Susanne Cappus: Blick aus der Bentobox

SRF-Radiopredigerin Susanne Cappus sehnt sich nach Ordnung und Planung im Leben. Doch letztlich muss sie bekennen: «Wenn ich einen Blick in mein Leben zurückwerfe, so waren meine besten Entscheidungen alle ungeplant. Ausnahmslos alle.»

Susanne Cappus*

Es ist schon fast ein Abendritual geworden. Ich richte meinen Lunch für den nächsten Tag. Schaue, was es Schönes im Kühlschrank hat, zerteile die Cherrytomaten, schneide Schnittlauch und mische ihn unter den Hüttenkäse, nehme vielleicht noch etwas Bündnerfleisch heraus. Das mache ich seit Weihnachten so, und ich geniesse es. Zu Weihnachten habe ich mir nämlich eine Bentobox geleistet.

Die Bentobox

Eine Bentobox ist ein Transportkistchen für Essen. Das kommt ursprünglich aus Japan. Meine Bentobox ist sehr elegant und aus lebensmittelechtem Edelstahl – was immer lebensmittelechter Edelstahl auch ist . . . Eine Bentobox hat verschieden grosse Unterteilungen, in die man die einzelnen Bestandteile des Essens sicher ablegen kann. Der Hüttenkäse schwappt also nicht mehr über das Bündnerfleisch. Alles hat seine Ordnung. Einfach genial! Mein Lunch ist und bleibt damit geordnet und überschaubar.

Alles unter Kontrolle

Liebe Hörerin, lieber Hörer, das Wort Sicherheitsfreak ist vielleicht etwas übertrieben, aber, nachdem ich Ihnen derart von meiner Bentobox vorgeschwärmt habe, habe ich mich wohl schon geoutet als besonders ordnungsliebend und sicherheitsbewusst . Als Seelsorgerin weiss ich zwar, dass Vertrauen die Grundlage des Glaubens und Lebens ist. Aber, eigentlich, für mich so gesagt: Vertrauen ist gut, Planung und Ordnung sind besser. Und so, schaue ich manchmal wehmütig auf die sauber getrennten Speisen in meiner Bentobox und denke, wäre schon nicht schlecht, wenn mein Leben auch mal so unter Kontrolle wäre. Nicht immer wieder Unvorhergesehenes, das meine Emotionen hochschwappen lässt oder Dinge, die dann doch nicht klappen.

Die besten Entscheidungen sind ungeplant

Ein Leben in der Bentobox also? Will ich das wirklich? Wenn ich einen Blick in mein Leben zurückwerfe, so waren meine besten Entscheidungen alle ungeplant. Ausnahmslos alle. Erstaunlich. Und, wenn alles, was ich gerngehabt hätte, auch eingetroffen wäre, dann hätte ich jetzt, rückblickend, ein sehr schwieriges Leben gehabt.

Ideen und etwas Mut

Bei meinen besten Entscheidungen war der Auslöser jeweils ein spontaner Einfall, eine Idee, die plötzlich kam, mich bewegte und nicht mehr losliess. Nicht immer fand ich diese Einfälle sofort toll. Ich kann mich gut an den Moment erinnern, als ich mich vor zehn Jahren entschloss, in meiner Kirche, der christkatholischen Kirche, Diakonin und Seelsorgerin zu werden. Mit Menschen gemeinsam unterwegs zu sein fand ich zwar toll, aber ein weisses Gewand in der Kirche zu tragen oder zu predigen – nicht unbedingt. Und dann waren da ja auch noch andere Fragen, mit 44 Jahren nochmals studieren, die Finanzierung, dann der Umzug von einer eigenen Wohnung in eine WG, damit es billiger wird. Rückblickend bin ich etwas erstaunt, dass ich das alles einfach gemacht habe. Schon auch mutig.

