Jüdischer Grenzgänger mit Ausdauer

Zürich, 25.5.17 (kath.ch) Michel Bollag (64) hat sich weit vorgewagt auf das Terrain des interreligiösen Dialogs. Das ist nicht selbstverständlich für einen Juden, wie eine Begegnung mit dem Mitbegründer des früheren Zürcher Lehrhauses und heutigen Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog (ZIID) deutlich macht. Ende Mai geht Bollag  in Pension.

Barbara Ludwig

16 Personen, mehr Frauen als Männer, die meisten über 60, umringen Michel Bollag. Es ist bitterkalt an diesem Tag gegen Ende April. Vom Himmel tropft es. Doch die Gruppe aus Oberwinterthur, die beim ZIID einen Rundgang durchs jüdische Zürich (The Jewish Mile) gebucht hat, hört interessiert zu, wie es im 19. Jahrhundert zum Bau der jüdischen Synagoge an der Löwenstrasse kam.

Bollag – khakifarbene Schirmmütze über der Kippa, schwarzer Rucksack – schöpft aus dem Vollen, erzählt, gestikuliert. Ein Witz, über Juden natürlich, illustriert auch mal eine Aussage. Im Interview mit ihm zeigt sich, dass er auch über Katholiken witzeln kann, ganz charmant. Es sind liebevolle Sticheleien, die sich sonst nur einer erlauben kann, der dazu gehört.

Den Horizont erweitern

Trotz Regen und Kälte hält das Interesse der Männer und Frauen, teils reformiert, teils katholisch, an bis zur letzten Station im Restaurant «Bagel Shop» an der Bederstrasse, dreieinhalb Stunden später. Es sei spannend, «über den Tellerrand hinauszublicken», sagt ein Teilnehmer gegenüber kath.ch.

Auch bei Michel Bollag war am Anfang die Lust, den eigenen Horizont zu erweitern. Der Sohn eines Schweizer Juden und einer deutschen Jüdin, in Genf aufgewachsen, arbeitete in den 1990er Jahren als Rabbinatsassistent der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), die eine Politik der Öffnung verfolgte, wie Bollag heute sagt.

Nach und nach wurde ihm bewusst: «Das Judentum hat eine universelle Dimension, eine universelle Botschaft, die im christlichen Raum auf Resonanz stösst.» Dies habe ihn dazu motiviert, mehr entdecken zu wollen. «Was trennt eigentlich das Judentum vom Christentum? Und was verbindet die beiden Religionen? Wie findet man zu einer Überwindung der jahrhundertelangen Feindschaft?»

Es sei auch eine Zeit gewesen, in der sich die christlichen Kirchen intensiv mit dem Judentum auseinandersetzten. Auf evangelischer Seite war das die Stiftung für Kirche und Judentum, aus der später das Zürcher Lehrhaus hervorging.

Lieber nicht Rabbiner werden

Bollag fügt hinzu, dass sich ihm mit der Tätigkeit am 1994 gegründeten Zürcher Lehrhaus auch eine interessante berufliche Perspektive bot. Was waren die Alternativen? Rabbinatsassistent in einer anderen Stadt. Oder selber Rabbiner werden. Letzteres hätte die ICZ gerne gesehen.

Katholische Priester wissen schon, warum sie nicht heiraten dürfen.

Aber Bollag und seine Frau wollten nicht. «Das ist ein 24-Stunden-Job. Die katholischen Priester wissen schon, warum sie nicht heiraten dürfen», sagt der Vater von vier erwachsenen Kindern und lacht. Der Job beim Lehrhaus bot zudem viel Spielraum für Eigeninitiative. Und viel Freiheit. «Wäre ich Rabbiner geworden, hätte ich sehr viel mehr Beschränkungen gehabt. Zwar haben wir keinen Papst – und das ist ein Vorteil – dennoch wird alles, was ein Rabbiner sagt, beäugelt.»

