Im Zentrum steht der Moment des Lebensendes

Jeweils am zweiten Samstag im Oktober ist Welthospiztag. Die Einrichtungen für unheilbar kranke Menschen haben vielerorts noch immer einen schweren Stand.

Martin Spilker

Der Tod steht fest – dessen Stunde aber nicht. Dieser Spruch eines unbekannten Autors lässt sich heute ergänzen: Auch der Ort des Sterbens ist unklar und sicher ein völlig anderer als noch vor zwei, drei Generationen.

Heute sterben 40 Prozent der Bevölkerung in Spitälern, weitere 40 Prozent in Pflegeheimen, wie der Moraltheologe Markus Zimmermann in der neusten Ausgabe der Zeitschrift der Universität Freiburg festhält. Aber für manche Menschen ist weder der eine noch der andere der für sie passende Ort.

Ein pflegerisch-spirituelles Angebot

Neben den Palliative-Care-Abteilungen in Akutspitälern, die mit einer Fallpauschale und damit einer begrenzten Aufenthaltsdauer behaftet sind, bieten Hospize einen Ort, an dem unheilbar kranke Menschen in einem würdigen Umfeld ihr Lebensende ohne zeitliche Beschränkung verbringen können. Würde ist ein Begriff, den die Vize-Präsidentin des 2015 gegründeten Dachverbandes Hospize Schweiz als Leitgedanke über ihre Arbeit setzt.

Denn zur medizinischen und pflegerischen Betreuung kommt für Sibylle Jean-Petit-Matile ein spiritueller Aspekt hinzu, der in einem Hospiz gelebt wird. «Den Moment des Lebensendes ins Zentrum zu stellen, so wie ihn der sterbende Mensch sich wünscht, das ist unser Kernthema», fasst die Ärztin ihre Haltung zusammen.

Auch Sterben kostet

Im Unterschied zu Pflegeheimen bieten Hospize eine spezialisierte Palliative Care an. Eine medizinisch anspruchsvolle, symptomlindernde Betreuung, in der dem todkranken Menschen grosse Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das bedeutet einen hohen Pflege- und Betreuungsaufwand von gut ausgebildeten Fachpersonen, was sich auf die Personalkosten auswirkt, die den grössten Teil des finanziellen Aufwandes eines Hospizes ausmachen.

Die Hospize gelten als «Pflegeheime». Daher muss der Patient wie in einem Pflegeheim auch in einem Hospiz die Hotellerie-Kosten selbst bezahlen. Damit aber niemand zurückgewiesen werden muss, der das nicht finanzieren kann, stehen hinter den Hospizen jeweils Stiftungen oder Vereine, die diese Privatkosten im Notfall übernehmen.

«Auch die Finanzen sollen für Würde eingesetzt werden.»

Hans Peter Stutz

Denn, so drückt es der Geschäftsführer des Dachverbandes Hospize Schweiz, Hans Peter Stutz, aus: «Wir wollen, dass auch die Finanzen für Würde und gute Begleitung in der letzten Lebensphase eingesetzt werden.»

Das Hospiz soll seiner Meinung nach dem Tod wieder einen Platz in der Gesellschaft geben. Hans Peter Stutz vergleicht dies mit dem Aufkommen von Geburtshäusern, die eine Alternative zu den damals kargen Gebärabteilungen in Spitälern darstellten und durch ihr häusliches Angebot wiederum die Geburtsabteilungen revolutioniert haben. Im Hospiz ist es Angehörigen und Bekannten möglich, in einem ruhigen Umfeld Abschied zu nehmen.

«Sterbebegleitung betrifft nicht nur den todkranken Menschen.»

Sibylle Jean-Petit-Matile

Seelsorge hat einen festen Platz

Dabei hat das Spirituelle einen wichtigen Platz. «Sterbebegleitung betrifft bei weitem nicht nur den todkranken Menschen, sondern genauso dessen Angehörige und, was nicht unterschätzt werden darf, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die ehrenamtlich Tätigen in einem Hospiz», sagt Sibylle Jean-Petit-Matile.

So nehmen Seelsorge, Spiritual Care oder beide einen festen Platz in einem Hospiz ein. Und wie Persönlichkeiten aus der Politik die Hospiz-Bewegung auf vielen Ebenen unterstützen, so sei auch das Verhältnis zu den Kirchen «besser und besser werdend», erklärt Hans Peter Stutz auf die Frage nach dem Rückhalt bei den Landeskirchen.

Die wachsende Bekanntheit trage dazu bei, dass die Kirchen die Arbeit der Hospize zunehmend anerkennen und unterstützen. Denn der Schutz des Lebens in seiner Unversehrtheit sei, auch an der Schwelle des Todes, sei ein Anliegen, das die Kirchen sicher teilen würden, so Stutz.

Assistierter Suizid wird angesprochen

Und wie stehen Hospize zum Boom der Mitgliedschaften bei Sterbehilfeorganisationen? Für Sibylle Jean-Petit-Matile kommt der Vollzug des assistierten Suizids im Hospiz nicht in Frage. Aber es ist auch kein Tabuthema. «Die Menschen werden beim Eintritt gefragt, ob sie eine entsprechende Mitgliedschaft bei einer Suizidhilfe-Organisation besitzen, was bei vielen der Fall ist. Aber dann kommt die wichtige Frage nach dem Grund für diese Mitgliedschaft», erklärt die Ärztin.

Für viele Menschen sei die Angst vor Schmerzen oder Verwirrtheit der Anlass für eine Mitgliedschaft bei Suizidhilfe-Organisationen. In diesem Fall könne der Wert der Palliative Care mit ihren vielfältigen lindernden Möglichkeiten aufgezeigt werden. Aber das Thema müsse angesprochen werden. Denn nichts sei so belastend wie das, worüber nicht gesprochen werde, sagt Sibylle Jean-Petit-Matile.

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