Stephan Klarer hat eine Dissertation über den Einsiedler Benediktiner Roman Bannwart (1919-2010) und die Einsiedler Choral-Tradition geschrieben. Pater Roman hat sich zeitlebens gegen «Birchermüesli-Gottesdienste» gewehrt. Über ein Ausnahme-Talent.
Eva Meienberg
Wer war Pater Roman Bannwart?
Stephan Klarer*: Pater Roman Bannwart war ein Benediktinermönch im Kloster Einsiedeln. Er war 60 Jahre lang Choralmagister und hat sich wie kein anderer für die Tradition des gregorianischen Chorals eingesetzt und für dessen Erhalt gekämpft.
Was hat ihn angetrieben?
Klarer: Er hatte Angst um die Gregorianik. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist Vieles aufgebrochen, was deren Tradition bedrohte. Das Latein kam in progressiven Kreisen unter Druck und mit ihm auch die Gregorianik. Pater Roman kämpfte für den Erhalt der gregorianischen Musik.
War Pater Roman konservativ?
Klarer: In liturgischen Fragen war er konservativ. Aber sonst war er ein offener Geist. Von sich selbst hat er behauptet, er wohne im Kloster Einsiedeln in der ehemaligen Zelle des Reformators Zwinglis. Er selbst sei ein kleiner Zwingli. In der Studentenmusik, die er leitete, hat er in der Big-Band mit Passion Bass gespielt. Aber den Jazz hätte er nie in die Kirche gebracht.
Wie haben sich die Gottesdienste in Einsiedeln verändert?
Klarer: Sie wurden zu «Birchermüesli-Gottesdiensten», wie sie Pater Roman Bannwart nannte. Unter Abt Martin Werlen gab es nicht mehr reine Choral-Ämter. Jetzt folgte etwa auf das Orgelspiel zum Einzug das Kyrie gregorianisch, dann wurde das Gloria aus einer vierstimmigen Messe gesungen, nach der Lesung ertönte ein Kirchenlied mit den Stimmen der Gemeinde.
Sie haben Pater Romans Biografie erforscht. Wie waren seine Kindheit und Jugend?
Klarer: Mit zwei Jahren kam Willy Bannwart mit seinen Eltern und seiner Schwester von Gossau nach Zürich. Die Eltern waren Textilarbeiter und fanden in Zürich Arbeit. Willy besuchte das Gymnasium in Einsiedeln und musste noch vor der Matura in die Rekrutenschule, weil in Europa der Zweite Weltkrieg tobte. Die Erfahrungen im Aktivdienst und die gute Zeit, die er in der Klosterschule erlebt hatte, bewogen ihn dazu, ins Kloster einzutreten.
Wie hat seine Musikerlaufbahn begonnen?
Klarer: Willi Bannwart hat in der Kirche Herz-Jesu in Wiedikon singen gelernt. Er hatte eine sehr schöne Stimme. Später in der Stiftsschule hat er Oboe gelernt und Geige. Er hatte eine breite musikalische Begabung und wurde mit 27 Jahren Choralmagister. Ein eigentliches Musikstudium hat Pater Roman Bannwart aber nie gemacht. Sein Wissen hat er sich über weite Strecken selbst oder im Unterricht bei ausgesuchten Lehrern angeeignet.
Und wie wurde er zum Gregorianik-Papst der Schweiz?
Klarer: Es gab kein Buch zur Gregorianik, das er nicht gelesen hatte. Und was er nicht wusste, hat er sich erklären lassen. Pater Roman Bannwart hat sich auch klassisch musikalisch ausgebildet. Er hat über den Tellerrand der Kirchenmusik und speziell der Gregorianik hinausgeschaut.
Was hat er gesehen?
Klarer: Einen weiten musikalischen und musikwissenschaftlichen Horizont. Die meisten Choralmagister sind vor allem Mönche. Für sie ist die Gregorianik zuerst ein Gebet. Die Musik ist für sie eine schöne Hülle für ihr Gebet.
Und Pater Roman Bannwart sah das anders?
Klarer: Er sah die Gregorianik in erster Linie als Musik, aber selbstverständlich mit einem Bibel- und Gebetshintergrund.
Was macht eigentlich ein Choralmagister?
Klarer: Er leitet den gregorianischen Gesang an, der im Stundengebet gesungen wird. Früher waren das sieben Gebete mit gregorianischem Choral. Heute singen die Mönche in Einsiedeln vor allem noch die Vesper und die Laudes am Sonntag lateinisch. Der Choralmagister ist auch der Leiter der Choral-Schola, die während der Messen Gregorianik singt.
