Wie Jesus beim Abendmahl Freundschaft leben: In Küsnacht weht der Geist von Sant'Egidio

«Aus dem Geist von Sant’Egidio leben, heisst: Freundschaft mit Gott, Freundschaft mit den anderen, Freundschaft mit den Armen», sagt Pfarrer Karl Wolf. In Küsnacht ZH engagiert sich die Gemeinschaft Sant’Egidio für Arme und Flüchtlinge. Am Mittwoch haben sie Osternestchen vorbereitet.

Barbara Ludwig

In wenigen Tagen ist Ostern. Gabi Matthaei (66) hat im Kirchenzentrum der Pfarrei St. Georg alles auf Tischen ausgebreitet, was es für die Herstellung der Osternestchen braucht: Eierschachteln als Schale, grüne Servietten, Dekogras, Schoggihäsli, Hühnereier, Schoggi- und Zuckereili und Blumen aus farbigem Papier.

Es ist kurz nach 14 Uhr. Hektik herrscht im Raum. Die Frauen, die schon da sind, wollen gleich loslegen. Matthaei zeigt ihnen, wie die Nestchen gefüllt werden sollen. «Das ist der Prototyp», sagt sie, während weitere Frauen ankommen.

Mit Flüchtlingen in Kontakt bleiben

Schliesslich sind neun, meist ältere Frauen da, die mithelfen bei der Oster-Aktion für Migranten. Sie gehören alle zum Team des Café International. Dieses ist im Kirchenzentrum zuhause. Die Pfarrei St. Georg in Küsnacht hat den Treffpunkt für Flüchtlinge 2014 gegründet. Nebst Kaffee und Kuchen gibt es dort auch Deutschunterricht.

Wegen Corona ist das Café zurzeit geschlossen, nicht zum ersten Mal. «Als im vergangenen Jahr der Lockdown verhängt wurde, war klar: Wir wollen mit den Gästen des Café International im Kontakt bleiben», sagt Gabi Matthaei, Koordinatorin des Teams. Eine erste Aktion zu Ostern habe deshalb bereits 2020 stattgefunden, und in der Adventszeit habe man den Gästen einen Samichlaus-Sack geschenkt.

«Ich war schon immer bereit, etwas für die Schwächsten in der Gesellschaft zu tun.»

Charlotte Schaedler (89)

Etwa 45 Beschenkte gibt es dieses Mal. An einem der Tische werden die Nestchen gefüllt, an einem anderen Tisch kleben zwei Frauen Adress-Etiketten auf die Grusskarten. Charlotte Schaedler (89) dürfte die älteste in der Runde sein.

Sie war die erste Koordinatorin des Café International. «Ich war schon immer bereit, etwas für die Schwächsten in der Gesellschaft zu tun», begründet sie ihr Engagement. Natürlich könne man auch alleine Gutes bewirken. Aber um viele Menschen erreichen zu können, müsse man eine Gruppe hinter sich haben – zum Beispiel das Team des Café International.

Vom Schicksal privilegiert

Giuliana Ban (54) umhüllt die fertigen Nestchen mit einer durchsichtigen Folie. Sie findet, sie sei vom Schicksal privilegiert und wolle durch ihr Engagement fürs Café International der Gesellschaft etwas zurückgeben: «Ich habe eine ethische Verantwortung, für Menschen da zu sein, denen es nicht so gut geht.» Ban ist vor einigen Jahren von Küsnacht weg in ein Dorf in der Nähe gezogen, engagiert sich aber immer noch hier. «In der Gemeinde Küsnacht spürt man den Geist von Sant’Egidio», sagt sie.

Küsnacht ist das Zentrum der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio in der Deutschschweiz, das auch nach Zürich ausstrahlt. Dort hat im vergangenen Jahr Schwester Ariane Stocklin und der von ihr gegründete Verein «Incontro» mit der Abgabe von Lebensmittelpaketen an Bedürftige für positive Schlagzeilen gesorgt.

In Lausanne gibt es Sant’Egidio schon etwas länger, seit über 30 Jahren. Die Gemeinschaft wurde 1968 in Rom gegründet. Unterdessen existiert sie in über 70 Ländern. Sant’Egidio setzt sich für Obdachlose, für alleinstehende alte Menschen und für Flüchtlinge ein. Sie versucht zudem, in Kriegs- und Konfliktgebieten zu vermitteln.

«Aus dem Geist von Sant’Egidio leben heisst: Den Geist der Freundschaft leben.»

Karl Wolf, Pfarrer in Küsnacht

Rund 50 Personen in der Schweiz lebten «aus dem Geist von Sant’Egidio», sagt Claudia Antonini, Mitglied im Vorstand des Vereins Sant’Egidio Schweiz, am Telefon. Was das bedeutet, erklärt der katholische Pfarrer von Küsnacht, Karl Wolf. «Aus dem Geist von Sant’Egidio leben, heisst: Den Geist der Freundschaft leben. Freundschaft mit Gott, Freundschaft mit den anderen, Freundschaft mit den Armen.»

Karl Wolf stammt aus Deutschland, ist seit 20 Jahren Pfarrer in Küsnacht. «Als ich hier ankam, habe ich die Leute mit Sant’Egidio bekannt gemacht», sagt er am Telefon. Im Kirchenzentrum erzählt Gabi Matthaei, der Pfarrer habe die Mitglieder der Pfarrei stark motiviert, sich für Flüchtlinge und Arme einzusetzen. Zurzeit umfasse das Team des Café International 20 Personen.

«Meine Oma in der Schweiz»

Laut der Koordinatorin entstehen aus dem Engagement im Café Freundschaften zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Freundschaften entstehen aber auch zwischen den Menschen, die gemeinsam für andere tätig werden. Das sagt etwa Charlotte Schaedler.

Offenbar werden dabei locker auch Gräben zwischen den Generationen übersprungen. Julia Mirsberger (32) nennt die 89-jährige Charlotte «meine Oma in der Schweiz». Fürs Foto posieren die beiden innig aneinandergeschmiegt.

Die junge Frau, gross, schlank, auf Stöckelschuhen, ist erst später zur Gruppe gestossen, als die Osternestchen fast fertig sind. Sie kommt direkt von der Arbeit. Soziales Engagement sei ihr sehr wichtig, sagt die Sales Managerin einer Sprachschule. Früher habe sie bei einer Tafel in Deutschland geholfen. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz habe sie gemerkt, dass ihr etwas fehle: «Ich brauche das soziale Engagement als Ausgleich zu meinem Job, wo sich alles um Umsatz und Zahlen dreht.»

«Ich brauche das soziale Engagement als Ausgleich zu meinem Job.»

Julia Mirsberger (32)

Gegen vier Uhr werden die Osternestchen unter den Frauen verteilt. Sie werden sie den Flüchtlingen persönlich vorbeibringen. Auch Julia Mirsberger hat sich einige Nestchen geschnappt. Doch bevor sie aufbricht, nimmt sie nochmals Platz an einem der Tische im Foyer. Einige Damen wollen noch zusammen Kaffee trinken und sich austauschen – Freundschaft pflegen im Geiste von Sant’Egidio.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/wie-jesus-beim-abendmahl-freundschaft-leben-in-kuesnacht-weht-der-geist-von-santegidio/