Karfreitag im Wallis: Der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, wandert in Schneeschuhen zum Felsblock «Panettone». Er verteidigt Papst Franziskus für seine Entscheidung, eine Ukrainerin und eine Russin in Rom gemeinsam das Kreuz tragen zu lassen.
Raphael Rauch
Fast zu freundlich für die Dramatik des Karfreitags ist das Wetter auf dem Simplon-Pass: strahlender Sonnenschein, wenig Wolken. Die Sonne hat den Schnee an vielen Stellen weggeschmolzen. Im Gras zeigen sich die ersten Frühlingsboten.
150 Menschen kommen, um dem Bischof von Sitten auf einer Prozession durch den wenigen Schnee zu folgen. Für Jean-Marie Lovey ist es ein Heimspiel: Er gehört den Augustiner-Chorherren vom Grossen St. Bernhard an. Seit dem Mittelalter betreiben die Augustiner ein Hospiz auf der Passhöhe. Früher haben sie hier auch die weltbekannten Bernhardiner-Hunde gezüchtet.
Golgota im Schnee, das ist hier Tradition. Bischof Jean-Marie Lovey feiert mit Familien die Kar- und Ostertage auf dem Simplon-Pass. Je nachdem, auf welches Datum Ostern fällt, gibt es mehr oder weniger Schnee. Mitte April ist ein sehr später Karfreitag.
Der Bischof geht wie die meisten Menschen in Schneeschuhen. Manche gehen auf Tourenskiern – so auch die Kreuzträger. Seit 22 Jahren tragen sie ein relativ leichtes Kreuz, wie sie erzählen. «Das haben wir seit dem Jubeljahr 2000. Das frühere Kreuz war schwerer.»
Unterwegs gibt es Pausen mit Kreuzwegstationen. Die Menschen beten auf deutsch, französisch und italienisch.
Bischof Jean-Marie Lovey erinnert an das Leiden der Menschen in der Ukraine. Er verteidigt die Entscheidung von Papst Franziskus, auf dem Kreuzweg in Rom eine Ukrainerin und eine Russin gemeinsam das Kreuz tragen zu lassen. Der geopolitischen Realität stellt der Bischof von Sitten die Solidarität mit allen Menschen entgegen.
«Manche machen aus der Geste des Papstes einen Skandal. Dabei gibt es in einem Krieg nur Verlierer, alle Menschen leiden darunter», sagt der Bischof von Sitten. Gleichwohl erinnert er an die Menschen in der Ukraine, die ein «besonders schweres Kreuz» zu tragen haben.
Die Botschaft von Ostern möge Hoffnung machen, sagt der Bischof von Sitten: «Ich denke an die Menschen in der Ukraine und in Russland. Und an all die Flüchtlinge, die in der Schweiz sind, die unter dem Kriegsgeschehen leiden und innerlich zerrissen sind. Öffnen wir unsere Türen von ganzem Herzen.»
Die Kreuzwegandacht hat nichts von der Schwere der Karfreitagsliturgie, wie sie mancherorts zu erleben ist. Die Menschen ziehen in verschiedenen Gruppen 350 Meter hoch zum «Panettone». So heisst der Felsblock am Fusse des Hübschhorns, auf dem ein Kreuz zu sehen ist. Hier ist der Abschluss des Kreuzweges.
An diesem Nachmittag strahlt die Wärme des Osterfeuers ins Gesicht, von der Grabeskälte des Karfreitags ist wenig zu spüren. Nur beim Abstieg ziehen kurz Wolken vor die Sonne.
Nach Abschluss des Kreuzweges machen sich die Skifahrer auf den Weg zurück. Sie schwingen sich durch den etwas sulzigen Schnee. Die Menschen mit Schneeschuhen folgen ihnen. Am Hospiz zurückgekommen, entdeckt Bischof Jean-Marie Lovey zart blühende Anemonen im Gras. «Frohe Ostern», sagt er und macht Fotos auf seinem Smartphone. Der österliche Frühling hat auf dem Simplon-Pass begonnen.
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