Comic-Autor Zep: «Wenn ich zeichne, bete ich»

Genf, 16.3.17 (kath.ch) Der Westschweizer Comic-Autor Zep, Philippe Chappuis, hat als Vater der Comicfigur Titeuf grosse Bekanntheit erlangt. Am Samstag erhält er den «Prix Européen Gabriel» 2017 christlicher Comics für sein Buch «Un bruit étrange et beau» (»Ein seltsamer und schöner Klang»). Darin erzählt Zep die Geschichte eines Kartäusers, der das Kloster «La Valsainte» im Kanton Freiburg verlässt, um nach Paris zu gehen. cath.ch hat mit ihm über die Stille, sein Leben und das Buch gesprochen.

Pierre Pistoletti

Wie entstand der Comic «Un bruit étrange et beau»?

Zep: Ich hatte Lust, von der Stille und vom Verschwinden zu sprechen. Ein Mönch verlässt die Welt, geht sozusagen in die Wüste. Darin liegt etwas Faszinierendes, das mit meinem eigenen Leben zu tun hat. Auch in diesem gibt es Stille und Einsamkeit. Mein Leben ist ziemlich klösterlich. Natürlich verreise ich manchmal. Nach Paris, Frankfurt. Ich nehme als Gast an Fernsehsendungen teil. Es macht mir Spass, fünf Minuten lang vor den Leuten den Klugen zu mimen – würde man mir das nehmen, wäre ich unglücklich. Dennoch brauche ich auch die Stille. Von dieser Stille wollte ich in «Un bruit étrange et beau» sprechen.

In Ihrer Geschichte wird aus dem früheren William ein Mönch im Kartäuserkloster «La Valsainte». Doch Don Marcus muss nach 26 Jahren diesen Ort des Rückzugs verlassen und nach Paris gehen. Er macht zwei Erfahrungen, die auch Sie kennen.

Zep: Das ist wahr. Doch bei mir besteht das Klosterleben im Zeichnen von Comics. Morgens stehe ich auf, arbeite zehn Stunden täglich in diesem Raum, ohne jemandem zu begegnen. Ich reise selten. Das Wesentliche in meinem Leben geschieht hinter diesem Arbeitstisch. Zeichnen, vom Leben zumeist erfundener Leute zu erzählen, das ist eine Art Gebet. Ich muss niemandem Rechenschaft darüber ablegen, ausser Gott, so er denn existiert. Ich erzähle Geschichten. Das bringt nichts, und gleichzeitig ist es mein ganzes Leben. Es ist weniger nützlich als eine Strasse oder ein Haus zu bauen. Und dennoch, ich kann mir eine Welt ohne Geschichtenerzähler nicht vorstellen.

Beten heisst bei mir, Tag für Tag das Gleiche zu tun.

Was heisst beten für Sie?

Zep: Beten heisst bei mir, Tag für Tag das Gleiche zu tun. Niemand zwingt mich dazu, aber ich nehme jeden Tag den Stift in die Hand und zeichne. Das gibt mir ein grosses Gefühl von Freiheit. Wenn man sich für diese Tätigkeit entscheidet, muss man davon überzeugt sein, am richtigen Platz zu sein. Erfolg ist gut, aber er genügt nicht. Jemand kann ein Talent haben, als Autor Erfolg haben, von Millionen von Menschen wegen seiner Arbeit geschätzt werden. Aber wenn er nicht am richtigen Platz ist, wird er nie ganz glücklich sein.

Mit «Un bruit étrange et beau» zeigen Sie, dass Sie das klösterliche Leben aus der Nähe kennen. Wie kam es dazu?

Zep: Ich bin genügend mit Klöstern in Berührung bekommen, um etwas davon wiedergeben zu können. Vor 20 Jahren hielt ich mich regelmässig in Klöstern auf. Jedes Mal, wenn ich wegging, wollte etwas von mir dort bleiben. Für diesen Comic wollte ich einige Tage im Kloster «La Valsainte» verbringen. Meine Anfrage wurde abgelehnt. Ich insistierte nicht. Aber ich hatte das Glück, einem ehemaligen Kartäuser zu begegnen. Ich fragte ihn über viele technische Details aus: In welche Richtung öffnet sich die Tür einer Zelle? Wo sind die Toiletten?Er erinnerte sich nicht an alles. «Niemand, ausser den Kartäusern von ‘La Valsainte’, wird auf solche Dinge achten. Sie aber werden Ihr Buch nicht lesen», sagte er mir. Soweit er sich erinnere, hätten die Mönche in ihrer Bibliothek keine Comics. In meinem Buch hat es also bestimmt einige Anachronismen. Zum Beispiel den Bart von Don Marcus. Es scheint, dass Bärte heute in der Kartause nicht mehr in sind.

Die Kartäuser gehören zu den Orden, die das kontemplative Leben am radikalsten umsetzen. Warum haben Sie für Ihren Helden diesen Orden gewählt?

