Am Gottesdienst zur Bischofsweihe hatte Tatjana Disteli (50) eine tragende Rolle. Manche dachten, Bischof Joseph Bonnemain würde sie in den Bischofsrat berufen. Nun wechselt die Theologin als Generalsekretärin zur Landeskirche Aargau.
Raphael Rauch
«Gott geht mit dir. Geh du auch mit ihm. Und wir, wir pilgern mit – mit dir, Schritt für Schritt.» Diese Segenswünsche sprach die Theologin Tatjana Disteli am Ende der Messe zur Bischofsweihe von Joseph Bonnemain am 19. März in der Kathedrale von Chur. Sie sprach als eine Art Kronprinzessin – im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums Chur.
105 Tage später steht fest: Tatjana Disteli, Bischof Joseph Bonnemain und Generalvikar Luis Varandas gehen nicht mehr Schritt für Schritt gemeinsam, sondern getrennte Wege.
Nach Informationen von kath.ch hat die katholische Landeskirche im Kanton Aargau Tatjana Disteli zum 1. November zur Generalsekretärin gewählt. Sie wird dort Nachfolgerin von Marcel Notter.
Tatjana Disteli war insgesamt 17 Jahre im Kanton Zürich in der Seelsorge tätig. Ihre Laufbahn begann in der Spitalseelsorge. Das passte gut zu ihrem beruflichen Werdegang. Sie arbeitete einst als medizinische Laborantin und studierte später Theologie in Luzern, Freiburg im Breisgau und Basel.
Später leitete sie die Dienststelle Spital- und Klinikseelsorge, baute sie als Fachstelle weiter aus und war damit auch Vorgesetzte des Spitalseelsorgers Joseph Bonnemain. 2019 wechselte sie ins Generalvikariat auf eine neu konzipierte Leitungsstelle Spezialseelsorge. Sie umfasst acht Seelsorgebereiche wie die Spital-, Gefängnis- und Behindertenseelsorge.
«Im Frühling bin ich 50 Jahre alt geworden. Ich schaue auf 17 sehr intensive und prägende Jahre als Theologin in der Katholischen Kirche im Kanton Zürich zurück. Ich war stets offen für neue Herausforderungen innerhalb der Kirche», sagt Tatjana Disteli zu ihrem Weggang.
«Die katholische Kirche soll als Einheit funktionieren und nach aussen hin wirken – mein Kirchenbild ist kein Dualistisches, war es noch nie. Nun freue ich mich, in der katholischen Landeskirche Aargau strategisch und operativ meinen Beitrag zur Weiterentwicklung der katholischen Kirche leisten zu können. Der neuen Aufgabe gehe ich mit Freude und mit dem nötigen Respekt entgegen.»
Die Landeskirche Aargau ist als Arbeitgeberin naheliegend – im wahrsten Sinne des Wortes: Tatjana Disteli lebt in Olten, war in früheren Jahren Kirchenrätin und Vizepräsidentin des Pfarreirates und ist Mitglied der CVP Olten.
Wie kath.ch aus mehreren Quellen weiss, gibt Tatjanas Distelis Abgang in Zürich zu reden. Ihre Beförderung vor zwei Jahren war ein Versuch des damaligen Generalvikars Josef Annen, auch Frauen im Generalvikariat in Leitungspositionen zu hieven.
Manche dachten, Bischof Joseph Bonnemain würde sie in den Bischofsrat berufen. Doch statt liberale Frauen wie Tatjana Disteli zu ernennen, beliess Joseph Bonnemain lieber den umstrittenen «Servi della Sofferenza»-Priester Andreas Fuchs im Leitungsgremium.
Ihr Verhältnis zum neuen Generalvikar Luis Varandas galt als ausgesprochen gut. Doch wie viele andere Frauen dürfte wohl auch Tatjana Disteli sehr erstaunt gewesen sein, als sie das Statement des neuen Generalvikars im Pfarrblatt «Forum» las. Dort behauptete Luis Varandas, sich «noch nicht mit der Frage auseinandergesetzt» zu haben, «ob Frauen zu Priesterinnen geweiht werden sollen».
Vor einigen Jahren hatte die katholische Kirche im Kanton Zürich Tatjana Disteli den Studiengang «Management von Nonprofit-Organisationen» an der Universität Freiburg finanziert, wofür sie sich bis November 2021 verpflichtet hatte. Den Studiengang hatte Hans Lichtsteiner geleitet, von dem sich auch Bischof Joseph Bonnemain beraten lässt.
«Ich habe Hans Lichtsteiner für einige sehr schwierige Prozesse zugezogen – immer mit optimalem Ausgang», sagte Tatjana Disteli im Mai zu kath.ch. Ihr Dozent sei ein wunderbarer «Sparring-Partner», sowohl fachlich wie persönlich. Womöglich hat sie bei ihm auch gelernt, dass qualifizierte Frauen Konsequenzen ziehen müssen, wenn sie nicht genügend Wertschätzung erfahren.
In der Landeskirche Aargau erwartet Tatjana Disteli ein vielfältiges Dossier. Der ungelöste Wasserschloss-Konflikt und die bislang unglückliche Kommunikation von Bistum und Landeskirche dürften ihre erste Bewährungsprobe werden.
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