Christliche Lehrerinnen und Lehrer beten mittwochs an einer öffentlichen Schule in Safenwil AG. Dahinter steckt eine Pfingstkirche, die mit dem Slogan wirbt: «Beten, Dämonen austreiben, Kranke heilen.» Am Freitag gibt es eine Krisensitzung.
Sarah Stutte
In der Kreisschule Safenwil-Walterswil hängt der Haussegen schief. Seit ein paar Monaten können Lehrerinnen und Lehrer am Mittwochvormittag an einem Gebet teilnehmen – freiwillig. Doch einigen geht das zu weit.
Sie sehen die religiöse Neutralität der Schule dahin und kritisieren den Missionierungswillen. Der Grund: Die Initiantin des Gebets, Tabea Sieber, ist nicht nur Lehrerin – sondern leitet gemeinsam mit ihrem Mann eine pfingstlich-charismatische Bewegung.
Diese heisst «OpenHouse4Cities», wirkt von Oftringen aus, ist aber in der ganzen Schweiz aktiv und hat es auf eine globale Ausrichtung abgesehen. Ihre Gemeinschaft bestehe aus Jüngerinnen und Jüngern, die zusammen das Leben teilten. In der Gemeinschaft könne jeder jeden berufen sowie taufen. Auf der Homepage ist in grossen Lettern zu lesen, dass hier alle «wild mit dem Heiligen Geist unterwegs sind».
In einem poppigen Werbevideo mit dem Titel «Hochintensives Jüngerschafts-Training» («High Intensity Disciplemaker Training») ist zu hören: «Als Nachfolger von Jesus bist du bei uns genau richtig. Du packst deine Sachen, ziehst bei uns ein, wirst Teil einer leidenschaftlichen Gemeinschaft. Du vertraust Gott und erlebst seine Kraft im Alltag. Du brauchst deine geistlichen Gaben: Beten, Dämonen austreiben, Kranke heilen – Zeichen und Wunder, wie in der Apostelgeschichte.»
Dem Religions- und Sektenexperten Georg Otto Schmid ist «OpenHouse4Cities» ein Begriff. Er erklärt: «Dabei handelt es sich um eine freikirchliche, neocharismatische Gemeinschaft, die sich eher am radikalen Rand bewegt.»
Der Glaube der Gemeinschaft baue auf einem fundamentalistischen Bibelverständnis auf, der das Neue Testament eins zu eins umsetzen wolle: «Die Ausbildung von Jüngerinnen und Jüngern ist typisch für die neocharismatische Ausrichtung. Schwierigkeiten kann es dann geben, wenn sich Menschen einer radikaleren freikirchlichen Organisation anschliessen, die deren Glauben oder Lebensvorstellungen nicht wirklich teilen», sagt Schmid.
Verschiedene Medien haben über den Streit an der Schule berichtet. Matthias Bär, Schulleiter der Kreisschule Safenwil-Walterswil, kann die Aufregung nicht verstehen: «Das Lehrergebet brachte Tabea Sieber Ende letzten Jahres als Idee ein. Ich habe das unterstützt, weil ich darin nichts Falsches sah. Wir bieten auch andere Angebote an, die Lehrpersonen in ihrem herausfordernden Alltag stärken sollen.»
Die Schulleitung habe im Vorfeld darüber informiert, dass das Gebet stattfinde. Die Reaktionen darauf seien unterschiedlich gewesen. Viele hätten sich nicht gross daran gestört, andere umso mehr. «Nach wie vor wollte ich aber an dem Angebot festhalten, weil keine Lehrperson dazu verpflichtet wird und das Gebet im ausserschulischen Rahmen stattfindet», sagt der Schulleiter zu kath.ch.
Matthias Bär betont, er habe selbst an einem Gebetsmorgen teilgenommen und die Atmosphäre als locker empfunden: «Das Gebet folgt keinem festen Ablauf. Man teilt einfach zusammen die Sorgen, die jeden gerade beschäftigen. Jedoch nicht in einer fixen Gruppe, die sich dafür trifft – sie setzt sich immer unterschiedlich zusammen.»
Auf die Frage, ob Bär wegen seines freikirchlichen Hintergrunds Tabea Siebers Engagement vorbehaltlos stütze, meint er: «Alles ist geprägt von unseren Werten. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass ein persönlicher Glauben jemanden stärken kann.»
Die Einwände der Lehrerinnen und Lehrer, die Angst vor dem missionarischen Eifer haben, kann er nicht nachvollziehen: «An einem Gebet kann nichts Schlimmes sein. Das Hauptproblem ist hier der private Hintergrund von Tabea Sieber. Dieser löst Angst aus. Vielleicht, weil die Berührungspunkte zu christlichen Gruppierungen fehlen. Oder auch aufgrund negativer Religionserfahrungen. Wie tief diese Ängste gehen, lerne ich gerade», sagt der Schulleiter.
Die Gegnerinnen und Gegner des Gebets sehen die Neutralität der Schule in Gefahr. Sie beschwerten sich beim Gemeindeammann und beim Präsidenten des Kreisschulvorstands, Daniel Zünd. Dieser entschied, dass Schulräume durchaus während der unterrichtsfreien Zeit privat durch Mitarbeitende der Schule auch zum Gebet genutzt werden dürfen.
Luc Humbel, Präsident der katholischen Landeskirche Aargau, findet: «Die Frage, ob das Gebet in Räumen der Schule zulässig erscheint, ist durch den Kanton oder die Gemeinde zu entscheiden. Wenn es klar ist, dass es sich um eine rein private Veranstaltung handelt, sind die entsprechenden Weisungen der Schule zur ausserschulischen Nutzung von Schulräumen zu konsultieren.»
An diesem Freitag, 24. Juni, findet nun ein Mediationsgespräch mit allen Lehrkräften statt. Klären soll der Austausch unter anderem, was politische und religiöse Neutralität bedeutet – und was die Gesetze des Kantons Aargau vorsehen. Wie es mit dem Mittwochsgebet in Safenwil weitergeht, werde sich nach der Diskussion zeigen, sagt der Schulleiter.
«OpenHouse4Cities» war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
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