«Wir danken Gott» bis «monumentaler Rückschlag»: Lob und Kritik nach US-Urteil

Das Urteil des obersten Gerichtshofs der USA zu Abtreibungsverboten hat zu teils heftige Reaktionen von Befürwortern und Kritikern geführt. In den USA kam es zu Demonstrationen beider Lager.

Sabine Kleyboldt

Beobachter befürchten eine tiefere Spaltung des Landes sowie mögliche weitere Einschnitte in Grundrechte durch den Supreme Court. Menschenrechtsorganisationen zeigten sich entsetzt, während etwa die katholischen Bischöfe, republikanische und evangelikale Kreise das Urteil begrüssten.

Bischöfe begrüssen Abschaffung des «ungerechten Gesetzes»

Die US-Bischofskonferenz sprach von einem «historischen Tag im Leben unseres Landes». Seit fast 50 Jahren gelte in Amerika ein «ungerechtes Gesetz», das es einigen ermöglichte zu entscheiden, «ob andere leben oder sterben können», heisst es in einer Erklärung des Vorsitzenden, Erzbischof Jose Gomez von Los Angeles, und von Erzbischof William Lori von Baltimore, Vorsitzender des Ausschusses für Pro-Life-Aktivitäten.

«Wir danken Gott heute, dass das Gericht diese Entscheidung nun aufgehoben hat.» Man bete dafür, dass die Amtsträger jetzt Gesetze und Richtlinien erlassen, «die die Schwächsten unter uns fördern und schützen».

Zugleich erinnerten sie an die Pflicht der Kirche, jene zu unterstützen, «die mit schwierigen Schwangerschaften konfrontiert sind, und sie mit Liebe umgeben». Jetzt sei es an der Zeit, Wunden zu heilen und soziale Spaltungen zu reparieren, so die Vertreter der US-Bischöfe.

Gebet von Pro Life

Auch San Franciscos Erzbischof Salvatore Cordileone begrüsste die Entscheidung. «Aber unsere Arbeit hat gerade erst begonnen.» Cordileone hatte im Mai der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, den Kommunionempfang in seinem Bistum untersagt, weil sich die Katholikin für eine Wahlfreiheit beim Thema Abtreibung stark macht.

Bischof Joseph Strickland von Tyler/Texas zeigte sich auf Twitter erleichtert und ermunterte: «Möge die Pro-Life-Bewegung unsere Nation im Gebet halten, da viele negativ auf diesen wichtigen Schritt zum Schutz des ungeborenen Lebens reagieren.»

Uno-Experten sprechen von «monumentalem Rückschlag»

Dagegen zeigten sich Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen verbittert und besorgt. Die Entscheidung stelle einen «monumentalen Rückschlag für Rechtsstaatlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit» dar, erklärten mehrere Sonderberichterstatter und Leiterinnen von Arbeitsgruppen des UN-Menschenrechtsrats in Genf.

Das restriktive rechtliche Umfeld werde den Bedarf an Abtreibungen nicht mindern; nur würden künftig mehr Frauen und Mädchen, vor allem aus sozial benachteiligten Schichten, heimliche und unsichere Schwangerschaftsabbrüche suchen. Zu den Unterstützern der Erklärung zählt auch der scheidende UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, Ahmed Shaheed.

UN-Menschenrechtskommissarin Michele Bachelet betonte, Frauen und Mädchen müssten selbst über ihren Körper und ihr Leben entscheiden können, frei von Diskriminierung, Gewalt und Zwang. In den vergangenen 25 Jahren hätten mehr als 50 Staaten ihre restriktiven Abtreibungsgesetze gelockert. Von diesem «progressiven Trend» rückten die USA nun ab.

Weg frei für Entzug von Menschenrechten

Amnesty International sprach von einem bitteren Tag «im Kampf um reproduktive Rechte in den USA». Ungewollt Schwangere seien nun gezwungen, Schwangerschaften auszutragen oder sich auf unsichere Abbrüche einzulassen, hiess es. Das Urteil ebne den Weg für eine nie dagewesene staatliche Gesetzgebung zur Kriminalisierung von Abtreibung sowie für weitere Gesetzentwürfe, die darauf abzielen, Millionen Bürgern ihre Menschenrechte zu entziehen. Dazu gehörten etwa die Themen Zugang zu Geburtenkontrolle oder Gleichberechtigung der Geschlechter.

Der Supreme Court hatte am Freitag das Grundsatzurteil «Roe vs. Wade» (1973) gekippt und damit den Bundesstaaten ein Verbot von Abtreibungen ermöglicht. Es wird erwartet, dass dies etwa die Hälfte der 50 Staaten tun. (kna)


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