Die Abrechnung – wie schlimm ist denn nun die hohe Sterblichkeit 2020?

Letztes Jahr zählte die Schweiz so viele Tote wie nie seit 1918, dem Jahr der Spanischen Grippe. Sagt dieser Vergleich etwas aus? Kaum. Ebenso wenig hilfreich sind aber auch die Statistiken der Corona-Verharmloser. Richtig ist: Seit 1974 berechnet der Bund die Übersterblichkeit. Sie war noch nie so hoch wie 2020.

Fabian Schäfer

«Das ist, was die Zahlen uns sagen.» Also sprach Pietro Vernazza, der St. Galler Infektiologe, der in der Corona-Pandemie oft für kritische Zwischentöne sorgt und damit ähnlich oft aneckt. Was «die Zahlen» uns sagen, jedenfalls laut Vernazza, ist allerhand. Er erklärte es Anfang Januar in einem Interview auf medinside.ch. Es ging um die vielen Corona-Todesfälle in der Schweiz. Oder sind es gar nicht so viele?

Entscheidend sei, sprach der Infektiologe, die Entwicklung der «Gesamtmortalität». Ihn stört, dass viele einfach auf die nackten Todeszahlen bei über 65-Jährigen schauen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Altersgruppe in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Vernazza pocht auf einen Vergleich der Anzahl Todesfälle pro Kopf in dieser Altersgruppe. «Wenn Sie nun die Sterberaten bei Menschen über 65 der letzten zehn Jahre studieren, werden Sie feststellen, dass die Mortalität in den Jahren 2013 und 2015 höher war als die Mortalität 2020.» Also alles halb so wild? Emotionale Debatte um Tote

Die Aufmerksamkeit war Vernazza gewiss, seine Aussagen schlugen Wellen. Der Tenor der letzten Wochen war ein anderer. Die Zahl der Todesfälle sorgte für heftige, teilweise emotionale Kritik an der Schweizer Corona-Strategie. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass der Bundesrat letzte Woche einen Kurswechsel eingeleitet hat. Gegen den Willen der Kantone und der Sozialpartner hat er präventiv einschneidende Auflagen verhängt, von Ladenschliessungen bis zur Home-Office-Pflicht.

Und nun kommt Vernazza und sagt, früher seien mehr ältere Menschen gestorben, wenn man es nur richtig berechne. Im Interview wurde er noch gefragt, ob es denn aus seiner Sicht 2020 keine aussergewöhnliche Übersterblichkeit gegeben habe. Antwort: «Das ist nicht meine Sicht: Das ist, was die Zahlen uns sagen.» Fragt sich nur, welche Zahlen Vernazza meint. Die Anfrage der NZZ, auf welche Quellen er seine Aussage stütze, blieb unbeantwortet. Deutschland stark betroffen

Der Streit um die Deutungshoheit über die inzwischen 8240 Covid-19-Todesfälle in der Schweiz wird statistisch geführt: mit Zahlen, Tabellen, Balken, Kurven. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird eifrig gefochten, die Polarisierung ist gross. Die einen, denen die Massnahmen schon immer zu weit gegangen sind, wollen die Todesfälle kleinrechnen, während die anderen versuchen, das angebliche «moralische Versagen» der Schweiz mathematisch nachzuweisen.

Die Auseinandersetzung scheint gerade jetzt neue Schärfe anzunehmen, da das Sterben endlich wieder klar nachlässt. Die durchschnittlichen Tageswerte sind seit Mitte Dezember von 87 auf 45 Todesfälle gesunken. Interessant ist der Vergleich mit Deutschland: Trotz rigorosen Vorsichtsmassnahmen verzeichnen die Nachbarn seit dem 7. Januar anteilsmässig mehr Covid-19-Todesfälle. Das ist aber nur die eine Seite.

