«Die Folgen von Corona, der Krieg in der Ukraine und andere Kriege zeigen, dass der Karfreitag leider etwas Gegenwärtiges ist», sagt Bischof Felix Gmür. «Ostern ist keine oberflächliche Party.»
Raphael Rauch
Erleben die Menschen in der Ukraine zurzeit jeden Tag einen Karfreitag?
Bischof Felix Gmür*: Es wäre vermessen, mich aus der sicheren Schweiz zum persönlichen Erleben von Menschen in Kriegsgebieten zu äussern. Stattdessen gilt es vor Ort und bei den Flüchtlingen hierzulande direkt nachzufragen und hinzuhören. Wie geht es ihnen? Was brauchen sie? Was können wir beitragen, damit der Frieden gefördert und das Leben im Ausnahmezustand erträglicher wird?
Wo ist Gott in all dem Leid?
Gmür: Jede eindeutige Antwort auf diese Frage ist leichtfertig. Mich tröstet die Hoffnung, dass Gott immer da ist und seine Präsenz nicht von unserem subjektiven Gefühl abhängt. Diese Hoffnung nährt sich aus der Feier der Sakramente und der Lektüre der Bibel. Sie erzählt von einem Gott, der trotz und gerade im grössten Leid Anteil an unserem Schicksal nimmt.
«Gott, warum spüre ich deine Hilfe nicht?»
Hat Gott die Menschen verlassen?
Gmür: Diese Frage ist so alt wie die erste Begegnung zwischen Gott und Mensch. In mehreren Psalmen schleudern die Beterinnen und Beter diese Frage Gott direkt entgegen. Die Frage ist auch ein Vorwurf: Gott, warum spüre ich deine Hilfe nicht? Und sie ist eine inständige Bitte in der Not: Gott, lass mich nicht im Stich!
Wann denken Sie sich: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Gmür: Es gibt sicherlich Momente, in denen ich Gottes Gegenwart weniger spüre oder zweifle. Die Erfahrung von absoluter Gottverlassenheit ist mir bisher jedoch fremd.
«Ich schöpfe Hoffnung aus dem Gebet.»
Was macht Ihnen Hoffnung?
Gmür: Ich schöpfe Hoffnung aus dem Gebet sowie den täglichen Begegnungen mit Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise liebevoll für andere einsetzen. Sie stärken meinen Glauben an die Wandlungsfähigkeit der Welt zum Guten hin. Diese Begegnungen gehören für mich zum Kostbarsten in meinem Dienst.
Was sagt uns Christi Tod am Kreuz im Jahr 2022?
Gmür: Jesus hängt ausgestellt auf einem Hügel an einem der brutalsten Hinrichtungsinstrumente der Antike. Der Karfreitag deckt auf, dass Leiden und Tod Teil dieser Welt sind, eine unerwünschte Realität, vor der wir nicht die Augen verschliessen dürfen. Die Folgen von Corona, der Krieg in der Ukraine und andere Kriege zeigen, dass der Karfreitag leider etwas Gegenwärtiges ist. Schreckliche Schicksalsschläge, Leid und Tod einzelner Menschen sowie ganzer Völker dürfen uns nicht egal sein!
Zwischen der Karfreitagsliturgie um 15 Uhr und der Osternacht liegen manchmal weniger als 30 Stunden. Wie umgehen mit dem langen Krieg in der Ukraine, wo kein Ende in Sicht ist?
Gmür: Das einzige, was wir im Moment tun können, ist, jene Menschen, welche von Kriegen unmittelbar betroffen sind, nicht alleine zu lassen, und zwar nicht nur kurz-, sondern mittel- und langfristig. Die Aufrechterhaltung der Solidarität über längere Zeit, so lehrt es uns die Geschichte, ist eine grosse Herausforderung. Ebenso glaube ich an die Wirksamkeit des stetigen Gebetes.
«Jesu Hinrichtung am Kreuz ist und bleibt eine Katastrophe.»
Viele Menschen sterben unschuldig, etwa durch Krieg oder Krankheit. Tod hat oft keinen Sinn. War Jesu Tod am Kreuz auch sinnlos?
