Vom Schnitzel zur Dürre: Claudia Fuhrer engagiert sich bei Fastenaktion für Ernährungsgerechtigkeit

Die Ethnologin Claudia Fuhrer (58) fühlt sich im Kapuzinerkloster Solothurn heimisch. Denn hier wird Nahrung lokal angebaut und verkauft, ebenso Samen und Setzlinge dazu. Das sei der beste Weg, um den Menschen das Recht auf Nahrung zu gewähren, sagt die Ernährungsspezialistin beim Hilfswerk Fastenaktion.

Regula Pfeifer

«Das Kapuzinerkloster ist eine Oase der Nachhaltigkeit, der Begegnung, der Inklusivität und der Ruhe», schwärmt Claudia Fuhrer. Sie sitzt an diesem sonnigen Mittag im März bei einem Teller Gemüsesuppe am runden Tisch draussen unter den Arkadenbögen des Kapuzinerklosters Solothurn. Die erwähnten Werte sind ihr persönlich, aber auch dem Hilfswerk Fastenaktion wichtig, für das sie seit fünfundzwanzig Jahren arbeitet.

Entdeckung Samenmarkt

Claudia Fuhrer wohnt mit ihrer Familie in Solothurn. Kennen gelernt hat sie das neu belebte Kapuzinerkloster an einem seiner Samen- und Setzlingsmärkte. Seither besucht sie das ehemalige Kloster immer mal wieder, das 2018 zu einem Kultur- und Gemeinschaftszentrum geworden ist.

Die passionierte Hobbygärtnerin hat auf dem Klostermarkt einige lokale Gemüsesorten entdeckt – und ihre Verkäuferinnen und Verkäufer dazu. «Es entwickeln sich jeweils spannende Gespräche», sagt sie. Und das Gemüse, das sie mit jenen Samen oder Setzlingen gewinnt, hat für sie eine besondere Bedeutung. Die Erinnerung ans Gemeinschaftserlebnis auf dem Markt schwinge jeweils mit.

Gelebtes Recht auf Nahrung

Claudia Fuhrer schätzt es, dass in der Schweiz Märkte mit lokalen Samen erlaubt sind. «In vielen Ländern des Südens ist das inzwischen wegen restriktiven Saatgutgesetzen verboten», sagt sie. Damit gehe die Basis für eine vielfältige, nachhaltige Landwirtschaft verloren. «Eigenes Saatgut tauschen und wiederverwenden zu dürfen, ist die Grundlage für ein gelebtes Recht auf Nahrung», sagt Claudia Fuhrer. Bei der Fastenaktion ist die Ethnologin zuständig für diese Themen.

«Das Kloster steht für etwas Ganzheitliches.»

Claudia Fuhrer

«Das Kloster steht für etwas Ganzheitliches, das ich in der Hektik des Alltags vermisse», sagt Claudia Fuhrer. Sie nimmt sich vor, demnächst einen Donnerstagabend hier zu verbringen. Denn dann gibt es jeweils einen offenen Treffpunkt. «Ich habe gehört, dass dabei interessante Gespräche entstehen auch mit Leuten, die man zuvor noch nicht kannte.» Und sie möchte später als Freiwillige mitwirken, wenn sie Zeit dafür hat.

Sie schätzt auch, dass auf dem Klostergrundstück Produkte selbst angebaut, verarbeitet und verkauft werden. «Hier kann man lokal und saisonal essen.» Das ist aus ihrer Sicht die nachhaltigste Form der Ernährung. Diesen Mittag wird Suppe geschöpft. Der mit Holz ausgekleidete Speisesaal ist voll. Rund 80 Gäste sind anwesend, die meisten eher ältere Semester.

Neue Rezepte fürs hiesige Gemüse

Claudia Fuhrer pflegt zuhause selbst einen grossen Garten. Für ihre dreiköpfige Familie – das Paar und der 17-jährige Sohn – komme daraus viel frisches Gemüse auf den Tisch, sagt sie. Mit dem eigenen Gemüse geht sie auch beim Kochen kreativ um. Immer wieder probiert sie neue Rezepte aus.

Die Familie isst wenig Fleisch – und wenn, dann von zwei Bauern aus der Umgebung. «Gerade wir in den Ländern des Nordens haben eine grosse Verantwortung», sagt Claudia Fuhrer. «Es ist wichtig, dass wir schnell umdenken.» Denn der übermässige Konsum und Energieverbrauch in unseren Ländern schade vor allem den armen Ländern des Südens. Dürren, Überschwemmungen und Hunger sind die Folge.

