Die katholische Kirche der Stadt St. Gallen will die Offene Kirche ab Ende Jahr nicht mehr mitfinanzieren. Dies zugunsten anderer Projekte mit ähnlicher Stossrichtung, sagt Kirchgemeindepräsident Armin Bossart. Man sei überrumpelt worden, heisst es vom Verein «WirkRaumKirche».
Ueli Abt
Die Offene Kirche St. Gallen ist in der auffällig bemalten Kirche am Platztor beheimatet. Hier fanden während Jahren niederschwellige Anlässe und Projekte statt unter dem Motto «Weltoffenheit und Dialog». Voraussichtlich 2024 wird die Kirche an der Böcklinstrasse 2 abgerissen.
Der Verein «WirkRaumKirche» will die Kirche bis zum Abriss weiter nutzen. Er betreibt die Offene Kirche. Seine Hauptträger sind die katholische Kirchgemeinde, die drei städtischen evangelisch-reformierten Kirchgemeinden sowie die christkatholische Kirche.
Doch nun «drehen Katholiken den Geldhahn zu», wie das «St.Galler Tagblatt» schreibt. Die katholische Kirche will die finanziellen Zuschüsse per Ende 2022 stoppen.
«Wir wollen das Geld künftig umlenken in andere, ebenfalls ökumenische Projekte mit ähnlicher Stossrichtung», sagt Armin Bossart, Präsident der katholischen Kirchgemeinde der Stadt St.Gallen gegenüber kath.ch.
«Es gab viele Gespräche zum Entwicklungspotential des Vereins ‘WirkRaumKirche’ mit den anderen Trägern. Wir kamen zum Schluss, dass wir die Prioritäten etwas verschieben wollen, weg vom eher Statischen zur mehr projektbezogenen Arbeit», sagt Bossart.
Er erwähnt, dass die katholische Kirche inzwischen die Cityseelsorge ins Leben gerufen hat. Deren niederschwellige Projekte «Wiborada2021» und «StadtWald» seien sehr erfolgreich gewesen.
Bossart geht davon aus, dass der Verein «WirkRaumKirche» die Offene Kirche auch so noch bis zum Abbruch weiter betreiben kann. «Durch das Geld, welches wir in früheren Jahren eingeschossen haben, verfügt der Verein über ein stattliches Vermögen.»
«Veränderungen führen bei direkt Betroffenen nicht selten zu Enttäuschungen.»
Armin Bosshart, Präsident Kirchenpflege
Gemäss Bossart könnte auch ein weiteres Projekt des «WirkRaums» weiterlaufen. «Das Stattkloster ist ein faszinierendes Projekt, das allerdings noch nicht ganz zum Fliegen gekommen ist. Ein Projektteam ist im Moment daran, Entwicklungsmöglichkeiten auszuarbeiten.»
Ursprünglich hatte der Verein «WirkRaumKirche» gehofft, in der nahen evangelischen St.Mangen-Kirche unterzukommen. Um diese für die Zwecke der Offenen Kirche umzubauen, wäre gemäss einer Machbarkeitsstudie eine Investition von 2,2 Millionen Franken nötig gewesen. Dies unter anderem, weil man die Kirchenbänke entfernbar hätte machen müssen. Im Zusammenhang mit dem Bankheizsystem hätte das eine umfassende haustechnische Veränderung erfordert.
«Veränderungen führen bei direkt Betroffenen nicht selten zu Enttäuschungen», sagt Bossart abschliessend. Dass die ökumenische Zusammenarbeit in anderer Form weitergeführt werden soll, darüber bestehe ein Konsens.
Christian Kind ist Präsident der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St. Gallen Centrum. Diese ist eine der fünf Kirchgemeinden der Stadt St. Gallen, die sich als finanzielle Hauptträger am «WirkRaum» beteiligen. Das ursprüngliche Konzept von «WirkRaumKirche» habe sich überlebt, sagt Kind. Darüber seien sich viele einig. Klar ist für ihn, dass die Offene Kirche noch bis zu ihrem Abriss weiter betrieben werden sollte. «Es wäre speziell, wenn sich die katholische Kirche schon vorher nicht mehr beteiligt», sagt Kind.
Nach seiner Einschätzung hat die ökumenische Zusammenarbeit zwischen «WirkRaum» und der von katholischer Seite betriebenen Cityseelsorge nicht optimal funktioniert. Dies aus strukturellen, aber auch menschlichen Gründen. Mittlerweile seien stimmigere ökumenische Projekte mit direkter Beteilung von katholischer und reformierter Seite entstanden, etwa die Corona-Bibel.
Daniel Konrad ist Präsident des Vereins «WirkRaumKirche». «Der Ausstieg der römisch-katholischen Kirchgemeinde hat den Vorstand betroffen gemacht, ja bis zu einem gewissen Grad überrumpelt», erklärt er auf Anfrage.
«Letztlich lässt der Ausstieg eine Vision scheitern.»
Daniel Konrad, Präsident «WirkRaum»
Er erzählt von mehrfachen Versuchen, den «WirkRaum» und das Projekt «Stattkloster» in kritisierten Punkten zu revidieren. Diese hätten aber nichts gefruchtet. Die Mittel auf andere Arbeitsfelder umzulenken, sei seitens katholische Kirche denn auch bereits beschlossene Sache gewesen.
Die Cityseelsorge und «WirkRaumKirche» haben laut Konrad teilweise unterschiedliche Zielgruppen. Ihr Selbstverständnis und ihre Ausrichtung seien unterschiedlich. Wohl deshalb hätten sie nicht harmoniert, meint Konrad. «Letztlich lässt der Ausstieg eine Vision scheitern. Was mich stört, ist nicht die Notwendigkeit von Veränderungen, sondern dass man nicht vorher über diese sprechen konnte, bevor es vollendete Tatsachen gab.»
Es gehe auch um mehrere angestellte Personen, die um ihre Jobs bangen müssen.
Wie die Koordinatorin für die Offene Kirche beim «WirkRaum», Annina Policante gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» sagte, wird mit der Offenen Kirche eine Art «spiritueller Nährboden» verloren gehen – ein Ort also, der eher kirchenferne Menschen anspricht. Auch für sie brauche es «frische, unkonventionelle Angebote.» Sie würden ansonsten der Kirche gänzlich den Rücken kehren.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant