70 Jahre Königin Elisabeth: Grossbritannien feiert das «Platinum Jubilee». Elisabeth war die erste britische Königin, die seit der Reformation einen Papst besuchte. Und erst seit 1982 gibt es volle diplomatische Beziehungen zwischen dem Vatikan und London.
Raphael Rauch
Papst und Queen haben beide ein monarchisches Amt inne. Und beide sind Kirchenoberhäupter: Franziskus leitet die katholische Weltkirche, die Queen steht der Church of England vor. Sind die Ämter ähnlicher als gedacht?
Jörg Ernesti*: Es gibt gewisse Überschneidungen, aber sie sind doch grundverschieden. Die Queen lenkt die Church of England nicht in dem Masse, wie Franziskus die Kirche steuert. Die Queen ernennt Bischöfe und erlässt kirchliche Gesetze – aber nur nach Vorbereitungen durch die Synode. Sie regiert nicht in religiöse Belange hinein.
Ist die Queen für einen Papst trotzdem ein besonderes Staatsoberhaupt, weil sie auch ein religiöses Amt innehat?
Ernesti: Die Queen dürfte aus anderen Gründen für das Papsttum sehr besonders sein. Sie ist die erste Vertreterin der englischen Monarchie, die nach der Reformation einen Papst besucht hat. Sie hat schon sechs Päpste erlebt. Und sie ist nicht nur die Königin von England. Sondern sie ist das Staatsoberhaupt vieler Länder im Commonwealth – und damit auch von Ländern, in denen es viele Katholikinnen und Katholiken gibt. Zum Beispiel in Jamaika, Kanada oder Australien.
Der katholische Hochadel glänzt bei Besuchen im Vatikan mit einem besonderen Dresscode: weisses Kleid, weisser Schleier. Warum gilt diese Etikette nicht für die Queen?
Ernesti: Der «Privilège du blanc» gilt für die katholischen Königshäuser und Fürstentümer, etwa für die Königin von Spanien, die Fürstin von Monaco oder die Grossherzogin von Luxemburg. Die Queen ist nicht katholisch – und geniesst daher dieses Privileg nicht. Die Queen folgte dem klassischen Protokoll, wenn sie nach Rom reiste: schwarzes Kleid mit langen Ärmeln und einem schwarzen Schleier. Wenn ein Papst sie in London besucht, gilt dieses Protokoll nicht – dann gelten die Spielregeln der Queen. Und unter Franziskus ist das Protokoll ohnehin lockerer geworden.
Wie wichtig sind die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Vereinigten Königreich?
Ernesti: London ist nach wie vor geopolitisch sehr wichtig – und entsprechend wichtig sind die Beziehungen für den Heiligen Stuhl. Und zwar nicht nur wegen der Nordirland-Frage, sondern wegen des Commonwealth. Volle diplomatischen Beziehungen sind zwar erst 1982 offiziell aufgenommen worden. Doch schon 1914 wurden wieder diplomatische Beziehungen geknüpft.
Gerade im II. Weltkrieg gab es einen guten Draht zwischen dem Vatikan und London – Duke Francis Osborne war «Minister to the Holy See». Elisabeth hat Papst Pius XII. bereits 1951 besucht, also noch bevor sie Königin wurde. Bis vor 200 Jahren war die katholische Kirche in Grossbritannien verboten und die Katholikinnen und Katholiken waren lange Zeit Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse.
Welche Konsequenzen hatte das Katholiken-Verbot?
Ernesti: Es gab eine Art katholische Untergrundkirche. Und kein Priesterseminar hat so viele Märtyrer hervorgebracht wie das «Venerable English College» in Rom. Junge Briten kamen nach Rom, wo sie studierten. Und nach dem Studium gingen sie zurück auf die Insel, um dort im Untergrund den katholischen Glauben zu verkündigen.
Wenn es jetzt nicht um politische, sondern um religiöse Fragen geht: Laufen die Fäden im Vatikan beim Ökumene-Minister zusammen, bei Kurienkardinal Kurt Koch?
Ernesti: Genau. Seit dem II. Vatikanischen Konzil gibt es bilaterale Dialoge mit allen grossen Konfessionsfamilien. Der Dialog mit den Anglikanern hat direkt nach dem Konzil begonnen und ist bis heute sehr fruchtbar. Die anglikanische Kirche ist der katholischen Kirche in vielen Bereichen sehr ähnlich – von daher ist sie aus Vatikan-Sicht eine pflegeleichte Partnerin.
Der vatikanische Aussenminister, Erzbischof Paul Gallagher, stammt aus Liverpool. Ist er der mit Abstand prominenteste Brite am Heiligen Stuhl?
Ernesti: Ja. Ein anderer Name, der immer wieder fällt, ist John Henry Newman, der von 1801–1890 gelebt hat. Er konvertierte von der anglikanischen zur katholischen Kirche, wurde zum Kardinal ernannt später heiliggesprochen. Sein Vermächtnis wirkt wie eine theologische Brücke zwischen den beiden Kirchen.
* Jörg Ernesti (55) ist Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg. 2022 ist von ihm Herder-Verlag das Buch erschienen «Friedensmacht: Die vatikanische Aussenpolitik seit 1870».
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https://www.kath.ch/newsd/die-queen-wurde-zur-eisbrecherin-zwischen-rom-und-london/