Freiburg/Zürich, 17.8.18 (kath.ch) Ein Missbrauchsbericht erschüttert derzeit die USA. Charles Morerod, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, fordert eine grundsätzliche Änderung des Umgangs mit sexuellem Missbrauch in der Kirche – in der Schweiz, in den USA und weltweit.
Pierre Pistoletti
Die Vorgänge in Pennsylvania seien «ein neues Kapitel in der finsteren Geschichte des sexuellen Missbrauchs in den Vereinigten Staaten», sagt Bischof Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg sowie Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. «Der Bericht des Staatsanwalts von Pennsylvania zeigt, dass sexuelle Übergriffe von Priestern begangen wurden. Er zeigt auch, dass sie von einigen Kirchenführern vertuscht wurden, was ‹einem zweiten Missbrauch› gleichkommt», sagt Bischof Morerod. Als Antwort auf diese Tragödien fordert der Bischof einen Wandel in der Kirche: «Den Opfern muss grundsätzlich Priorität eingeräumt werden».
Eine solche Reform betrifft nicht nur die Vereinigten Staaten. «Auch in der Schweiz hat die katholische Kirche zu lange geschwiegen», urteilt Giorgio Prestele. Sie habe mehr Wert darauf gelegt, den Ruf der Institution zu wahren, als die Opfer ernst zu nehmen und zu schützen. Dabei spricht der Zürcher Jurist aus der Innenperspektive: Er leitet das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz.
Der Wandel betrifft auch den sozialen Status des Priesters. Die Schwierigkeit, die Gottesmänner in Frage zu stellen, «hat ein Gefühl von Straffreiheit und Macht gefördert», fährt Bischof Morerod fort. Tatsächlich zeige der Bericht, dass einige Polizisten sich geweigert hätten, Priester zu verhaften. «Das Problem ist akuter, wo die Kirche grosse Macht hat.»
In den USA variieren Rolle und soziale Bedeutung der katholischen Kirche von Region zu Region. Für die meisten Katholiken sei diese Ankündigung jedoch ein Schock, bemerkt Morerod. Der Bischof kennt das Land gut. Er übernahm regelmässig im Sommer seelsorgerliche Aufgaben im Staat Washington. «Ich habe dort eine Reihe von Freunden. Und ich sehe, was sie dieser Tage auf Facebook veröffentlichen. Einige reden von öffentlicher Busse. Andere behaupten, dass das Vertrauen in die kirchlichen Instanzen zerstört ist, zumal der Bericht einige Tage nach dem Rücktritt von Kardinal Theodore McCarrick herauskommt. Der emeritierte Erzbischof von Washington hatte Missbrauch begangen.»
Das Bekanntwerden der Handlungen bestimmter Kleriker «schwächt die Kirche», sagt Morerod, unabhängig davon, ob sie nun einen sexuellen Übergriff begangen oder versucht hätten, diese zu vertuschen. «Aber dadurch kann die Kirche auch gesunden.»
Giorgio Prestele fügt hinzu: «Das immense Leid der Opfer veranlasst die Kirche, Massnahmen zu ergreifen: Stellen einzurichten, wo sie empfangen werden und wo ihnen zugehört wird, mit den staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten oder unabhängige Hilfe anzubieten».
In der Schweiz begann die Kirche laut Prestele erst 2002, die Opfer ernst zu nehmen. «Seitdem verläuft die Entwicklung langsam, aber stetig hin zu mehr Offenheit und Transparenz.» Das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» veröffentlicht detaillierte Statistiken über Fälle von sexuellem Missbrauch im Schweizer Kontext. Und das Gremium fungiere als Lobby innerhalb der Bischofskonferenz, um «dem Umgang mit den vergangenen und den jüngsten Übergriffen Priorität einzuräumen», so Prestele.
«Die Wahrheit wird euch befreien.»
Doch auch wenn sich die Dinge allmählich ändern, sind sich alle bewusst: Sexueller Missbrauch wird in der Kirche nie ganz verschwinden. Giorgio Prestele betont: «Wir müssen alles tun, damit Missbrauch nicht ignoriert wird». Prävention sei daher auch Thema in allen Ausbildungsprogrammen von Pastoralassistentinnen und -assistenten.
Der Kommissionspräsident wünscht sich gar «eine umfassende, unabhängige, wissenschaftliche Untersuchung von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Kontext. Dies nach dem Vorbild der vom Bundesrat in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Analyse für die Opfer von Zwangsmassnahmen».
«Eine solche Aufarbeitung der Wahrheit ist schmerzhaft», fügt Morerod an. «Doch sie ist auch notwendig. Jesus sagt uns: ‹Die Wahrheit wird euch befreien.›» (cath.ch/Übersetzung: sys)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/den-opfern-muss-grundsaetzlich-prioritaet-eingraeumt-werden/