Zep: Wer eine gute Geschichte erzählen will, wählt am besten eine Figur, die radikale Entscheidungen trifft. Als ich an dem Comic arbeitete, tauchte der Begriff «Radikalismus» sehr oft in den Medien auf, in einer negativen Bedeutung. Man riskiert, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wenn man alles Religiöse ausmerzt. Ich bin vielen Mönchen begegnet, die sich für eine radikale Lebensweise entschieden haben. Meist sind es sehr offene Menschen, die fähig sind, sich selber zu hinterfragen. Übrigens war manchmal ich derjenige, der sich wie ein Dschihadist verhielt, indem ich sie mit direkten Fragen traktierte. Und sie antworteten mir: «Aha, Ihr Standpunkt ist interessant!» Mir gefällt diese Offenheit, die vielleicht mit ihrer unkonventionellen Lebensweise zu tun hat.

Verzichten ist kein Privileg der Kartäuser.

Wer Kartäuser wird, übt den Verzicht. So etwas erstaunt heutzutage, finden Sie nicht?

Zep: Jahr für Jahr im Kloster ausharren, das ist ein grosser Verzicht. Aber das Verzichten ist kein Privileg der Kartäuser. Unser Leben lang fällen wir Entscheidungen – für diesen Beruf, diesen Mann, diese Frau – und jedes Mal verzichten wir dabei auf etwas. Es ist weder einfacher noch schwieriger als in einem Kloster. Der Entscheid fürs Kloster mutet jedoch sonderbarer an, weil er aktuellen Tendenzen vollkommen widerspricht. Immer online sein, immer wieder etwas Neues haben – für die Mönche zählt das nicht. In der Kartause ist das Leben seit 1000 Jahren dasselbe. Ein Leben fern der Frauen wäre für mich allerdings etwas, das ich nicht ertragen könnte.

Konfrontieren Sie deshalb Don Marcus mit einem Liebeserwachen?

Zep: Gott spricht nicht mehr mit ihm. Don Marcus ist, als er Méry trifft, zunächst ratlos. Für einen Augenblick überwältigt ihn diese Frau, aber er geht seinen Weg weiter. Er bleibt auf der Suche. Diese ist interessanter als das Ziel. Die Frau ist immer wieder da, wie ein Geräusch, aber dieses Geräusch ist gar nicht so schlecht. Leer werden, das ist gut bis zu einem bestimmten Punkt. Man hängt jedoch einer Illusion an, wenn man glaubt, man könne unser Menschsein eliminieren. Das Verlangen ist die treibende Kraft im Leben. Der Wunsch, mit Gott in Harmonie zu sein, Dinge zu tun, ins Freie zu gehen, zu verstehen, zu sehen, zu essen, zu lieben; auch das sexuelle Begehren. Auch Mönche sind Männer, auch sie haben eine Sexualität. Lebt man diese wenig, wird sie schwächer. Aber an eine Frau zu denken, bleibt etwas Schönes.

Die Stille ist ein Thema, das sich durch den ganzen Comic zieht. Sie führe zum Wesentlichen, sagt Don Marcus. Was ist das Wesentliche?

Zep: Mein Freund, der ehemalige Kartäuser, erklärte, dass man sich als junger Mönch auf den wöchentlichen Spaziergang freue. Man tauscht sich mit den anderen Mönchen aus, erzählt von früher. Er und ein Mitbruder hatten beide in ihrem früheren Leben einen Hund. Eine Zeit lang hätten sie sich über ihre Hunde unterhalten. Aber worüber soll man nach zwei Jahren im Kloster noch sprechen? Man geht nebeneinander und schweigt, aber das stört nicht. Das Wesentliche ist das Zusammensein. Man ist Teil einer Gemeinschaft. Man geht spazieren. Und das genügt.

Worüber soll man nach zwei Jahren im Kloster noch sprechen?

Tod und Stille sind nahe beieinander. Auf welche Weise nimmt der Tod Einfluss auf Ihre Arbeit?

Zep: Der Tod spielt eine grosse Rolle in meiner Arbeit, ebenso die Sexualität. Ich habe den Eindruck, dass man beide Themen immer auf eine infantile Weise behandelt. In Kinofilmen fallen Paare übereinander her, dann gibt’s einen Schnitt, in der nächsten Szene befinden sich die beiden zusammen in einem grossen Bett. Damit ist das Thema abgehandelt. Das gleiche beim Tod. Er ist allgegenwärtig, in Videospielen, im Kino. Aber man tut sich schwer, sich wirklich mit ihm auseinanderzusetzen, obschon er so wichtig ist. Mit dem Tod endet unser Leben. Er zwingt uns, etwas daraus zu machen. Ohne Tod wäre das Leben ein wenig langweilig. So, wie wenn man eine Geschichte erzählt, ohne deren Ende zu verraten.

Auf den ersten Blick haben Titeuf und «Un bruit étrange et beau» nichts miteinander zu tun. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass die grossen Themen Ihres neuen Comics auch in Titeufs Abenteuern zu finden sind.

Zep: Das stimmt. Aber Titeuf geht sie mit dem Blick eines Kindes an. Er spielt, will sich amüsieren. Ab und zu, in der Mittel des Albums, wird ein eher trauriges Ereignis geschildert. Zur Kindheit gehört, dass man lacht und kurz darauf traurig wird. Ohne Übergang. Eine Pause entsteht. Dann geht’s wieder los. Titeuf allerdings ist selten still. Obschon ihm dies vielleicht gut täte! (cath.ch/bal)

Ausstellung von Zep im Cartoonmuseum Basel

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