Das Herz im Sturm

Das Ergebnis macht mich heute noch glücklich. Ich liebe meinen Beruf und, so als angenehme Nebenerscheinung, in der WG ist es so gut gelaufen, dass ich immer noch dort wohne. Auch der Zuzug des dritten WG – Mitglieds war keine geplante Entscheidung. Die kleine, magere Katze, die im Tierheim zeitweise in einem Einzelzimmer gehalten werden musste, weil sie so scheu war, eroberte mit ihren traurigen, gelben Augen mein Herz im Sturm. Jetzt liegt die stolze Chefin eines grossen Reviers entspannt in ihrem Körbchen auf dem Fenstersims, während ich diese Predigt schreibe.

Die Weisheit Gottes

Meine besten Entscheidungen verdanke ich also nicht meiner Planung und meinem Sicherheitsbewusstsein. Ich verdanke sie dem Einbruch von etwas, was ausserhalb meiner selbst liegt. Etwas, das grösser ist als ich und das mich packen und verändern kann. Das mich neue Wege gehen lässt und meinem Leben Freude schenkt. Dieses Grössere wird in der Bibel auch die Weisheit Gottes genannt. Im Buch der Sprüche steht, dass Gott am Anfang seines eigenen Weges sich die Weisheit als Begleiterin erschuf. Die Weisheit unterstütze ihn dann bei der Erschaffung der Welt. Seither begleitet sie Gott und seine Menschen. Das Buch der Sprüche gibt der Weisheit eine Stimme. Die Weisheit spricht gleich selbst. Ich lese vor:

«Der Herr hat mich erschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmass, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen liess aus dem Urmeer, als er die Fundamente der Erde abmass, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spiele vor ihm allezeit. Ich spiele auf dem Erdenrund und meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein.»

Inspiration für die innere Bentobox

Die Weisheit als Begleiterin Gottes, die vor ihm auf der Erde spielt und sich freut bei uns Menschen zu sein: Was für ein starkes Bild! Und was für eine wunderbare Einladung an mich, meine Kontrollhaltung dem Leben gegenüber zu lockern, den Blick aus meiner inneren Bentobox zu heben und ihn auf dieses spielende Kind zu richten. Auf die Weisheit, die von Gott kommt und mich inspirieren möchte.

Die Weisheit, das Kind Gottes

Die Weisheit macht es mir dabei leicht. Sie kommt nicht schweren Schrittes daher, erwachsen, mit ernster Miene. Sie gibt keine Anweisungen und erteilt keine Befehle. Die Weisheit, dieses Kind Gottes, eilt mit beschwingter Leichtigkeit auf uns Menschen zu, nimmt uns an der Hand und lädt uns ein, mit ihm gemeinsam das Spiel des Lebens zu spielen. Spielen ist etwas Heiliges. Spielen an sich ist nämlich absichtslos. Es respektiert das Unberechenbare. Die Würfel fallen, wie sie fallen. Und, Spielen macht Freude, ist gesellig und sozial. Wo, wenn nicht in diesem offenen, freudvollen Raum, könnte sich Gottes Weisheit am besten entfalten?

Das Leben spielerisch nehmen

Dieser offene Raum ist für mich zwar nicht kontrollier- oder planbar, aber, er zieht mich an. Es wäre schon schön, das Leben spielerischer zu nehmen und meine Gedanken nicht an alle möglichen und unmöglichen Situationen zu binden, die vielleicht gar nie eintreffen. Einfach mal offen da zu sein für das, was mir das Leben zum Spielen anbietet – und dabei auf die Weisheit Gottes, zu vertrauen, die bei mir ist. Mein Leben wäre wohl leichter und freudvoller. Und vielleicht hielte es sogar die eine oder andere prickelnde Überraschung bereut. So ganz unerwartet. Champagnerkorken fliegen nicht auf genau berechneten Flugbahnen. Vielleicht ist Glück nicht, dass ich bekomme, was ich mir vorstelle, sondern dass ich mit dem spiele, was da ist und dabei glücklich bin. Glück im Spiel und Glück im Leben also.

Susanne Cappus ist christkatholische Radiopredigerin und arbeitet als Diakonin.

Bibelstelle: Spr 8,22-31

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