Beten in Bierzeltatmosphäre: Ja, das geht. «Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen»: Pfarrer Mario Pinggera zitiert Psalm 91 und segnet über hundert Töfffahrende. Eine ältere Frau kommt mit ihrem Rollator.
Eva Meienberg
Pfarrer Mario Pinggera (53) steht vor dem Festzelt am Horn in Richterswil, direkt am Zürichsee. Er trägt eine lederne Töffkombi mit weisser Stola um den Hals. In der linken Hand hält er die Bibel. In der rechten das Mikrofon. Dazu Cowboystiefel.
«Warum bist du heute hier?», fragt der Pfarrer einen Besucher. «Um den Segen zu bekommen», antwortet der Mann. Mario Pinggera erklärt: nicht die Töffs bekommen den Segen, sondern die Menschen, die auf ihnen unterwegs sind.
«Das heisst jetzt aber nicht, dass ihr unvorsichtig fahren dürft», sagt Mario Pinggera. «Gott hat euch euer Leben geschenkt. Beschützt dieses Leben und das eurer Mitmenschen», ermahnt er die Festgemeinde. Mario Pinggeras Auftritt erinnert ein bisschen an den Samichlaus, aber an einen gutmütigen mit Schalk. «Es ist nicht ganz einfach», sagt Mario Pinggera später, «in dieser Bierzeltatmosphäre einen Raum zu schaffen, in der Stille und Einkehr möglich ist».
Aber Mario Pinggera gelingt genau das. Als er an die Verstorbenen im Strassenverkehr erinnert, wird es still. Alle stehen auf und schweigen, beten gemeinsam ein Vaterunser. Mario Pinggera nimmt das Aspergill und segnet die Töffs mit Weihwasser. Immer wieder muss der Pfarrer mit auf ein Foto und hört die eine oder andere Sorge. Eine alte Dame mit Rollator sei gekommen und habe gefragt, ob auch ihr Gefährt den Segen bekomme. «Sie hat mir erzählt: Sie wäre vor ein paar Tagen fast gestorben. Sie hat sich für den Segen bedankt», sagt Mario Pinggera.
Auch Caro und Roman wollen ein Foto mit Pfarrer Pinggera. Das junge Paar fährt erst seit einem Jahr Töff. Am Nummernschild hängt noch das «L». In zwei Monaten steht die Fahrprüfung an. Sie wünschen sich, dass sie von einem Unfall verschont bleiben. Denn einige brenzlige Situationen hätten sie im vergangenen Jahr bereits erlebt, sagt Caro.
Caro glaubt an eine höhere Macht, Gott mag sie diese nicht nennen. Aber dass der Segen nützt, davon ist das junge Paar überzeugt.
Stefan ist das erste Mal an der Töffsegnung in Richterswil. Auch er holt sich den Segen für eine unfallfreie Töffsaison. Ohne Schutz komme man auf dem Töff nicht zurecht, sagt Stefan, der seit 30 Jahren fährt: «Ich glaube an Gott und auch an den Schutz, den ich mit dem Segen bekomme.»
Die Worte von Pfarrer Mario Pinggera gefallen ihm. Sie seien einfach und nahe bei den Töfffahrerinnen und Töfffahrern. Stefans Begleiterin sagt: «Der Segen macht etwas mit mir. Er erinnert mich daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich am Ende der Töffsaison wieder heil ankomme.»
«Wir müssen nicht alles selber erfinden», sagt Matthias Stauffer. Er ist reformierter Pfarrer in Wädenswil und fährt seit Ewigkeiten Töff, wie er sagt. Er sei in seiner Gemeinde angefragt worden, eine Töffsegnung zu machen und habe auf den heutigen Anlass verwiesen. «Vielleicht machen wir das in Zukunft ökumenisch», fügt Matthias Stauffer an.
Der Mittsechziger steht in seinem Lederkombi neben einem sehr grossen Töff. «Ich bin vorsichtig mit magischen Vorstellungen», sagt der reformierte Pfarrer. Er baue lieber darauf, dass die Töfffahrenden gut ausgebildet und fit seien. Und die Maschinen müssten optimal gewartet werden.
Gewisse gefährliche Standartsituationen müssten alle beherrschen, etwa, wenn einem der Vortritt von rechts genommen werde. Aber eine Portion Glück könnten alle gebrauchen, denn das Risiko auf der Strasse sei hoch. Matthias Stauffer glaubt nicht, dass er mit dem Segen vor Unglück bewahrt werde. «Ich glaube aber, dass ich nicht alleine bin. Auch wenn ich im Strassengraben liege, ist Christus bei mir.»
Yvonne und Esther sind Schwestern. Das Töfffahren sei ihnen in die Wiege gelegt worden. Vater und Bruder fahren auch Töff. Die beiden kommen zum sechsten Mal an die Töffsegnung. «Wir haben den Segen auch in anderen Situationen geholt», sagt Yvonne. Es sei ein schöner Gedanke, mit ihm auf der Strasse unterwegs zu sein.
Guido war früher im Töffclub Tuggen. Da seien sie von Segnung zu Segnung gefahren. Sie hätten einen lustigen, lockeren Pfarrer gehabt und die Mitglieder das Zusammensein genossen. Die Töffsegnung hat für Guido nichts mit der Kirche zu tun. Er sei nicht mehr in der Kirche. Nachdem eine Töffsegnung auf dem Simplon verboten worden sei, habe er keine Lust mehr auf Kirche gehabt.
Guido glaubt nicht, dass der Segen nützt. Vielmehr verlässt er sich auf sein inneres Gefühl. Er sei schon in der Garage gestanden mit einem eigenartigen Gefühl. Dann habe er den Töffschlüssel wieder an den Haken gehängt und eine Runde mit dem Velo gedreht. Er spüre oft im Voraus, wenn Gefahr drohe.
Pfarrer Mario Pinggera mag die Töffsegnung. Es sei ein niederschwelliges Angebot auch für Menschen, die kirchenfern seien. Nach zwei Jahren Pause wegen Corona findet das Angebot wieder statt. «Noch nie sind an diesem Anlass so viele Leute auf mich zugekommen und wollten persönlich mit mir sprechen», sagt Mario Pinggera. Die Leute suchten nach Sinn in dieser verrückten Zeit mit Pandemie und Krieg.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/unterwegs-mit-dem-tod-auf-dem-tank-warum-sich-toefffahrende-segnen-lassen/