Warum hat Joseph Ratzinger einst im Glarnerland übernachtet? Weil er Franz Böckle besuchte. Der Glarner Theologe hat die Moraltheologie revolutioniert und deutsche Kanzler beraten. Damit er nicht in Vergessenheit gerät, gibt es seit Freitagabend einen Franz-Böckle-Saal in Glarus.
Raphael Rauch
Franz Böckle zog aus dem Glarnerland aus, um die Moraltheologie zu revolutionieren: Das ist die Kurzfassung der Vita eines der wichtigsten Schweizer Theologen des 20. Jahrhunderts.
Katechismus? Fremdbestimmung? Franz Böckle (1921–1991) erkannte die Zeichen der Zeit und wusste: Nur autonom denkende Menschen, die ihrem Gewissen folgen, können eine gesunde Gottesbeziehung aufbauen.
Franz Böckles Theologen-Karriere begann in Chur, wo er eine Generation von vielen Theologen und wenigen Theologinnen prägte. Zu seinen Studenten in Chur gehörte etwa Josef Annen, der später Generalvikar von Zürich und Glarus wurde.
Später machte Franz Böckle in Deutschland Karriere – an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Damals war Bonn die Hauptstadt der Bundesrepublik. Kanzler wie Helmut Schmidt und Helmut Kohl suchten Böckles Rat.
Auch wenn Böckle in Deutschland stets bekannter war als in der Schweiz: Er hat seine Heimat nie vergessen. Und er hat anderen begeistert von ihr berichtet. Einmal kam sogar Joseph Ratzinger nach Glarus, um Franz Böckle zu besuchen.
In den letzten Jahren ist Franz Böckle in Vergessenheit geraten – zum grossen Missfallen von Fridolin Hauser. Der Näfelser Katholik ist eine lebende Glarus-Enzyklopädie. Er interessiert sich für alte Sagen ebenso wie für katholische Würdenträger – so auch für Franz Böckle.
Fridolin Hauser ist überzeugt: Franz Böckle muss stärker in Erinnerung gerufen werden. Und beim Kirchenrats-Präsidenten von Glarus, Fritz Rigendinger, rannte er damit offene Türen ein. Am Freitagabend weihte dieser den Franz-Böckle-Saal in Glarus ein.
«Böckle war weltoffen und eloquent – er gilt als erster katholischer Theologe, den man zu einer Diskussionsrunde ins Fernsehen einladen konnte, ohne dass es peinlich wurde», sagte Rigendinger.
Zwar sei Böckle international nicht so bekannt geworden wie Hans Küng. «Er ist aber gewissen Entwicklungen oder vielmehr Nicht-Entwicklungen in der Amtskirche genauso kritisch gegenübergestanden wie Küng. Es ist darum sicher nicht falsch, wenn man Franz Böckle gewissermassen als Hans Küng von Glarus bezeichnet», sagte Rigendinger. «Wir dürfen in Glarus ruhig stolz sein auf unseren Professor Franz Böckle.»
Im Alter von 70 Jahren sei Franz Böckle von Bonn zurück nach Glarus gekommen. «Er kam als kranker Mann zum Sterben in seine Heimat. Denn er hat gewusst, dass er todkrank war und hier auf dem Friedhof seine letzte Ruhestätte finden wird», sagte Rigendinger.
Im Glarner Kirchenschatz befindet sich Böckles Primizkelch von 1945. Und das Verdienstkreuz, mit dem ihn die Bundesrepublik Deutschland 1986 ehrte.
Die Hoffnung des Kirchenrats-Präsidenten lautet: «Wenn wir den Pfarreisaal im Fridolinsheim nach Franz Böckle benennen, dann wird sein Name wieder in aller Munde sein.»
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