Jüdisches Schicksal erschwert Selbstkritik

Bollag war dann von Anfang an dabei beim Lehrhaus. Er war Mitbegründer, Co-Leiter und Fachleiter Judentum. Dass sich ein Jude im interreligiösen Dialog engagiert, sei nicht selbstverständlich, so Bollag. Das hat mit der leidvollen Geschichte der Juden zu tun, die geprägt ist von Verfolgungen.

Was man durch den interreligiösen Dialog erfahren könne, nämlich dass alle Religionen nebst ihren «Sonnenseiten» auch ihre «Schattenseiten» hätten, bleibe für Juden oft eine schwierige Erkenntnis.

Das häufig auftretende Gefühl, der Antisemitismus sei allgegenwärtig, könne jegliche Selbstkritik verunmöglichen. Laut Bollag hat die Geschichte hier eine Langzeitwirkung. «Das erklärt auch, warum in Westeuropa, besonders im deutschsprachigen Gebiet, sehr wenige Juden im interreligiösen Dialog engagiert sind.»

«Ich bin ein Grenzgänger geworden»

Ist Bollag also eine Ausnahmeerscheinung? Der Mann winkt ab. Er sei insofern eine Ausnahme, als er sich beruflich und damit sehr intensiv mit interreligiösem Dialog befasse. «Ich bin ein Grenzgänger geworden. Ich möchte schauen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Aber ich weiss sehr genau, wo die Grenze verläuft.». Bollag gehört nicht zu den Menschen, die sich aus den verschiedenen religiösen Traditionen das herauspicken, was ihnen gefällt. Er sei ganz klar jüdisch positioniert.

Der interreligiöse Dialog sei «kein Sonntagsspaziergang», antwortet Bollag auf die Frage, ob er bereits einmal in die «Abgründe des Dialogs» gestürzt sei, auf die sein katholischer Kollege und Mitbegründer des Lehrhauses, Hanspeter Ernst, in einem Jahresbericht hinwies. Weil der Dialog eigene Positionen in Frage stellt, müsse man in seinem Innersten gefestigt sein, um die Anfragen an die eigene Religion nicht als Bedrohung seiner Identität zu empfinden, erklärt Bollag.

Es wäre doch viel schöner, wenn Herr Bollag christlich wäre.

Die Journalistin hakt nach, weil sie an seiner persönlichen Erfahrung interessiert ist. So fügt Bollag schliesslich hinzu: «Ich bin nicht in eine Krise hineingerutscht.» Er spricht jetzt langsam, vorsichtig, in nachdenklichem Ton. Es habe Momente gegeben, wo er dachte:  »Warum tue ich mir das an?». Frust kam dann auf, wenn er feststellen musste, dass es in der älteren Generation von Christen nicht wenige gab, «die zwar das Judentum umarmen wollen, es aber letzten Endes doch als die mindere Religion betrachten. Es wäre doch viel schöner, wenn Herr Bollag christlich wäre. Das habe ich erlebt.»

Aufhören war und ist kein Thema

Diese Momente der Frustration hielten Bollag aber nicht ab, dem Lehrhaus treu zu bleiben, das ab 2005 den Islam in den interreligiösen Dialog einbezog. Ans Aufhören dachte er während all der Zeit jedenfalls nie, wie er im Interview sagt. Ende Mai wird der Praktiker des interreligiösen Dialogs als Fachleiter Judentum und Verantwortlicher für das Kursprogramm beim ZIID pensioniert.

 

Im Minjan Wollishofen, einer unauffälligen Synagoge an der Etzelstrasse, erwähnt er dies auch gegenüber den Besuchern der «Jewish Mile» mit, bevor er zu einem ausführlichen Vortrag ansetzt, was denn eine Synagoge sei. Eine Teilnehmerin wundert sich, dass es bei ihm schon so weit sei. Er sei doch so ein «quirliger Mensch», sagt die Frau.

In der Tat, man kann sich Bollag schwerlich im Ruhestand vorstellen. Er bleibt dem ZIID denn auch als Dozent und Berater erhalten. Und er wird auch weiterhin interessierte Menschen durch das jüdische Zürich führen und ihnen auf diese Weise das gelebte Judentum und seine Geschichte näherbringen.

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