Gerechtigkeit: von der Ernährung zum Klima

Die Ernährungsgerechtigkeit ist laut Claudia Fuhrer das Grundanliegen des Hilfswerks Fastenaktion. Darauf bauen die verschiedenen Engagements auf, die auch in den Fastenkampagnen sichtbar werden. Dieses Jahr steht die Klimagerechtigkeit im Fokus. Die 58-Jährige bewegt ihre Finger kreisend auf dem Tisch, während sie das genauer erklärt.

Aufgewachsen ist sie im zweisprachigen Biel in einer protestantischen Familie. Sie hat sich konfirmieren lassen. Die Mutter war ein Kriegskind, aufgewachsen in Deutschland. Ein Onkel war Pastor der lutheranischen Kirche. «Ich bin christlich sozialisiert», sagt sie.

Afrika-Spezialistin mit Kisuaeli-Kenntnissen

Claudia Fuhrer hat Ethnologie an der Universität in Bern studiert und sich dabei auf afrikanische Länder spezialisiert. «Das hat sich organisch so entwickelt», erzählt sie. Mosambik war ein Schwerpunkt während ihres Studiums. Und Fuhrer hatte – dank einem Aufenthalt in Portugal – bereits Kontakte zu Menschen aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien. So lernte die damalige Studentin Kisuaeli, was ihr bei Forschungsreisen in ostafrikanische Länder zugutekam.

Sie wurde Forschungsassistentin am ethnologischen Institut in Bern. Doch das gab sie nach einem Jahr auf, um 1997 beim damaligen Fastenopfer einzusteigen – als Programmverantwortliche für Kenia, Kamerun und Burkina Faso. Später kam Südafrika dazu. Sie fügte ein Nachdiplomstudium in Entwicklungszusammenarbeit an der ETH Zürich an.

«In jedem Land musste ich neu lernen: Wie verhandelt man hier miteinander?»

Seit 25 Jahren arbeitet sie nun beim Hilfswerk, mit wechselnder Verantwortung. «Mir ist nie langweilig geworden», sagt sie. Nur schon die afrikanischen Länder kennen zu lernen, für die sie zuständig war, war eine Herausforderung. «In jedem Land musste ich neu lernen: Wie verhandelt man hier miteinander, wie bringt man Kritik an? Wie bringt man Frauen und Männer dazu, miteinander zu reden?»

Auf ihren Reisen hat die Ethnologin oft auch gestaunt. Über die Menschen, die vielleicht kaum eine Ausbildung, aber doch eine klare Vorstellung davon hatten, was sie erreichen wollten. Oder über das lokale Wissen, das es den Leuten ermöglicht, an den unmöglichsten Orten Landwirtschaft zu betreiben.

Der Trick mit der Petflasche

So hatten Bäuerinnen und Bauern an einem trockenen Ort ein Bewässerungssystem aufgebaut, bei dem Wasser aus Petflaschen tröpfelte. Anderswo steckten sie in die Petflaschen Drähte, die bei jedem Windstoss vibrierten und so die Maulwürfe und Mäuse vertrieben. «Das habe ich in meinem Garten ausprobiert, es funktioniert prima», sagt Claudia Fuhrer strahlend.

Und sie hat auch gemerkt: In afrikanischen Ländern übernimmt die Kirche eine weitaus aktivere Rolle als bei uns. Bei einem Konflikt in Kenia haben sich Ordensleute deeskalierend eingebracht: Sie verhandelten zwischen den verfeindeten Gruppen, gaben Flüchtlingen Unterkunft und Schutz und brachten die verfeindeten Menschen dazu, gemeinsam etwas zu unternehmen. «Das war beeindruckend», sagt Claudia Fuhrer. Und nicht ungefährlich: Einige Ordensleute seien dabei ermordet worden.

Familienfreundlichkeit, Fairness, Kollegialität

Claudia Fuhrer mag ihre Arbeit und ihr Arbeitsumfeld. Sie schätzt die Familienfreundlichkeit des Hilfswerks gegenüber den Angestellten. Und den Dialog auf gleicher Höhe, den das Hilfswerk mit seinen Partnern in den Ländern des Südens führe. Die Nicht-Diskriminierung sei in den Verträgen explizit festgehalten, sagt sie. Und: «Ich bin dankbar für die Kollegialität, die ich in unserem Team erlebe.»

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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