Kanzelgespräch und Musik von ICF: Wie im Prättigau eine neue Gottesdienstform entstanden ist

Wie können Gottesdienste attraktiver werden? Die Religionspädagogen Lars und Daniela Gschwend gehen im Prättigau einen neuen Weg. Dazu gehören Kanzelgespräche und Live-Musik von ICF. Statt Berührungsängsten gebe es einen fruchtbaren Austausch.

Daniel Eichkorn*

Lars und Daniela Gschwend leiten die katholische Pfarrei Hl. Josef/Hl. Bruder Klaus im bündnerischen Prättigau. Die liegt in einer überwiegend reformierten Region. Etwa zwei Drittel der Ehen sind ökumenisch. Auch sonst gibt es im Prättigau Herausforderungen wie anderswo auch: Kirchenaustritte, weniger Menschen gehen in den Gottesdienst, die Jungen kommen erst gar nicht mehr.

Das «Kanzelgspröch»

Die Reaktion von Lars und Daniela Gschwend auf die Herausforderungen: Sie suchen neue Gottesdienstformen, um auch Jugendliche und Kirchenferne anzusprechen. Das Format «Kanzelgspröch» haben sie vom Diakon Stefan Staub in Teufen AI übernommen.

Statt einer Messe gibt es einen Wortgottesdienst mit Kommunionfeier und ein Interview mit einem Gast. «Die Predigten macht meist die gleiche Person, die Interviewgäste sind dagegen sehr abwechslungsreich», sagt Lars Gschwend.

Vom Gefängnisdirektor bis zum TV-Moderator

Unter den Gästen waren etwa der Autor Stephan Sigg, der Moderator Röbi Koller, ein Karatelehrer, eine Strassenband, ein DJ, ein Gefängnisdirektor, ein Regisseur oder eine Flüchtlingshelferin. Nächstes Mal kommt Kurt Aeschbacher.

«Nicht Gläubige, sondern Menschen sind unsere Gäste.»

Lars Gschwend

Lars Gschwend wählt bewusst sehr unterschiedliche Gäste, die aus ihrem Leben erzählen: «Nicht Gläubige, sondern Menschen sind unsere Gäste. Die Gäste haben teilweise keinen direkten Bezug zur Kirche oder zum Glauben und bringen eine spannende Aussensicht hinein. Doch unser Glauben hat etwas mit unserem Leben zu tun. Und über das Leben findet man Zugang zum Glauben.»

Fürbitten für Menschen in der Ukraine

Samstag, 26. Februar, in der Kirche Seewis-Pardisla (GR). Natürlich ist der Ukraine-Krieg Thema. Der Wortgottesdienst beginnt mit einer Gedenkminute für die Menschen in der Ukraine. Darauf folgt unter Fürsprache des Heiligen Bruder Klaus ein Tagesgebet für Trost, Hoffnung und Versöhnung. Und für die Verwandlung von Hass in Liebe und Frieden. Die Fürbitten können auf Papier geschrieben oder online eingereicht werden.

Bereits seit zwei Tagen brennt für die Menschen in der Ukraine die Osterkerze. Es gibt auch ein spezielles Gebetsbuch.

In der Predigt zum Tagesevangelium bezieht sich Lars Gschwend auch auf die Coronakrise und den zunehmenden Streit zwischen Freunden und in der Familie. Statt einander Schuld zuzuschreiben, sei es wichtig, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Man müsse selbst aktiv in der Gesellschaft werden und Gutes tun. Zur anschliessenden Kommunion «sind alle eingeladen, die sich bereit fühlen, den Leib Christi zu empfangen».

Kinderarzt spricht über Leben und Tod

Einer, der sich unermüdlich für seine Mitmenschen einsetzt, ist der Kinderarzt Martin Meuli. Er ist die Bündner Persönlichkeit des Jahres 2021. Und er ist der Gast am «Kanzelgspröch», drei Tage nach Kriegsausbruch in der Ukraine.

Meulis Markenzeichen sind die auffällig bunten Schals. Seine Botschaft lautet: «Der Tod gehört zum Leben. Er ist eine Realität. Doch wir können unser Bestes machen, um den Leuten von Herzen zu helfen.»

Pionier fötaler Chirurgie

Die enge Grenze zwischen Leben und Tod kennt der in Chur aufgewachsene Meuli gut. Bis zu seiner Pensionierung war er chirurgischer Direktor des Kinderspitals Zürich und Professor für Kinderchirurgie. Er ist ein Pionier der fötalen Chirurgie bei offenem Rücken von Ungeborenen. Mit neuartigen Operationen an Ungeborenen hat er für weltweites Aufsehen gesorgt.

Meuli erzählt: Für die schwierigen Operationen brauche es «Vertrauen und Zutrauen». Man müsse Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben, damit man schwierige Dinge schaffe. Und er hatte auch ein grosses Vertrauen in sein chirurgisches Team.

