Im Streit um Wolfgang Haas und das Bistum Chur war Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano der Ansprechpartner für den Bundesrat. Er war unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. lange Zeit der zweite Mann im Vatikan. Freitagnacht ist er 94-jährig an den Folgen einer Corona-Infektion in Rom gestorben.
Roland Juchem
50 Jahre lang war Angelo Sodano im diplomatischen Dienst des Vatikan tätig. Zwei Päpsten, Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013), diente der Norditaliener als Kardinalstaatssekretär. Am späten Freitagabend starb Angelo Sodano im Alter von 94 Jahren in Rom in einem Krankenhaus, in das er mit Covid-19 eingeliefert worden war.
Sein Meisterstück lieferte Sodano bereits als Päpstlicher Botschafter in Chile, wohin er 1977 geschickt wurde. 1978/79 half er, den Grenzstreit des Landes mit Argentinien tief im Süden beizulegen. Die Militärjunta in Buenos Aires stand damals kurz vor einer Kriegserklärung. In den Tagen des Mauerfalls in Europa war Sodano vatikanischer Aussenminister, bevor ihn Johannes Paul II. 1991 zum Kardinalstaatssekretär ernannte.
In dieser Position war Angelo Sodano fast 16 Jahre lang hinter Johannes Paul II. der zweite Mann im Vatikan. Der Papst aus Polen hatte den Piemonteser am 29. Juni zum Nachfolger des legendären Agostino Casaroli (1914-1998) berufen. Unter anderem begleitete Sodano den Papst zwischen August 1991 und 2004 auf 53 seiner Auslandsreisen. Unter ihm sei die Aussenpolitik des Vatikan relativ glatt und problemlos verlaufen, urteilen Beobachter. Für die grosse politische Aufmerksamkeit sorgte Johannes Paul selber. Dieser, soSodano später einmal rückblickend, habe den Beinamen «der Grosse» verdient.
Nach seiner Wahl zum Papst ernannte Benedikt XVI. Sodano im April 2005 erneut zum Kardinalstaatssekretär, bevor er im Herbst 2006 seinen eigenen langjährigen Vertrauten, Kardinal Tarcisio Bertone, zum zweiten Mann im Vatikan machte. Der jedoch, wie Sodano aus dem Piemont stammend, konnte aus dem Schatten des gross gewachsenen, kräftig gebauten Sodano nie heraustreten. Im Gegenteil: Es hiess, Sodano habe seinem Nachfolger das Leben oft schwergemacht, weil er ihn für nicht sehr geeignet hielt.
Mit den Verhältnissen im deutschen Sprachraum war Sodano vertraut, seit er im deutschsprachigen Priesterseminar Anima in Rom wohnte. Er sprach gut Deutsch und war unter Casaroli für diesen Bereich Europas zuständig. So soll er in der Auseinandersetzung um die Schwangerenkonfliktberatung der katholischen Kirche in Deutschland Ende der 1990er Jahre für eine moderatere Linie des Vatikan plädiert haben, indem er im Frühjahr 1998 – anders als Kardinal Joseph Ratzinger – für eine gemässigtere Fassung des Papstbriefes an die deutschen Bischöfe plädiert habe. Johannes Paul II. hatte die deutschen Bischöfe letztendlich aufgefordert, aus dem staatlichen System der Konfliktberatung für Schwangere auszusteigen.
Auch für die Schweiz war Kardinal Sodano wichtig: Als der Bundesrat in den 1990er-Jahren intervenierte, um den Dauerstreit mit Bischof Wolfgang Haas in Chur zu lösen, liefen bei Kardinal Sodano die Fäden zusammen. Dass er den beliebten Nuntius Karl-Josef Rauber aus Bern abberief, konnten viele in der Schweiz allerdings nicht verstehen.
Angelo Sodano, geboren am 23. November 1927 im norditalienischen Asti als Sohn eines Landbesitzers und langjährigen Abgeordneten der Christdemokraten, wurde 1950 zum Priester geweiht. In der Seelsorge war er nur kurze Zeit tätig. Rasch schickte ihn sein Bischof zum Studium nach Rom, wo er bereits 1959 in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls eintrat. Erste Stationen seiner Laufbahn waren die päpstlichen Nuntiaturen in Ecuador, Uruguay und Chile.
Im November 1977, vor seinem Amtsantritt als Nuntius in Santiago de Chile, erhielt er die Bischofsweihe. Vorwürfe von damals, als Botschafter des Papstes habe er zu wenig Distanz zu Diktator Augusto Pinochet gewahrt, erwiesen sich im Nachhinein als ungerechtfertigt. Wiederholt hatte er sich gegen Gewaltakte des Regimes gewandt und für die Einhaltung von Menschenrechten stark gemacht.
In den letzten Tagen Johannes Pauls II., Anfang 2005, galten Sodano, Ratzinger und der Privatsekretär Johannes Pauls II., Erzbischof Stanislaw Dziwisz als jene Drei, die de facto die Geschicke der Weltkirche lenkten. Sodano machte jedoch – anders als Ratzinger – kaum durch öffentliche Äusserungen auf sich aufmerksam.
Und obschon sein Verhältnis zu diesem nicht als spannungsfrei galt, übernahm Sodano es als Kardinaldekan, während der Vatileaks-Affäre Benedikt XVI. öffentlich den Rücken zu stärken: «Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit dir und wird sich nicht vom Gerede der herrschenden Meinungen beeinflussen lassen», erklärte er während der Ostermesse 2010.
Dass seine Wortwahl «Gerede» als Anspielung auf die damals öffentlich gewordenen Beschuldigungen von Missbrauchsopfern interpretiert wurden, veranlasste den Vatikan zu erklären, Sodano habe nicht diesegemeint, sondern Mutmassungen rund um Vatileaks. Gleichwohl tauchten 2011 sowie im Sommer 2018 erneut Vorwürfe auf, der langjährige mächtige Mann im Vatikan habe wiederholt versucht, eher die Kirche als Institution zu schützen anstatt Opfern von Missbrauch zu helfen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Dies sei der Fall gewesen bei Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Marcial Maciel (1920-2008), dem Gründer der Legionäre Christi, aber auch nach den ersten Untersuchungen zu Missbrauch und Misshandlung in katholischen Einrichtungen in Irland.
Zu seinem 92. Geburtstag im Dezember 2019 entband das Kardinalskollegium Sodano von der Aufgabe des Dekans und wählte stattdessen den früheren Leiter der Bischofskongregation Giovanni Battista Re zu seinem Leiter. Nicht nur Päpste können seit Benedikt XVI. zurücktreten, auch Dekane des Kardinalskollegiums. (cic)
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