Samba, Sünde, schwarzer Jesus: Rio feiert «Carnaval» in der Osterzeit

Fasnacht in der Osterzeit: Wegen Corona wurde der berühmte «Carnaval» von Rio auf April verschoben. Evangelikale Kreise stören sich am LGBTQ-Einfluss. Und die katholische Kirche hadert mit einem schwarzen Jesus. Dabei lebt der «Carnaval» davon, gegen Regeln zu verstossen, die anderen heilig sind.

Natalie Fritz

Wenn «König Momo», der Chef des Karnevals, das Zepter übernimmt, dann beginnt in Rio de Janeiro der Ausnahmezustand: der «Carnaval». Die Welt steht für ein paar Tage Kopf und bewegt sich im hypnotischen Rhythmus der Sambatrommeln. In diesem Jahr ist die Welt gleich im doppelten Sinne verdreht, denn der Karneval findet nach Ostern statt, vom 20. bis zum 30. April. Omikron hat den Cariocas, so bezeichnen sich die Einwohner*innen Rios, die Fasnacht fast wieder versaut. Aber nur fast!

Das Riesengeschäft mit der Fasnacht

Das Massenspektakel ist überlebenswichtig für sehr viele Menschen. Denn nicht nur die Tourismusbranche profitiert vom «Carnaval», sondern auch rund 70’000 Beschäftigte, die etwa für Schneidereien, Caterer oder Baufirmen arbeiten. Die Vorbereitung auf die mehrtägige Riesenparty ist ein knallhartes Geschäft, in dem es um mehr als 500 Millionen Franken Umsatz geht.

Verkehrte Welt

Die mediale Reichweite des «Carnaval» ist enorm. Das wissen die Sambaschulen, die zentralen Akteure in Rios Fasnacht. Sie treten tanzend und trommelnd an den Paraden gegeneinander an und nutzen diese mediale Plattform neuerdings für sozialpolitische Statements. Das gab es früher kaum. Doch seit Jair Bolsonaros Amtsantritt 2019 üben auch die vormals eher unpolitischen Sambaschulen Kritik am reaktionären und repressiven Kurs des Präsidenten.

Damit stehen sie in einer uralten religionshistorischen Tradition. Bereits für die vorchristliche Zeit sind religiöse Feierlichkeiten belegt, die ähnlich wie die Karnevals- oder Fasnachtszeit eine kathartische Funktion haben. Solche Feiern dienen dazu, verdrängte Gefühle und Konflikte auszuleben. Einerseits geht es darum, vor der Zeit des regulierten Verzichts über die Stränge zu schlagen. Und darum, «vom Fleisch Abschied zu nehmen» – «Carne vale» ist Latein und heisst «Fleisch, lebe wohl».

Andererseits bedeutet Karneval auch, die Regeln für eine kurze Zeit infrage zu stellen und die Ordnung umzudrehen. Während des Karnevals ist fast alles erlaubt – hinter den Masken sind alle gleich. Natürlich geht es beim «Carnaval» auch um Samba, Sex und Sakrileg.

Wenn gleich nicht gleich ist

Wobei Gleichheit ein sichtlich heikler Begriff ist in einem Land wie Brasilien, das einen rechtspopulistischen Präsidenten hat, der Gewalt verherrlicht und Minderheiten öffentlich diskriminiert.

2020 präsentierte eine der renommiertesten Sambaschulen, die Estação Primeira de Mangueira, auf ihrem Festwagen einen schwarzen Jesus aus dem Slum.

Wobei es sich eigentlich um einen dreifachen Jesus handelt: einmal ist er schwarz und hängt am Kreuz, einmal liegt er als indigenes Kindlein in der Krippe und einmal trägt er in weiblichem Körper das Kreuz. Diese Inszenierung löste prompt einen Aufschrei bei konservativen Katholikinnen und Katholiken und in evangelikalen Kreisen aus.