Gmür: Jesu Hinrichtung am Kreuz ist und bleibt eine Katastrophe. Sein Tod war aber nicht sinnlos. Der Apostel Paulus sowie die Evangelisten verkünden uns den Tod Jesu im Gegenteil als Erlösungsereignis für die Menschheit und die ganze Schöpfung. Durch Gottes Menschwerdung in Jesus hat er sich mit jedem und jeder einzelnen von uns solidarisiert. Diese Solidarisierung reicht bis in die tiefsten Abgründe jeglicher Existenz, bis in den Tod. Seine Botschaft der unbedingten Nächstenliebe und Hingabe bleibt nicht bei leeren Worten stehen. Sie erfüllt sich in Jesu Leben, seinem Handeln und in seinem Sterben in letzter Konsequenz. Das Kreuz ist der Angelpunkt für die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft eines die Menschen über alle Massen liebenden Gottes.
Finden Sie den Hohen Donnerstag mit dem konkreten Abendmahl und die Osternacht mit dem sinnlichen Osterfeuer verständlicher als den Karfreitag?
Gmür: Ganz und gar nicht. Am Karfreitag vergegenwärtigen wir uns eine Realität, die unzählige Menschen tagtäglich betrifft. Gewalt und Tod sind Teil dieser Welt. Nur wer davor nicht die Augen verschliesst, nur, wer sich vom Schicksal der Unterdrückten, Sterbenden, Getöteten und Trauernden berühren lässt, vermag am Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit und Frieden mitzuwirken.
«Ostern heisst Hoffnung und Leben!»
Wie können wir Ostern feiern im Angesicht des Krieges?
Gmür: Erst recht gilt es nun Ostern zu feiern! Ostern ist keine oberflächliche Party, von der am Tag darauf höchstens ein Kater übrigbleibt. Wir feiern an Ostern, dass dank Jesus Christi Auferstehung der Tod und damit auch der Krieg nicht das letzte Wort haben. Dies gilt für das Leben im Hier und Jetzt ebenso wie für das Schicksal eines jeden einzelnen Menschen. Ostern heisst Hoffnung und Leben! Jesus ist auferstanden, er hat uns ein Leben nach dem Tod verheissen.
Welches Werk der Kunstgeschichte spricht Sie besonders an und hilft Ihnen, das Geheimnis des Karfreitags besser zu verstehen?
Gmür: Mir scheint, dass es weder beim Karfreitag noch bei der Begegnung mit Kunst primär um ein «Verstehen» geht. Vielmehr ist es die Begegnung, die den Blick zum Beispiel durch Spannungen oder Ungeahntes weitet, verändert und damit auch mich verändert. Ein Kunstwerk, das diese Wirkung auf mich hat, ist die Installation «Résurrection» von Valérie Colombel. Es wurde zum ersten Mal 2011 in Paray-le-Monial ausgestellt wurde.
Was genau fasziniert Sie an dieser Installation?
Gmür: Viele Glasstücke, aufgehängt an durchsichtigen Fäden, bilden mosaikähnlich ein dreidimensionales Kreuz mit einer Person darin. Das Werk erzeugt eine Spannung zwischen Destruktion und Entstehung, Absenz und Präsenz, Tod und Leben. Die Person im Kreuz ist nicht individualisiert. Es kann jede und jeder sein, spielt für mich aber auf Jesus Christus an. Was hier gezeigt wird, betrifft ein Individuum, zugleich aber die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung: Sterben, Einschränkungen, Vergänglichkeit als konstitutive Prozesse für Transformation im Loslassen oder Auferstehung werden von der Künstlerin in diesem Werk thematisiert.
Wurde der Karfreitag in Ihrer Familie streng gefeiert?
Gmür: Es war nie ein Freudentag. Als Kind fand ich ihn immer sehr langweilig und war froh, wenn er vorüber war.
* Felix Gmür (55) ist Bischof von Basel und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wo-ist-gott-in-all-dem-leid-bischof-felix-gmuer/