Die andere: Kumuliert seit Ausbruch der Pandemie hat die Schweiz pro Einwohner gerechnet 80 Prozent mehr Tote zu beklagen als Deutschland. Allerdings sind solche Vergleiche heikel, weil nicht immer klar ist, wer an oder mit Covid-19 stirbt, und wohl auch nicht jedes Land gleich zählt. Hingegen gibt es kaum Interpretationsspielraum bei der Frage, wann jemand tot ist. Deshalb raten die Statistiker, für Vergleiche mit anderen Ländern oder früheren Jahren die Gesamtheit der Todesfälle zu betrachten.

Definitive Zahlen für 2020 gibt es noch nicht, aber laut den Aktualisierungen des Bundesamts für Statistik (BfS) vom Dienstag sind hierzulande letztes Jahr insgesamt etwa 75 000 Personen gestorben. Das sind fast genau gleich viele wie 1918, zur Zeit der Spanischen Grippe. Aber natürlich hinkt dieser Vergleich mehrfach, zumal damals viele jüngere Menschen starben, weshalb der «Verlust an potenziellen Lebensjahren» – wie das im Jargon der Statistiker heisst – massiv grösser war. Zudem war die Bevölkerung seinerzeit deutlich kleiner als heute: Die Sterberate pro 1000 Einwohner betrug damals 19,3, letztes Jahr hingegen «nur» etwa 8,6.

8,6 von 1000 Einwohnern gestorben – ist das nun viel? In den letzten 16 Jahren war die Sterblichkeit durchgehend tiefer, die Sterberate 2020 ist 5 bis 11 Prozent höher als damals. 2003 hingegen, im Jahr des Hitzesommers, waren pro Einwohner gerechnet ähnlich viele Todesfälle zu verzeichnen wie 2020.

Aus Sicht des Infektiologen Vernazza muss man aber anders rechnen. Er will auf die älteren Altersgruppen fokussieren, weil diese in den letzten Jahren stärker gewachsen sind als die gesamte Bevölkerung. Das Bild sieht trotzdem nicht wesentlich anders aus: Die Sterblichkeit innerhalb der Gruppe 65 plus war 2020 höher als in den dreizehn Jahren davor, die Unterschiede liegen zwischen 1 und 11 Prozent. Medizinischer Fortschritt zählt

Zwischenfazit: Im Corona-Jahr 2020 war die reine Sterblichkeit zwar grösser als in den letzten Jahren, aber der Unterschied nicht gewaltig. Um Jahre mit ähnlichen Raten zu finden, muss man ausserdem nicht besonders weit zurückblicken. Haben also die Zweifler recht, die nicht nur das Corona-Regime für übertrieben halten, sondern auch die verbreitete Angst, am Virus zu sterben?

Die Frage geht an die Epidemiologen und die weiteren Experten des BfS. Sie geben im Wesentlichen vier Hinweise, zwei theoretische und zwei praktische:

Ein 70-Jähriger ist heute signifikant fitter als vor zehn Jahren. Wer die Sterblichkeit 2020 direkt mit früheren Jahren vergleicht, blendet die konstanten Fortschritte der Medizin aus. Diese haben zu einer fortlaufenden Senkung der altersspezifischen Sterberaten geführt. Menschen, die heute ein hohes Alter erreichen, sind im Durchschnitt deutlich gesünder als früher, weil sie in der Kindheit und später bessere Lebensbedingungen hatten. Die Statistiker haben in internationalen Übereinkünften ausgeklügelte Methoden entwickelt, um diese Entwicklung in ihre Berechnungen «einzubauen». Sie gehen quasi von höheren Ansprüchen aus. Vereinfacht gesagt: Wenn vor zwanzig Jahren 4 oder 5 Prozent aller 65-Jährigen und Älteren starben, war das damals statistisch vielleicht «normal». Heute aber kann es eine Übersterblichkeit bedeuten, weil gemessen an den Vorjahren manche dieser Senioren noch nicht hätten sterben sollen. Dies erklärt auch den Unterschied zwischen 2003 und 2020: Obwohl in beiden Jahren die reine Sterblichkeit ähnlich hoch war, weist das BfS für 2020 eine deutlich grössere Übersterblichkeit aus (10,9 gegen 2,9 Prozent) aus.