Pater Roman hat sich auch wissenschaftlich für die Gregorianik interessiert, was wollte er herausfinden?
Klarer: Ihn interessierte die Forschung zu den alten Schriftzeichen, der Neumen, im Einsiedler Codex 121. Diese Forschung nennt man Semiologie. Gregorianischer Choral wurde bis ins 14. Jahrhundert nicht mit Noten auf Linien, sondern nur mit etwas an Stenografie anmutenden Neumen notiert. Aus ihnen können Angaben zum Wechsel der Tonhöhe, zum Rhythmus und zur Länge der Silben herausgelesen werden.
Was ist der Codex 121?
Klarer: Das ist eine sehr alte und wertvolle Handschrift, etwa aus dem Jahr 960. Ausser der ersten Seite ist der Codex vollständig erhalten. Sämtliche Gesänge des Kirchenjahres in Einsiedeln sind darin enthalten. Der Codex 121 zählt zu den ältesten und für die Forschung wichtigsten Codices auf der Welt. Pater Roman Bannwart hatte also für seine Gregorianik eine der ältesten Quellen in seiner Hausbibliothek.
Wer hat sich mit den Neumen ausgekannt?
Klarer: Die Mönche des Klosters Solesmes in Frankreich konnten sich mit ihrer Interpretation der Neumen im 19. Jahrhundert durchsetzen. Der Benediktinermönch Eugène Cardine aus dem Kloster Solesmes wurde 1952 an die Päpstliche Musikhochschule in Rom berufen. Er hatte jedoch eine Lehrmeinung, die sich von der seines Heimatklosters unterschied. Er propagierte eine neue Methode, eben diese Semiologie. Pater Roman Bannwart besuchte Eugène Cardine in Rom, weil er dessen Bücher gelesen hatte. Über die zwei Wochen in Rom gibt es kaum Aufzeichnungen. Fest steht aber: Pater Roman hat, kaum war er zurück im Kloster Einsiedeln, Cardines Methode übernommen, die Neumen zu interpretieren.
Wie machte er das?
Klarer: Zuerst sicherte er sich die Zustimmung seiner Mitbrüder und liess die Mönche abstimmen. Die Mehrheit wollte die neue Methode lernen. Dann hat Pater Roman Bannwart die mehreren hundert gregorianischen Gesänge, die während des Kirchenjahres gesungen werden, nach der neuen Interpretation der Neumen aufgeschrieben. Jeden Gesang auf ein separates Blatt. Jedem Mönch hat er die Stellen angestrichen, die für ihn schwierig waren.
Was wissen Sie über seine Lehrtätigkeit?
Klarer: Pater Roman Bannwart war Dozent an der Musikhochschule in Luzern, an den Universitäten Zürich und Bern. Er hat vor allem Neumenkunde und Gregorianik-Praxis unterrichtet. Er war ein begabter Pädagoge, konnte die schwierigsten Inhalte verständlich erklären. Noch mit 80 Jahren hat er seine ganzen Unterrichtsmaterialien noch einmal grundlegend überarbeitet.
Was ist Pater Romans Verdienst?
Klarer: Er hat den gregorianischen Choral in Einsiedeln auf ein hohes musikalisches Niveau gehoben. Und er hat wissenschaftliche Erkenntnisse über die Neumen in die Singtradition von Einsiedeln einfliessen lassen. Damit hat er in Einsiedeln einen eigenen Stil geprägt basierend auf den Neumen, die so alt sind wie das Kloster selbst.
Wie ging es weiter nach dem Tod von Pater Roman Bannwart im Jahr 2010?
Klarer: Pater Roman Bannwart hat den heutigen Abt Urban Federer den Leuten immer als seinen Nachfolger vorgestellt. Als Pater Roman 2007 sein Amt niedergelegt hat, wurde Pater Urban Federer, nach einer Übergangszeit, 2009 neuer Choralmagister – und schon vier Jahre später zum Abt gewählt. Heute ist Pater Daniel Emmenegger Choralmagister in Einsiedeln.
* Stephan Klarer ist Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule der Künste. Er unterrichtet Chorleitung und kirchenmusikalische Fächer. 2020 wurde er mit seiner Dissertation «Pater Roman Bannwart und die Einsiedler Choralpraxis» an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz promoviert. Die Dissertation erscheint dieses Jahr im Verlag Peter Lang.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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