Jan Probst: «Wir wollen das Thema Religionsfreiheit in den Kantonen und im Bund stärker thematisieren»

Die Organisation «Kirche in Not» sensibilisiert die Öffentlichkeit für die Christenverfolgung weltweit. Vor allem die Lage in Nigeria beschäftige ihn sehr, sagt Jan Probst, Geschäftsführer von «Kirche in Not Schweiz Liechtenstein». Da gebe es gezielte Angriffe gegen Christen und Gläubige anderer Religionen.

Raphael Rauch

Wenn nicht gerade Corona ist, dann veröffentlicht «Kirche in Not» alle zwei Jahre einen Bericht zur Religionsfreiheit. Wer macht diesen Bericht?

Jan Probst: Der Bericht wird von «Kirche in Not International» herausgegeben. Das ist unsere Zentrale in Königstein in Deutschland. An dem Bericht schreiben 22 Autorinnen und Autoren aus 15 verschiedenen Ländern mit. Grundlage für den Bericht sind vor allem die Analysen, die wir von unseren Partnern vor Ort erhalten. Wir haben Projekte in über 150 Ländern. Ziel des Berichts ist es, Verstösse gegen die Religionsfreiheit zu dokumentieren.

Wirkt «Kirche in Not Schweiz» auch an dem Bericht mit?

Probst: Letztes Jahr war unser Vorstandsmitglied Jacques Berset in Syrien. Meine letzte Reise vor der Pandemie ging in den Niger – das ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wenn wir auf Projektreisen gehen, interviewen wir die Menschen vor Ort, schreiben Analysen und geben unsere Einschätzungen weiter. Diese Informationen können dann über die Zentrale in Königstein in den Bericht miteinfliessen.

«Wir dürfen nicht alles veröffentlichen, was wir wissen.»

Welche Schwierigkeiten gibt es, an verlässliche Daten zu kommen?

Probst: Der Austausch in einer globalisierten Welt macht die Kommunikation einfacher. Wir sind digital vernetzt und können uns schneller austauschen. Gleichzeitig müssen wir unsere Quellen schützen. Wir dürfen auch nicht alles veröffentlichen, was wir wissen, denn unsere Berichte dürfen niemanden gefährden.

Was passiert mit dem Bericht in der Schweiz?

Probst: Wir haben einen grossen E-Mail-Verteiler. Wir informieren Wohltäter, Religionslehrer, Historiker und Journalisten. Wir haben in der Vergangenheit auch immer wieder Politikerinnen und Politiker eingeladen, um den Bericht zu diskutieren.

«Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht.»

Betreiben Sie auch gezielte «advocacy»-Arbeit, wie man auf Neudeutsch sagt? Machen also Lobby-Arbeit ausserhalb des kirchlichen Bereichs, etwa im Bundeshaus?

Probst: In diesem Bereich wollen wir stärker werden. Wir haben in Königstein einen Kollegen, der viel auf EU-Ebene in Brüssel aktiv ist. «Advocacy» ist aber ein klarer Auftrag für jede Sektion von «Kirche in Not», auch für uns in der Schweiz. Wir wollen das Thema religiöse Verfolgung in den Kantonen und im Bund stärker thematisieren – und zwar über alle Partei- und Religionsgrenzen hinweg. Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht, das alle Menschen angeht und von allen Menschen verteidigt werden sollte.

«In Nigeria gibt es gezielte Angriffe gegen Christen.»

Welches Land macht Ihnen aktuell am meisten Sorgen?

Probst: Mich beschäftigt die Lage in Nigeria stark. Ich bin hier mit vielen Priestern und Laien verbunden. Es gibt gezielte Angriffe gegen Christen, aber auch gegen andere Religionsgemeinschaften. Dörfer werden angegriffen, Menschen werden verjagt, Mädchen entführt. Früher wurden keine Fronleichnamsprozessionen angegriffen. Solche Vorfälle nehmen leider zu.

Jan Probst (58) ist seit 1994 Geschäftsführer von «Kirche in Not Schweiz Liechtenstein» in Luzern.

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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