Die Sambaschule wollte mit dem dreifachen Jesus reale Missstände aufzeigen. Man wolle eine alternative Geschichte Brasiliens erzählen und denen eine Stimme geben, die nicht gehört würden, liess die Sambaschule erklären. Es sind eben doch nicht alle gleich.

Niemand weiss das besser als die Sambaschulen selbst. Samba ist ein afrobrasilianischer Musikstil, den die afrikanischen Sklaven nach Brasilien gebracht hatten. In den Armenvierteln ist Samba seit dem frühen 20. Jahrhundert populär und viele Sambaschulen entstanden in den Unterschichtsquartieren Rios. Der «Carnaval» in Brasilien ist ein buntes Gemisch aus christlichen, afrikanischen und indigenen Traditionen.

Die katholische Kirche und der dreifache Jesus

In Brasilien werden unzählige Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer sozialen Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer sexuellen Vorlieben diskriminiert. Das zeigt sich sogar am Karneval, dem Fest, das sich um Gleichheit und das Spiel mit den Normen dreht. Selbst da ist die Inszenierung eines schwarzen oder dreifachen Jesus ein Problem. Reaktionäre katholische Kreise starteten nach Bekanntwerden der Idee eine Unterschriftenaktion gegen die Präsentation des schwarzen Jesus. Erfolglos.

Noch 1989 hatte die Erzdiözese Rio der Sambaschule Beija Flor gerichtlich untersagt, mit einer Nachbildung der berühmten Christusfigur von Rio aufzutreten. Daraufhin verhüllte die betroffene Schule die Statue und beklebte sie mit Zetteln, auf denen «Zensur» stand. Diese öffentliche Aktion war dem Image der katholischen Kirche nicht zuträglich. Heute bemüht sich die katholische Kirche um Zusammenarbeit, wie die Sambaschulen bestätigen.

Evangelikale wettern gegen unchristlichen Exzess

Den evangelikalen Christen hingegen gefällt der diverse Charakter des Spektakels nicht. Sie wollen keine nackte Haut sehen und schon gar keine Menschen, die sich öffentlich für die Rechte von LGBTQ oder Armen einsetzen. Viele Pfingstgemeinden in Brasilien negieren nicht nur Homosexualität und verbieten Abtreibung, sondern verbreiten das sogenannte «Wohlstandsevangelium». Eine Weltsicht, die ökonomischen Erfolg als Zeichen der Gunst Gottes sieht. Dieses Wohlstandsversprechen lockt viele Menschen aus den Armutsvierteln an, den Favelas. Kein Wunder, dass die evangelikalen Gemeinden in Brasilien stetig an Gläubigen und Einfluss zunehmen und die katholische Kirche ihr über 500-jähriges Machtmonopol verliert.

Der Bürgermeister-Bischof distanzierte sich vom «Carnaval»

Als Bischof der neocharismatischen «Igreja Universal do Reino do Deus» (Universalkirche des Königreich Gottes) distanzierte sich der ehemalige Bürgermeister von Rio, Marcelo Crivella, vom «Carnaval». Er empfand die immer lauter werdenden Forderungen nach Toleranz und die vielen Anspielungen der Sambaschulen auf afrikanische Religionen wie Candomblé als gefährlich für die reine Lehre. Die ganze Festivität sei ein «unchristlicher Exzess», dem es Einhalt zu gebieten gälte.

Die Diffamierung ihres «Carnavals» und das Fernbleiben ihres Bürgermeisters von den Feierlichkeiten war für die Cariocas nicht einfach ein Fauxpas, sondern ein Tabubruch. Nachdem Crivella die Zuschüsse für die Sambaschulen gekürzt hatte, sah man sein Konterfei auf den grossen Wagen der Sambaschulen. Einmal mit Bockshörnern, einmal als Judas.

Mittlerweile ist Crivella abgewählt und die Pfingstgemeinden Rios feiern einen «sauberen» Karneval parallel zum grossen Event.

Wir dürfen gespannt sein, welche Themen die Sambaschulen wohl dieses Jahr inszenieren!


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/rio-feiert-verspaetet-carnaval-dieses-jahr-wohl-ohne-schwarzen-jesus/