Auch in der Schweiz hat die deutsche SPD Mitglieder – etwa den Freiburger Historiker Siegfried Weichlein. Der Katholik ist froh, dass SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz einen umstrittenen Spot zurückzieht: «Das ist alles fürchterlich peinlich», sagt Weichlein über eine Kampagne gegen den Katholiken Nathanael Liminski (35).
Raphael Rauch
«Wer Armin Laschet und die CDU wählt, wählt (…) erzkatholische Laschet-Vertraute, für die Sex vor der Ehe ein Tabu ist.» Diese Worte spricht eine Männerstimme in einem SPD-Wahlspot:
In dem SPD-Video werden nacheinander russische Matroschka-Puppen mit CDU-Politiker-Gesichtern geöffnet. Darunter ist auch Nathanael Liminski (35) zu sehen, dem wohl wichtigsten Berater von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet.
Das Video sorgt für eine Kontroverse – und zwar aus mehreren Gründen. Erstens, weil es sich um «Negative Campaigning» handelt. Die SPD sagt nicht, wofür sie steht – und macht stattdessen Stimmung gegen die CDU.
Zweitens, weil die SPD Laschets Vertrauten Nathanael Liminski mit Blick auf dessen Religion zu diskreditieren versucht (»erzkatholisch»).
Und drittens, weil die SPD die Unwahrheit behauptet. Zwar stimmt es, dass Liminski in jungen Jahren die Ideale der «Generation Benedikt» vertrat und in Talkshows breitbeinig für «Keinen Sex vor der Ehe» warb. Doch auch Liminski wurde älter und merkte, dass die katholische Sexualmoral mehr Wunsch als Wirklichkeit ist. Sein erstes Kind zeugte er jedenfalls vor der Hochzeit.
Warum benutzt die SPD eine alte Geschichte aus den Nullerjahren für den Wahlkampf im Jahr 2021? Beim Freiburger Historiker Siegfried Weichlein ist gerade Fremdschämen angesagt. Der Katholik ist SPD-Mitglied und war auch Mitglied der Historischen Kommission der SPD.
«Das ist alles fürchterlich peinlich», sagt Weichlein über den SPD-Spot. «Natürlich teile ich die Ansichten von Liminski nicht. Aber die Methode, irgendeine Zeile in der Vergangenheit zu finden und sie gegen jemanden zu verwenden, ist wirklich nicht hilfreich.»
Weichlein kritisiert den Spot auch deshalb, weil er unpolitisch sei. Genau das werde aber von Parteien im Wahlkampf erwartet: «Politischer sollten die Politiker sein.»
Der Genosse ist seit 2006 Professor für Europäische und Schweizerische Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Weichlein ist auch Alumnus des Cusanuswerks – und damit ein Kollege von Nathanael Liminski, der ebenfalls von der Begabtenförderung der deutschen Bischöfe gefördert wurde.
«Ich halte das Ganze eher für einen Versuch, endlich ein Thema im Wahlkampf zu finden. Das ist bestimmt keines. Es gäbe so viele: Pandemie, Flut, Europa ohne Briten, aber mit Orban oder dem Atomausstieg», findet Siegfried Weichlein.
Entsprechend froh ist der Freiburger Historiker, dass die SPD am Dienstag die Notbremse gezogen hat. Nach Angaben von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz zieht die Partei ihr umstrittenes Wahlkampfvideo aus dem Verkehr. «Der Kampagnenleiter hat mir berichtet, dass der Spot nicht genutzt wird», sagte Scholz in einem Interview der «Neuen Osnabrücker Zeitung».
Zugleich trat Scholz Vorwürfen entgegen, mit dem Spot würden religiöse Bekenntnisse für den Wahlkampf missbraucht. Die Lesart stimme nicht: «Die SPD tritt immer für eine offene und tolerante Gesellschaft ein», sagte der Spitzenkandidat. Auf die Frage, warum seine Partei vor einem Christen wegen seines Glaubens warne, sagte Scholz: «Das tut niemand. Unser Land und auch ich sind vom christlichen Glauben geprägt.»
Parteiübergreifend gab es Kritik an dem Werbespot. Die Rede war von einem Tabubruch, weil bisher die religiöse Überzeugung von Parteigegnern im Wahlkampf bei Regierungsparteien nicht thematisiert worden war.
«Es ist völlig inakzeptabel, den Glauben von jemandem auf diese Weise abzuwerten», kritisierte der grüne Religionspolitiker Volker Beck:
Auch die Deutsche Bischofskonferenz warb für einen fairen Wahlkampf. «Den Umgang in dem Wahlwerbespot mit der Äusserung einer religiösen Überzeugung halten wir für unangemessen», sagte Sprecher Matthias Kopp.
Nathanael Liminski stammt aus einer Opus-Dei-Familie mit zehn Kindern. Kürzlich starb sein Vater Jürgen Liminski. Dieser hatte erst im März ein Pastoralpapier aus Basel und St. Gallen kritisiert: «Das Papier der zwei Bistümer riecht nach einem Totenschein.»
Wie stark hat der Vater seinen Sohn geprägt? «Ob meine Haltung Einfluss auf die Politik oder allgemein das Denken der Kinder hat, vermag ich nicht zu beurteilen», sagte Jürgen Liminski im April zu kath.ch.
Früher schimpfte Nathanael Liminski etwa über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Deren Schriften seien »nicht mehr aufklärerisch, sondern eher pornografisch«. Inzwischen ist Liminski zahmer geworden. Im April sagte er der «Zeit», er habe den »Wert des gesellschaftlichen Konsenses – gerade zu schwierigen politischen Fragen« schätzen gelernt.
«Was auch immer das heissen mag», urteilte der «Spiegel» im Juni, und erinnerte auch an alte Liminski-Äusserungen über Schwule und Lesben aus dem Jahr 2007: »Ich kenne viele Homosexuelle, und einige tun mir leid. Der Staat muss schon aus reiner Selbsterhaltung die natürliche Form der Ehe und Familie fördern.«
Heute findet Liminski, es sei wichtig, dass Menschen in einer Partnerschaft füreinander Verantwortung übernähmen – unabhängig vom Geschlecht.
Sollte Armin Laschet Kanzler werden, dürfte Nathanael Liminski Kanzleramtsminister werden. Nach 16 Jahren mit der protestantischen Pfarrerstochter Angela Merkel wären dann zwei Katholiken im Kanzleramt: ein liberaler, der für den rheinischen Katholizismus steht, und ein konservativer.
Das Kanzleramt wäre damit ein bisschen wie der Vatikan: Liminski als Generation Benedikt – und sein Chef Laschet als Generation Franziskus. (mit Material von kna)
Der Freiburger Professor Siegfried Weichlein (SPD) war am Dienstagabend im «Echo der Zeit» zum Zustand der SPD zu hören.
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