bei einem Schluck Tee.

Was erzählt uns die Anekdote des Hillary-Clinton-Besuchs über Ivo Fürer?

Dora: Ivo Fürer hat nicht darauf gewartet, dass ihn irgendjemand fragt, der First Lady die Hand zu schütteln – sondern er hat sofort aktiv mitbestimmt, was bei ihrem Besuch passiert, und sich aktiv ins Programm eingebracht. Es hat ihm sichtlich Freude gemacht, die Frau des mächtigsten Mannes der Welt zu empfangen. Natürlich war es für uns alle eine grosse Sache.

* Der Schweizer Historiker Cornel Dora (58) ist Stiftsbibliothekar von St. Gallen. 1998 hat er zusammen mit Bischof Ivo Fürer Hillary Clinton in St. Gallen empfangen. Clinton war damals First Lady der USA. Später wurde sie US-Aussenministerin.


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