Zürich, 27.6.17 (kath.ch) 50 Millionen Franken erhalten die römisch-katholische und die reformierte Kirche jedes Jahr vom Kanton Zürich. Dies zur Abgeltung von gesamtgesellschaftlichen Leistungen. Dieser Beitrag ist mehr als gerechtfertigt, wie eine aktuelle Studie der Universität Zürich ergeben hat. Denn die Leistungen der Kirchen sind – in Geld umgerechnet – grösser als der Staatsbeitrag.
Regula Pfeifer
Die rund 86’000 kirchlichen Angebote, welche die Studie unter die Lupe nahm, entsprechen einer monetären Leistung von 62 Millionen Franken. So heisst es in der Mitteilung vom 27. Juni. «Die Kirchen sind ihr Geld wert», kommentiert Benno Schnüriger das Resultat. Das Geld, das den Kirchen vom Kanton zur Verfügung gestellt werde, sei «bestens investiert», fügt der Präsident des Synodalrats der katholischen Kirche im Kanton Zürich laut Mitteilung hinzu. Noch nie sei dies mit so viel Datenmaterial belegt worden.
So erhalten die Katholiken vom Kanton rund 22,7 Millionen Franken. Doch der Wert ihrer Leistungen ist mit 25,9 Millionen Franken klar höher. Bei den Reformierten ist der Unterschied noch grösser. Sie erhalten 26,8 Millionen Franken und erbringen Leistungen von 35,4 Millionen Franken. Das hat ein Team um Thomas Widmer, Leiter des Forschungsbereichs Policy-Analyse und Evaluation am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, herausgefunden.
Sie hatten vom der kantonalen Direktion der Justiz und des Inneren, von der Römisch-katholischen Körperschaft und der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich den Auftrag erhalten, die kirchlichen Leistungen umfassend zu erheben. Unter die Lupe genommen wurde der Zeitraum vom Oktober 2015 bis zum September 2016.
Die reformierte Kirche erbringt laut Studie mehr Leistungen im allgemeinen Interesse. «Das überrascht uns nicht», sagt Schnüriger gegenüber kath.ch. Denn in der Studie sei die Migrantenseelsorge mit einer monetären Einschätzung von zehn Millionen Franken «nur sehr zurückhaltend berechnet» worden.
Die Vertreter der Katholiken beurteilen aber ihre kirchliche Migrantenseelsorge als insgesamt «von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung». Denn diese wende sich zwar den katholischen Migrantinnen und Migranten der jeweiligen Sprachgruppe zu, stelle aber einen «wesentlichen Beitrag zum Fussfassen hier bei uns in Zürich», so Schnürigers Argument in der Mitteilung.
Die Studie attestiert den Reformierten mehr Offenheit. Deren Angebote richteten sich vermehrt an alle, heisst es da. 64 Prozent seien für alle offen – im Vergleich zu 45 Prozent bei den Katholiken. Die reformierten Angebote werden zudem seltener ausschliesslich von Kirchenmitgliedern besucht. Bei den Reformierten gilt das für die Hälfte der Angebote, bei den Katholiken für 70 Prozent.
«In Regionen mit 80 Prozent Reformierten macht man Angebote automatisch allen zugänglich.»
Dies betreffe vor allem die Kirchgemeinden, sagt Schnüriger. Sie müssten sich fragen, ob sie zu restriktiv oder ihre Angebote zu wenig bekannt seien. Auch ein anderer Mechanismus ist laut Schnüriger möglich: «In Regionen, in denen die Leute zu 80 Prozent reformiert sind, ist man automatisch geneigt, die eigenen Angebote allen zugänglich zu machen.»
Offen sind die Katholiken hingegen bei der Vermietung ihrer Räume. Diese werden laut Studie «häufig von Nicht-Mitgliedern genutzt». Bei den Reformierten geschieht die Raumnutzung eher durch eigene Mitglieder. «Das heisst für uns: Macht weiter so», richtet Schnüriger einen Appell an die Kirchgemeinden.
Die Katholiken haben mehr kultische Angebote als die Reformierten, ist ein weiteres Resultat. Das entspreche durchaus der Tatsache, findet der Katholikenvertreter. «Wir haben mehr gottesdienstliche Handlungen». Der festgestellte Unterschied könne aber auch am unterschiedlichen Verständnis einer Kulthandlung liegen. Die Studie beruht auf der Selbstdeklaration der Kirchgemeinden. Da mag der eine als kultisch bezeichnen, was der andere nicht würde.
Rund 1,9 Millionen Freiwilligenstunden leisten die Zürcher Landeskirchen insgesamt. Auch hier liegen die Katholiken zahlenmässig leicht oben auf. «Das haben wir erfreut zur Kenntnis genommen», sagt Schnüriger, der eine mögliche Erklärung im Engagement der grossen Jugendverbände – etwa Jungwacht-Blauring – sieht.
Bisher wird der Staatsbeitrag an die Kirchen aufgrund der Anzahl Mitglieder berechnet. Dies könnte sich unter gewissen Umständen ändern. «Wenn eine Konfession viel mehr erbringen würde als die andere, könnte der Beitrag in Zukunft anders berechnet werden», sagt Schnüriger. Er glaubt aber nicht, dass es soweit kommen wird. Aufgrund der aktuellen Studie gebe es keinen Grund, von der numerischen Zuteilung abzusehen.
Auch die Autoren der Studie empfehlen, die kantonalen Beiträge wie bisher an die Kirchen auszurichten. Die Landeskirchen erbringen im Sinn der Allgemeinheit Leistungen, «welche die staatlichen Kostenbeiträge mehr oder weniger deutlich rechtfertigen», ist ihr Fazit. Gleichzeitig rufen sie die Kirchen zu mehr Transparenz bei der Verwendung der staatlichen Gelder auf. Das nimmt sich Schnüriger zu Herzen – etwa für die interne Kommunikation gegenüber Kirchgemeinden.
Die Studie hat nicht nur die Frage des gesamtgesellschaftlichen Nutzens von kirchlichen Angeboten geklärt und damit die finanzielle Unterstützung durch den Kanton bekräftigt. Sie hat auch Angaben über die Tätigkeiten einzelner Kirchgemeinden geliefert. «Noch nie haben die Kirchgemeinden ihre Angebote untereinander so gut vergleichen können», sagt Schnüriger. Er erhofft sich davon Inputs und Nachahme-Effekte erfolgreicher Projekte.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/die-zuercher-kirchen-leisten-mehr-als-sie-erhalten/