Seit Donnerstag läuft der Kinofilm «Men» in den Kinos. Die Mischung aus Horror- und Science Fiction-Film handelt von den Schrecken toxischer Männlichkeit und ist eine Allegorie auf den Garten Eden.
Sarah Stutte
In «Men» geht es um Harper, eine Frau, die in London mitansieht, wie ihr Mann James vom gemeinsamen Hausdach aus in den Tod stürzt. Kurz zuvor hatte Harper ihre kontrolliert-missbräuchliche Beziehung beendet. In Rückblenden, die über die gesamte Geschichte verstreut sind, werden die komplexen Zusammenhänge dieses Todes deutlich.
In einem Cottage auf dem Land sucht sie nach Heilung und findet einen Garten Eden. In dieser surrrealistisch anmutenden Umgebung geht aber vor allem von den hier ansässigen Bewohnern eine seltsam unangenehme Präsenz aus. Das gilt nicht nur für den Hausbesitzer Geoffrey, der seine Verwunderung darüber kundtut, dass Harper das Haus für sich alleine mietet.
So gibt der herablassende Pfarrer Harper lächelnd die Schuld für das, was ihr in London widerfahren ist, während er ihr unangemessen die Hand auf das Knie legt. Der örtliche Polizist rollt dagegen mit den Augen, als die junge Städterin ihre Sorge darüber äussert, dass sie von einem nackten Stalker terrorisiert wird.
«Men» ist eine genauso faszinierende wie verstörende Mischung aus Science Fiction und Horrordrama. Der Film handelt, aufs Wesentliche reduziert, von männlicher Unterdrückung und weiblicher Selbstbehauptung. Er zeigt die Auswirkungen von Aggressionen gegenüber Frauen im realen Alltag kumuliert in einem Mikrokosmos, der nicht von dieser Welt zu sein scheint.
Die Begegnungen im Film verdeutlichen, wie Skepsis, Ablehnung und Opferbeschuldigung den Nährboden für Unterdrückung schaffen. Harpers Ängste sind nicht erfunden oder nur in ihrem Kopf; der Schrecken entsteht durch die kollektive Weigerung, ihre Sorgen ernst zu nehmen.
Der Folk-Horror-Film hat jedoch noch mehr unter der Oberfläche zu bieten. Viele Stoffe des britischen Schriftstellers und Regisseurs Alex Garland beinhalten symbolisch-religiöse Motive. Themen der Schöpfung und deren gleichzeitige Zerstörung sind filmische Elemente, die schon in Garlands Science-Fiction-Thrillern «Ex Machina» oder «Annihilation» auftauchten. In «Men» verweist der Filmemacher mit uralten Zeichen sowie literarischen Bezügen auf die Bibel.
1. Bei ihrer Ankunft beisst Harper in einen der gut aussehenden Äpfel, die an einem grossen Baum vor dem Anwesen hängen. Als sie wenige Minuten später auf Hausbesitzer Geoffrey trifft, bezeichnet dieser die Äpfel als verbotene Früchte und warnt Harper scherzhaft davor, diese zu kosten.
Diese Szene bezieht sich sehr direkt auf die Genesis-Geschichte vom Garten Eden. Eva entscheidet sich, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Da sie sich des Ungehorsams schuldig gemacht haben, werden sie und Adam schliesslich von Gott aus dem Paradies verstossen.
2. In einer späteren Einstellung nähert sich Harper einem Tunnel im Wald, in den sie hineinruft und ihre eigene Stimme widerhallen hört. Dieser Bau hat ein einzigartiges Design, denn die Steine im Inneren sind so angeordnet, dass sie wie eine schuppige Schlangenhaut aussehen. Eine weitere Anspielung auf den Sündenfall und die Schlange, die Eva hierzu verleitet.
3. Kurz danach verwandelt sich die makellose Landschaft und verlockende Ruhe in ein bedrohliches Szenario. Die übernatürlichen Ereignisse beginnen um Harper herum zu eskalieren. Auch dieser Verlauf lässt sich mit der Ursünde in Verbindung bringen, welche die Unheilsgeschichte der Menschheit begründet. Es gibt eine kurze Szene, in der alle Früchte des genannten Baumes von den Ästen fallen. In einer anderen Szene sieht Harper, wie sich ein Mann davor in Luft auflöst.
4. Da alle männlichen Figuren vom selben Schauspieler interpretiert werden, könnte dieser jedes Mal sowohl eine andere – vornehmlich negative Version – von Adam darstellen als auch symbolisch für die Schlange stehen. Damit wird auf die Erbsünde angespielt. Jeder Mensch, im Film jeder Mann, wird als Nachkomme Adams in diese Geschichte hineingeboren und ist damit in seiner eigenen Freiheit vorbelastet.
5. Für Garland war der Ausgangspunkt für «Men» ein altes Stück heidnischer Ikonographie, das in Europa als «Grüner Mann» bekannt ist. In mittelalterlichen Kirchen stellt es als Zierelement an sakralen Bauten ein männliches Gesicht mit Blättern dar, die aus seinem Mund ragen oder sich mit seinem Bart verflechten. Im Film ist diese Figur auf der Vorderseite eines Taufbeckens zu finden.
6. Auf dessen Rückseite prangt jedoch ein anderes Symbol, das den Regisseur inspirierte und eine Frau zeigt, die ihre Genitalien zur Schau stellt. Diese als «Sheela-na-Gig» bekannten mysteriösen Schnitzereien lassen sich heute in Irland und Grossbritannien vor allem noch an den Aussenwänden von Kirchen, Burgen und Gebäuden finden. Garlands volkstümliche Horrorgeschichte spricht damit auf Urängste an, welche die Beziehungen zwischen den Geschlechtern bis zurück zu den Stammeltern beeinflusst haben.
«Men» läuft derzeit im Kino.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kino-film-mit-religionsbezug-der-garten-eden-in-men/