Die demografischen Verschiebungen sind einkalkuliert. Um eine Über- oder Untersterblichkeit zu erkennen, berechnen die Statistiker Erwartungswerte aufgrund der Entwicklung in den Vorjahren. Dabei kalkulieren sie nicht nur den medizinischen Fortschritt ein, sondern auch die demografischen Verschiebungen. Das starke Wachstum der Gruppe 65 plus wird somit durchaus berücksichtigt. Dies zeigt sich darin, dass das BfS hier trotz steigender Lebenserwartung eine Zunahme der Todesfälle erwartet.

Es kommt auch auf die zeitliche Verteilung an. Praktisch ist der dritte Hinweis: Um die Auswirkungen der Pandemie zu beurteilen, ist nicht nur das gesamte Ausmass der Todesfälle relevant, sondern auch deren zeitliche Verteilung. Darüber gibt jedoch die Sterberate des ganzen Jahres keine Auskunft. Das BfS erfasst indes auch die wöchentlichen Todesfälle und vergleicht sie mit den Erwartungen, womit Ausschläge sichtbar werden. 2020 erfasste das BfS vor allem in der zweiten Welle mehr Todesfälle als erwartet. Vom 19. Oktober bis 10. Januar sind 21 400 statt 14 500 Menschen gestorben. Wären diese Todesfälle und damit auch die Spitaleintritte gleichmässiger verteilt gewesen, wäre die Belastung für das Gesundheitssystem weniger gross ausgefallen. Der Bundesrat hat die einschneidenden Massnahmen immer auch damit gerechtfertigt, dass man die Überlastung der Spitäler verhindern müsse. Anders gesagt: Der Blick auf die jährliche Sterblichkeit verschleiert die Risiken für die Gesundheitsversorgung, die von einer Pandemie ausgehen.

Viele Tote trotz scharfen Massnahmen. Der vierte Hinweis des BfS betrifft das Präventionsparadox: Je erfolgreicher die staatlichen Massnahmen das Virus eindämmen, desto leichter kann man nachträglich auf die Idee kommen, sie seien gar nicht nötig gewesen. In die Statistik übersetzt, bedeutet dies, dass der Vergleich des Corona-Jahrs 2020 mit früheren Jahren, in denen es Grippe- oder Hitzewellen gab, in die Irre führen kann. Ist die Sterblichkeit in beiden Jahren gleich gross, bedeutet das nicht, dass die eine Gefahr gleich gross ist wie die andere, weil das Coronavirus mit noch nie da gewesenen Einschränkungen bekämpft worden ist und trotzdem viele Tote zurückliess. Eine politische Frage

Ab hier können die Statistiker nicht mehr weiterhelfen. Ob der Anstieg der Sterblichkeit 2020 gross oder klein, schlimm oder erträglich sei, sei eine politische Frage. «Das BfS versucht, bei der Publikation von Zahlen möglichst neutral zu sein. Wie eine Sache bewertet wird, unterliegt dem gesellschaftlichen Diskurs.» Eines aber lässt sich sagen: Wenn man die Übersterblichkeit nach den Regeln der Kunst berechnet – inklusive des medizinischen Fortschritts, der steigenden Lebenserwartung, Verschiebungen in der Alterspyramide –, dann war sie 2020 so gross wie noch nie seit 1974. Für die Zeit davor liegen keine Vergleichswerte vor.

Das ist, was die Zahlen uns sagen.

Wären die Todesfälle und damit auch die Spitaleintritte gleichmässiger verteilt gewesen, wäre die Belastung für das Gesundheitssystem weniger gross ausgefallen.

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