Am Ostermontag feierten rund 100 Menschen einen Berggottesdienst auf dem Panoramaplatz oberhalb von Saas-Fee. Pfarrer Konrad Rieder las dabei einen Text einer Ukrainerin vor: «Wie könnte ich diesen Krieg ohne meinen Glauben und Gottes Hilfe je ertragen?»
Vera Rüttimann
Schwindelerregend hoch schweben die Kabinen über dem Gletscher oberhalb des Dorfes Saas-Fee. Immer näher kommt das Skigebiet. Unter den Kabinen sieht man die Sportlerinnen und Sportler um die Schneehügel kurven. In den Gondeln sitzen auch Menschen, die unterwegs sind zum Ostermontagsgottesdienst.
Jene, die weniger gut zu Fuss sind, werden an der oberen Ski-Station von einem Pistenjet abgeholt. Die anderen laufen mit Schneeschuhen und Skistöcken ein Stück weit. Von dort aus geht es für alle mit einem grossen Pistenbully weiter zum Panoramaplatz.
Schnee fliegt in die Luft, der Motor heult auf. Rasend schnell saust der vollbesetzte Pistenbully an den Skifahrenden und den Pistenmarkierungsstäben vorbei. Immer höher geht es hinauf. Türkisblau schimmern die tiefen Gletscherspalten.
Die Raupe transportiert nicht nur die Besucherinnen und Besucher, die zum Gottesdienst wollen, sondern auch die Dinge, die man dafür braucht. Etwa Schalen, ein Kelch, Hostien – und Wein für den Apéro.
Am Panoramaplatz stehen ein riesiges Holzkreuz und ein Altar aus Schnee. «Der Pistendienst der Bergbahnen hat geholfen, ihn zu bauen», erklärt Fabian, der Sakristan der Herz-Jesu-Kirche in Saas-Fee ist. «Uns helfen viele gute Geister, dass alles hier nach oben kommt.» Seit 1991 gebe es diesen Berggottesdienst. Lange sei dieser Anlass vom verstorbenen Pater Pirmin Supersaxo geprägt gewesen. «Pater Pirmin war mein Onkel und ich war sein treuer Begleiter. Ich sage auch heute noch: Ich bin der Sakristan auf der höchst gelegenen Glescherkirche der Schweiz.»
Jetzt sitzt Fabian zusammen mit gut hundert anderen Leuten auf einer Bank. Rund herum sind die 18 Viertausender. Weisse Spitzen auf dunkelblauem Grund. So auch das Allalinhorn direkt vor ihnen.
Pfarrer Konrad Rieder beginnt den Gottesdienst: «Gerade die Natur um uns herum lädt uns ein, uns Zeit zu nehmen und zur Ruhe zu kommen», sagt er. Umrahmt wird der Gottesdienst von den Jodelchören aus Saas-Almagell und von Saas-Fee. Während hier gesungen, gebetet und geschwiegen wird, sausen um den Platz die Skifahrerinnen und Skifahrer vorbei.
Konrad Rieder streut in seine Predigt ein paar österliche Gedanken ein. Es geht um die Emmaus-Geschichte. «Die Jünger waren nicht nur einzeln unterwegs. Sie nahmen auch ganz bewusst war, wo der andere in seinem Leben steht. Diese Aufmerksamkeit für die Menschen und das bewusste Mitgehen ist auch ein Weg, den wir anstreben können», sagt er.
Wichtig sei zudem, Zeugnis abzugeben von unserem Glauben. Konrad Rieder zitiert dabei aus einem Text einer Ukrainerin, die flüchten musste: «Ich habe gesehen, wie leicht Sicherheit, Stabilität und Träume sowie ganze Städte, ja ein Land, zerstört werden können. Die Frage ist für mich nicht: Wie kannst du immer noch glauben? Die Frage ist: Wie könnte ich diesen Krieg ohne meinen Glauben und Gottes Hilfe je ertragen?» Konrad Rieder sagt dazu: «Das ist die Botschaft von Ostern: Dass wir Hoffnung haben können. Selbst, wenn Böses in der Welt existiert.»
Konrad Rieder ist Pfarrer von Saas-Fee. Er ist aber auch Snowboardfahrer, Tourenskigeher und ein Internet-Star. Auf YouTube kann man ihn in wehender Soutane die steilen Pisten von Saas-Fee herunterwedeln sehen. Er will damit an seinen Vorgänger erinnern, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Tourismus im Saastal mitbegründete: Pfarrer Johann Joseph Imseng.
Der katholische Pfarrer (1806-1869) war der Erste, der in seinem Pfarrhaus in Saas-Grund Gästebetten anbot. Im Winter 1849/50 schnallte er sich zudem erstmals zwei einfache Holzbretter mit Riemen und Schnüren unter seine Schuhe – und sauste von Saas-Fee nach Saas-Grund hinab zu seinen Schäfchen.
Nach dem Gottesdienst kommt es zur grossen «Teilete» im Schnee. Alle haben etwas mitgebracht. Die Leute legen Würste, Käse und Eier auf den Schnee-Altar. Dazu verschiedene Walliser Rot- und Weissweine. Letztere hat die Gemeinde Saas-Fee gesponsert. Dazu singen einige Walliser Volkslieder.
Unter den Leuten ist auch Daniela Kipfer. Sie wohnt in Reiden, im Kanton Luzern. Seit über 25 Jahren kommt sie nach Saas-Fee. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. «Hier oben fühle ich mich dem Himmel sehr nahe», sagt sie. Jedes Mal, wenn sie hier jeweils mit dem Panoramalift die Gletscherwelt vor sich sehe, berühre sie das. Auch, weil die Gletscher hier oben zusehends schwinden. Jedes Jahr zum Berggottesdienst zu kommen, «ist ein Bedürfnis für mich», sagt sie. «Die Leute, die hier sind, helfen mit Herzblut mit, damit dieser Gottesdienst stattfinden kann.»
Bei strahlendem Sonnenschein schnallen sich die Gottesdienstbesuchenden am späten Nachmittag die Skier und die Felle wieder unter die Füsse. Die anderen nehmen die Pistenraupe, die sie nach Saas-Fee bringt. Darunter ist auch ein deutscher Stammgast aus Frankfurt am Main. «Wir gehen nicht mehr so oft in die Kirche. Aber dieser Berggottesdienst hier ist etwas ganz Besonderes», sagt er. Der Manager spricht über die spezielle Atmosphäre, die Freundlichkeit der Menschen hier und das einmalige Panorama. Und ausserdem, schiebt er noch nach, «ist das Wetter am Ostermontag hier wirklich immer schön.»
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