Papst Franziskus sitzt im Rollstuhl. Papst Franziskus reist nach L’Aquila. Papst Franziskus ernennt neue Kardinäle – ungewohnterweise im Hochsommer. Das sind die Fakten. Gerüchte gehen wie so oft weit darüber hinaus.
Anna Mertens
Rom kocht. In vielerlei Hinsicht. Seit Tagen steht das Thermometer bei über 30 Grad. Und während Römerinnen und Touristen schwitzen, brodelt es auch an anderer Stelle: Braut sich im Vatikan etwas zusammen?
Dieses Mal geht es nicht um Skandale mit oder ohne Finanzen, sondern um das ganz grosse Gerücht: Plant Papst Franziskus seinen Rücktritt? Geht es dem Pontifex gesundheitlich so schlecht, dass er sein Amt nicht mehr ausfüllen kann und will?
Während einige Insider sagen «da könnte etwas dran sein» und gerne über Twitter und Co. Öl ins Feuer giessen, weisen andere Vatikanjournalisten das Gerücht als haltlos zurück. «Totaler Schwachsinn», erklärt ein langjähriger Korrespondent auf Nachfrage. Einer habe angefangen und die andere folgten «wie Lemminge».
Doch die eigentliche Frage bleibt: Woher kommt das Gerücht und warum gerade jetzt? Mal davon abgesehen, dass der Papst Hörensagen und Gerüchte nicht ausstehen kann. Immer wieder appelliert er an Journalistinnen und Journalisten, ihre Informationen gut zu prüfen und stets die Wahrheit zu suchen. Dabei müsse nicht jede Nachricht «revolutionär» sein.
Ein Rücktritt des Papstes aber gehört in diese Kategorie. Zumal Vorgänger Papst Benedikt XVI. in einer revolutionären Entscheidung zurücktrat und weiterhin – hochbetagt – innerhalb der Vatikanmauern lebt.
Zwei emeritierte Päpste im Vatikan – das wäre die Revolution der Revolution. Wenn das Spekulieren einmal begonnen hat, fällt es vielen offenbar schwer, wieder damit aufzuhören. Doch warum und worüber wird überhaupt spekuliert? Abgesehen vom sogenannten Sommerloch, in welchem Journalisten oft händeringend nach Themen suchen.
Da ist zum einen die Gesundheit des Papstes. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der 85-Jährige angeschlagen ist. Sein rechtes Knie schmerzt. So sehr, dass er die meisten Termine im Rollstuhl absolviert. Aus dem «launenhaften Knie», wie er es scherzhaft nannte, scheint ein Dauerzustand geworden zu sein. Undauch sonst wirkt er teils müder und weniger präsent als früher. Er kann den Menschen nicht mehr so nahe kommen, sie umarmen und herzen. Das fehlt.
Was nicht fehlt, ist sein Tatendrang. Im Gegenteil. Anfang Juli will er für sechs Tage in die Demokratische Republik Kongo und den Südsudan reisen; Ende Juli soll es nach Kanada gehen. Im September nach Kasachstan. Wie Rückzug und Resignation wirkt das nicht.
Er wäre auch nicht der erste Papst, der im Rollstuhl reist, ganz zu schweigen vom ersten Staatschef oder hochrangigen Politiker. Der Rollstuhl ist nichts Anderes als ein Hilfsmittel. Für sehr viele Menschen.
Woran entzündet sich noch das Gerücht? An Kardinälen. Nach langem Warten hat Franziskus Ende Juni neue Kardinäle ernannt. 21 an der Zahl, darunter 16 zum Stichtag jünger als 80 und damit wahlberechtigt bei der nächsten Papstwahl. Das ist per se nicht ungewöhnlich. Zumal durch Todesfälle – nicht wenige mit Corona – die Anzahl der Purpurträger erheblich geschrumpft war.
Doch wider Erwarten soll das Konsistorium zur Kreierung der Kardinäle nicht am Hochfest Peter und Paul, dem klassischen Datum 29. Juni, sondern Ende August stattfinden. Warum?
Vielleicht liegt es schlicht an einem sehr vollen Papst-Programm im Juli. Die Afrikareise startet am 2. Juli, direkt nach Peter und Paul. Und nach zwei Jahren Pandemie wollen viele Kardinäle persönlich zumKonsistorium anreisen. Auch das braucht Vorplanung.
Dann wäre da noch die abgeschlossene Kurienreform als Spekulationsobjekt. Völlig überraschend veröffentlichte Franziskus am 19. März die zum Pontifikatsbeginn angekündigte Reform. Viele Elemente hatte er nach und nach bereits eingeführt, andere, etwa die Aufwertung von Laien, kamen neu hinzu.
Bis heute, obwohl die Reform seit Pfingsten in Kraft ist, liegen keine Übersetzungen der Apostolischen Konstitution «Praedicate Evangelium» vor. Und das Ganze muss auch noch in eine neue Kurienordnung und in allen Behörden in eigene Statuten überführt werden.
Abgeschlossen ist das Projekt Reform also noch lange nicht. Nach dem Konsistorium will der Papst sein Werk den Kardinälen zwei Tage lang in Rom erläutert. Kernelement der Reform ist, dass die Kurie mehr im Dienst der Ortskirchen tätig werden soll. Das spielt vor allem bei der Weltsynode eine grosse Rolle. Diese ist dem Papst ungemein wichtig. Und läuft noch wenigstens bis Ende 2023.
Aber für die Spekulanten gibt es ein weiteres Element: Der Besuch in L’Aquila. Der Papst fährt am 28. August, am Tag nach dem Konsistorium, in die Abruzzen-Stadt. Dort nimmt er an der traditionsreichen Ablass-Wallfahrt der «Perdonanza Celestiniana» teil.
Die jährlich am 28. und 29. August stattfindende Pilgerfahrt geht auf Papst Coelestin V. zurück. Dieser wiederum war der erste Papst, der je zurücktrat. Und Benedikt XVI. soll – so munkeln einige – 2009 in L’Aquila seinen Rücktritt beschlossen haben. Er reiste nach dem schweren Erdbeben in die Stadt, besucht das Grab von Coelestin V. – und legte dort sein Pallium, eine Art Stola, ab.
Auf Basis solcher Spekulationen also spekulieren nun einige Vatikanjournalisten, dass auch Franziskus in L’Aquila eine Entscheidung treffen könnte. Doch wirklich fest steht dabei eigentlich nur eines: Der Papst ist gut für Überraschungen. (cic)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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