Im Kino läuft gerade «Notre Dame in Flammen». In der Doku-Fiction wird der Brand von 2019 minutiös rekonstruiert, wobei auch die Sicherung kostbarer Gegenstände eine Rolle spielt. Wer ist eigentlich in der Schweiz für den Schutz der Reliquien zuständig?
Sarah Stutte
Im neuen Film des Regisseurs Jean-Jacques Anno («Der Name der Rose») rennt der Denkmalschutz-Direktor von Notre-Dame, Laurent Prades, durch ganz Paris, als er vom verheerenden Brand in der Kathedrale erfährt. Er besitzt als Einziger den Schlüssel, um den Tresor zu öffnen, in dem die wertvolle Dornenkrone aufbewahrt wird.
Ist das nun filmisch überhöht oder entspricht das der gängigen Vorgehensweise? Beides. Um Spannung zu erzeugen, wurde der Wettlauf gegen die Zeit zugespitzt. Mit einem enormen Aufwand an Spezialeffekten ist die Nachbildung der Katastrophe mit den Originalaufnahmen wie ein Thriller inszeniert – samt heroischen Feuerwehrleuten und Reliquienrettung.
Tatsächlich stimme es aber, dass nur jeweils eine Person in einem kirchlichen Bauwerk – meist ein Priester – für die dortigen Reliquien verantwortlich sei, sagt die Freiburger Historikerin Kathrin Utz Tremp. «Wenn der zuständige Verwalter nicht vor Ort ist, gibt es im Notfall also ein Problem.» In vielen katholischen Kirchen, auch in der Schweiz, würden Reliquien vor allem in Altären aufbewahrt.
Die Historikerin erklärt, dass die Dornenkrone in Notre-Dame eine Berührungsreliquie ist. Ein Gegenstand oder ein Kleidungsstück, mit denen Heilige zu ihren Lebzeiten in Kontakt kamen. Ferner zählen sterbliche Überreste oder Körperteile von Heiligen zum Reliquienschatz.
Petrus Canisius erfuhr im April des vergangenen Jahres in Freiburg eine selten gewordene Reliquientranslation. Damit ist die Überführung der Reliquien eines Heiligen von einem Ort zu einem anderen gemeint. «In dieser Zeremonie wird der Heiliggesprochene, der zuvor vielleicht nur ein bescheidenes Grab in der Kirche hatte, zu ‘Ehren der Altäre erhoben’», sagt Kathrin Utz Tremp.
Der heilige Petrus Canisius wurde zunächst in der Freiburger Kollegiatkirche St. Nikolaus bestattet, um später in die Jesuitenkirche St. Michael transferiert zu werden. Nachdem das Selig- und Heiligsprechungsverfahren abgeschlossen war, bekam der Heilige ein Ganzkörperreliquiar im Altar von St. Michael. 2021 wurde ein Teil der Reliquie in die Heilig-Grab-Kapelle der Freiburger St. Nikolaus-Kathedrale umgebettet.
Anachronistische Zeremonie?
Hier wurde sie in einen Reliquienarm gelegt, wie dies bereits bei den Überresten des heiligen Nikolaus von Myra und des heiligen Nikolaus von Flüe der Fall war. Die drei Reliquienschreine sind heute in einer Nische der Kapellenwand untergebracht. Sie sind durch ein schmiedeeisernes Gitter geschützt, aber ihr Inhalt ist für die Besucherinnen und Besucher sichtbar.
Ganz zufrieden ist Kathrin Utz Tremp mit dieser Überführung nicht. «In der Jesuitenkirche hatte der heilige Petrus Canisius ein schönes Reliquiar, das aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt. Dort befindet sich nur noch sein Kopf. Reliquientranslationen sollte man heute nicht mehr machen. Das ist vorbei», meint die Historikerin.
Kustos schützt in Einsiedeln
Im Kloster Einsiedeln ist Pater Philipp für die Reliquien zuständig. Als Kustos – also Hüter der Klosterkirche. «Der grösste Teil unserer Reliquien lagert in einem sicheren Kulturgüterschutzraum. Einige davon sind jedoch seit wenigen Jahren wieder in der Klosterkirche zugänglich und befinden sich in modern gestalteten Reliquiaren», berichtet er.
«Im Notfall sind die einzelnen Kunst- und Kulturobjekte deklariert und würden von mir, mit Unterstützung der Klostergemeinschaft und dem Zivilschutz oder der Feuerwehr, in Sicherheit gebracht», sagt der Kustos. Dies gilt auch für das wertvollste sakrale Objekt im Kloster Einsiedeln: Für das Gnadenbild der Schwarzen Madonna.
Bisher sei ein solcher Katastrophenfall zum Glück nicht eingetreten, sagt Pater Philipp. «Das letzte Mal musste die Schwarze Madonna im Jahr 1798 geschützt werden, als Einsiedeln durch französische Truppen besetzt wurde. Bei einer anonymen Bombendrohung nach 9/11 sorgte man sich vor einem möglichen Attentat und ersetzte deshalb für kurze Zeit das Original durch eine Kopie. Das ist aber eine sehr seltene Massnahme», sagt der Pater Philipp. Zudem sei der Schutz von Menschen wichtiger als der von Objekten, auch wenn deren Verlust schmerzen würde.
Training im Museum
Jan Bauke, reformierter Theologe und Ausbildungschef bei Schutz & Rettung Zürich, bestätigt ebenfalls, dass bei einem Brandfall in einer Schweizer Kirche der Kulturgüterschutz in den Zuständigkeitsbereich des Zivilschutzes fallen würde. «Dabei sind die Zivilschützerinnen und Zivilschützer natürlich auf die Unterstützung der Feuerwehr angewiesen, welche die Kulturgüter aus dem gefährdeten Bereich bergen kann. Das war auch beim Brand von Notre Dame der Fall», sagt Jan Bauke.
«Die Feuerwehr ist angewiesen, wenn immer möglich Kulturgütern zu schützen», fügt Jan Bauke hinzu. Dieses Vorgehen wird regelmässig geübt. Das nächste Mal findet ein solches Training am 30. August im Landesmuseum Zürich statt in Zusammenarbeit von Schutz und Rettung Zürich und dem Schweizer Nationalmuseum.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/die-kirche-brennt-wer-schuetzt-die-reliquien/