100’000 Menschen waren zu den Osterfeierlichkeiten nach Rom gekommen. Es falle schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, sagte Papst Franziskus. Er appellierte für Frieden in der Welt während dieses «Ostern des Krieges».
Severina Bartonitschek
Noch einmal zurücksetzen, dann Stufe für Stufe manövriert der Fahrer den weissen Geländewagen vorsichtig durch den gelben Blumenschmuck vor dem Petersdom. Seine kostbare Fracht: Papst Franziskus, der nach der Ostermesse am Sonntag die rund 100’000 Pilger begrüssen möchte. Bis kurz vor die Engelsburg muss er fahren, damit ihn alle Menschen aus der Nähe sehen können.
Es ist voll. Das minutenlange Schweigen nach dem Evangelium der Ostermesse durchbricht trotzdem nur eine Möwe und das Plätschern der Brunnen. Eine Predigt gibt es nicht, Franziskus’ Osterbotschaft vor dem traditionellen «Urbi et orbi»-Segen ist dafür umso intensiver.
Von einem «Ostern des Krieges» spricht das Kirchenoberhaupt auf dem Balkon des Petersdoms. In seinem Herzen trage er all die vielen ukrainischen Opfer, die Millionen von Flüchtlingen, die auseinandergerissenen Familien, die allein gelassenen alten Menschen, die zerstörten Leben und die dem Erdboden gleichgemachten Städte, so der Papst eindringlich. Bei diesem Blutvergiessen und der Gewalt falle es schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden sei. Eine Illusion sei dies aber nicht. Seinem Appell für Frieden in der Ukraine folgte langer Applaus.
Aber auch viele weitere Konflikte und Krisenherde liess Franziskus nicht aus. So bat er etwa um ein geschwisterliches Zusammenleben der Religionen in Jerusalem und um Frieden etwa in Syrien und Myanmar, im Libanon, Libyen und Jemen. Ebenso in Afrika und Lateinamerika. Für die indigenen Völker aus Kanada und die dortige katholische Kirche bat er um göttlichen Beistand auf dem «Weg der Versöhnung». Erst kürzlich hatte Franziskus deren Vertreter zu Gesprächen im Vatikan getroffen. Grund war die Rolle der Kirche in der Geschichte der umstrittenen Residential Schools, in denen im 19. und 20. Jahrhundert indigene Kinder ihrer Kultur beraubt, misshandelt und auch missbraucht wurden.
Das höchste Fest der Christenheit im Vatikan: Nach zwei Jahren Corona-Pandemie ist es in seinen Abläufen nahezu zur Normalität zurückgekehrt, die Pilgerzahl rasant gestiegen, der Petersplatz mit rund 40’000 Pflanzen ein farbenfrohes Blumenmeer. Inhaltlich aber überschattet der Krieg in der Ukraine diese Osterfeierlichkeiten.
Aber nicht nur der Krieg bereitet dem Kirchenoberhaupt grosse Sorgen, auch gesundheitliche Probleme setzen Franziskus sichtlich zu. Erstmals konnte er wegen seiner Knie- und Hüftschmerzen die wichtige Messe der Osternacht nicht selbst leiten. Stattdessen nahm er von einem Stuhl vor den Bankreihen der Gläubigen aus am Gottesdienst teil. Hauptzelebrant war Kardinal Giovanni Battista Re, der Dekan des Kardinalskollegiums. Bei der Feier an Karfreitag im Petersdom betete das Kirchenoberhaupt stehend still vor dem Hauptaltar und verzichtete darauf, sich wie in der Liturgie an dieser Stelle vorgesehen auf dem Boden auszustrecken. Während seiner Osterbotschaft am Sonntag auf der Mittelloggia des Petersdoms musste er sich zwischenzeitlich setzen.
Den anschliessenden Segen «Urbi et orbi» (Der Stadt und dem Erdkreis) erteilte Franziskus dann aber wieder stehend. Überhaupt scheint eine gesundheitsbedingte Absage für den 85-Jährigen nicht in Frage zu kommen. So nahm er an Gründonnerstag die Tradition der Fusswaschung in einer Einrichtung ausserhalb des Vatikan wieder auf. In der Haftanstalt von Civitavecchia nahe Rom wusch er zwölf Häftlingen die Füsse. Das macht er ohnehin schon lange im Stehen. Genauso wie die Fahrten im weissen Geländewagen – off-road durch das bunte Blumen- und Menschenmeer. (cic)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/papst-feiert-nachdenkliches-ostern-des-krieges/