Musik machen ICF-Leute

Die Kanzelgespräche sind gut besucht. An diesem Samstagabend sind gut 40 Menschen vor Ort – es waren auch schon mal 90 Menschen. Während Lars das Kanzelgespräch und den Wortgottesdienst leitet, ist Daniela stark im Hintergrund aktiv und macht zum Beispiel die Videoaufnahmen. Statt auf Orgelmusik setzen Lars und Daniela Gschwendauf Musikerinnen und Musikern der Freikirche ICF.

ICF ist bekannt für seine Gottesdienste mit poppiger Band und moderner Musik. «Die Zusammensetzung der Musiker und Musikerinnen fürs Kanzelgespräch ist jedes Mal unterschiedlich. Nebst Liedern der katholischen Kirchgemeinde spielen sie solche aus dem ICF-Repertoire, oft Lobpreislieder auf Schweizerdeutsch, Deutsch oder Englisch», sagt Daniela Gschwend.

Ökumene vor Ort

Berührungsängste, wie sie in Kirchenkreisen sonst gegenüber Freikirchen zu spüren sind, finden sich unter den Besucherinnen so gut wie keine. «Die Kirche ist offen für alle. Jesus hat niemanden ausgeschlossen», meint Daniela Gschwend. Die Besucherin Ursula stimmt ihr zu: «Wir warten nicht auf Rom, sondern leben unseren Glauben vor Ort ökumenisch. Jeder Mensch wird angenommen, auch Flüchtlinge.» Es brauche dazu nicht erst einen synodalen Prozess.

Der Gottesdienst endet mit einem gemütlichen Abendessen. Es gibt Paella mit Pouletspiessen und Geburtstagskuchen. Man unterhält sich über Gott und die Welt. Vielen Besucherinnen und Besuchern ist nicht bekannt, dass die Musik von ICF kommt. Andere diskutieren angeregt über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen katholischer Kirche und ICF.

Diskussion um die Lieder

Natürlich gibt es Herausforderungen, etwa die theologische Abgrenzung. Lars Gschwend gibt das Thema des Kanzelgesprächs vor, die Musikerinnen und Musiker wählen die Lieder dafür aus. Das Kriterium ist, «dass es zu unserer Theologie passt». Zu Beginn der Zusammenarbeit musste Gschwend einzelne Lieder zurückweisen, etwa zum Thema Versuchung, Sünde und den Kampf zwischen Gut und Böse.

«Mittlerweile haben wir uns bei der Liederauswahl gefunden», sagt Lars Gschwend. Beim lockeren Tischgespräch meint die Besucherin Rita dazu: «Ich habe eine Allergie gegen Sündenbetonung in Liedern. Aber ich finde den Gesang schön, innig und mit Freude gesungen.» Anderen Besucherinnen gefällt der Gesang ebenfalls gut. Einzig Trudy gefällt der musikalische Stil nicht. Paula gefällt der Gesang und sie ist der Meinung, dass «nicht allen alles gefallen kann» und muss.

Rahel ist beim ICF und sie singt oft an den Kanzelgesprächen. Sie findet die überkonfessionelle Zusammenarbeit inspirierend. Über ICF sagt sie: «Wir haben das gleiche Ziel, mit Gott unterwegs zu sein und seine Liebe und seinen Frieden auf der Erde zu verbreiten.»

Jesus-Lobpreis

Auf die typische Jesuslobpreisung in den ICF-Liedern angesprochen, sagt Rahel: «Jesus ist mein Zentrum im Leben. Ich drücke in den Liedern meine Überzeugung seiner Erlösung aus und habe damit einen persönlichen Zugang zu Gott.» Diese innig besungene Beziehung zu Jesus macht auch einigen Katholiken Eindruck.

Nach über drei Jahren Kanzelgespräche haben Lars und Daniela Gschwend erkannt: Neue Gottesformen sprechen die Firmlinge eher an. Es lohne sich, auch als Teil des synodalen Prozesses, neue Wege zu wagen und zu gehen.

Firmlinge werden einbezogen

Das Kanzelgespräch funktioniert für Lars Gschwend gut, «weil wir aktuelle Themen des Lebens aufgreifen und versuchen, die Besucher aktiv einzubeziehen.» Auch die jugendlichen Firmlinge, die bereits seit rund zwei Jahren auf dem Weg zur Firmung sind, würden aktiv ins Kanzelgespräch einbezogen.

Im Herbst war der Autor Stephan Sigg aus St. Gallen zu Gast. Mit seinen Alltagsgeschichten will er die Menschen zum Umdenken bringen. Er sagte: «Jeder ist ein Teil des Ganzen und der Veränderung. Es braucht wenig und jeder kann etwas bewirken und dazu beitragen.» Damit meint Sigg einen Beitrag zur Ökologie, aber auch zur Kirche, «dass sie zeitgemässer und den Menschen näher sein kann». Einen Beitrag dafür finde sich im Prättigau.

Das nächste Kanzelgespräch findet am 26. März mit Kurt Aeschbacher statt. Die Videos der vergangenen Kanzelgespräche und der Livestream für das kommende finden sich auf YouTube.

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/kanzelgespraech-und-musik-von-icf-wie-im-praettigau-eine-neue-gottesdienstform-entstanden-ist/