Chur, 15.1.17 (kath.ch) Die Schweizer Reformierten feiern 500 Jahre Reformation, so an diesem Wochenende auch in Graubünden. Im Mittelpunkt standen die Geschichten einzelner Menschen, die über ihr Reformiertsein erzählten, sowie eine Stadtführung, die dem Leben des Churer Reformators Johannes Comander nachspürte.
Vera Rüttimann
Auch in Chur fasste der evangelische Glaube Fuss, und das ausgerechnet zu Füssen des Bischofs. So finden sich an diesem heftig verschneiten Samstag viele Besucher auf dem Theaterplatz in der Kantonshauptstadt Graubündens ein, um im Reformationstruck mehr zu erfahren über die örtliche Reformationsgeschichte. Chur ist zusammen mit 67 Orten Europas Teil des «Europäischen Stationenweges». Die Multimediaangebote im knapp 17 Meter langen Gefährt mit dem Luther-Konterfei an der Fahrerkabine stossen auf reges Interesse. Über Kopfhörer erfahren die Churer Wissenswertes über Jan Hus, Martin Luther oder zu Jean Calvin. Über Monitore können sie zudem den «Stationenwegfilm» sehen, den die Volunteers aus Deutschland jeweils über einen Ort drehen. Eingeladen zu dieser multimedialen Erkundungstour haben die Evangelisch-reformierte Landeskirche Graubündens, die reformierte Kirchgemeinde Chur sowie Chur Tourismus.
Anders als an manchen Orten der Schweiz, verlief die Reformation im Kanton Graubünden sehr dezentral. Die Veranstalter laden an diesem Tag deshalb zu einem «Geschichtsmobil» ein. In der Cafeteria des Stadttheaters Churs sitzen die Besucher Bein an Bein, während sieben Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Regionen Graubündens berichten, – darunter sind Augustin Beeli aus Sagogn, Rolf Rauber aus Saas, Gian Andrea Walther aus Coltura und Ami Conrad aus Andeer -, was sie mit der Reformation in ihrem Kanton verbindet. Was war in ihrem Dorf geschehen? Und: Welche Auswirkungen hatte die Reformation in ihrer Familie? Solche und ähnliche Fragen stellt Moderatorin Maria Cadruvi ihren Gästen auf dem Podium. Madlaina Rauch-Stupan aus Sent bringt für diesen Tag gar einige selbst geschriebene Theaterszenen zur Aufführung. Während es draussen kräftig schneit, sitzen die Gäste drinnen beim Café crème an kleinen Tischchen und hören aufmerksam zu oder lauschen den jazzigen Klarinettenstücken von Josias Just.
Im Foyer des Theaters steht Miriam Neubert und verteilt Flyer, die den Titel tragen: «Quer denken-frei handeln-neu glauben», das Motto dieses Tages. Als Projektleiterin der Reformationsfeierlichkeiten im Kanton Graubünden ist die evangelische Pfarrerin aus Tamins ein wandelndes Lexikon. Immer wieder fällt auch bei ihr der Name von Johannes Comander (1484-1557), der 1523 als Pfarrer an die Hauptkirche St. Martin in Chur berufen wurde. «Comander predigte im evangelischen Sinne und setzte innerhalb von nur vier Jahren die Reformation in der Stadt durch», weiss Miriam Neubert. Comander arbeitete die erste reformierte Kirchenverfassung aus und begründete 1537 die Bündner Synode, deren Vorsitzender er wurde. «Träger der Reformation waren in diesem Kanton nicht starke städtische Räte und Zünfte, sondern einfache Kirchgemeinden, die ihre Geschicke selbst in ihre Hände nehmen wollten.»
Ein Erbe der Reformation mit Auswirkungen bis heute in der Kirche Graubündens ist, dass Vertreter aus den Kirchgemeinden gemeinsam mit evangelischen Mitgliedern des Kantonsparlaments den Evangelischen Grossen Rat bilden, der die Gesetze der Landeskirche bestimmt. Die Pfarrerin aus Tamins sagt: «Das Geschichtenmobil, in dessen Zentrum der einzelne Mensch steht, ist eine super Idee und passt fabelhaft zu dem, wofür die Reformation im Kanton Graubünden steht.»
Am Nachmittag versammeln sich bei dichtem Schneegstöber über hundert Interessierte auf dem Theaterplatz zu einer besonderen Stadtführung, die Chur Tourismus eigens für das Reformationsjubiläum konzipiert hat: Ein professionelles Schauspielerduo entführt die Zuschauer mit packenden szenischen Dialogen in die Zeit der Reformation in Chur. An den Gesichtern und Akzenten der Zuhörer ist herauszuhören: Die Besucher kommen teils aus den tiefsten Bündner Bergtälern und sind für diese Stadtführung weit angereist. Man hört viel Rätoromanisch.
Im Mittelpunkt stehen vor allem die Wirkungsorte von Johannes Commander. Stadtführer Christian Ruch führt die Gruppe zur spätgotischen Martinskirche, an der 1523 Johannes Comander vom Stadtrat an die Martinskirche berufen wurde. Vom Journalisten und Historiker erfahren die Interessierten, dass der Maienfelder um 1525 hier das erste evangelische Abendmahl feierte. Ruch führt die Interessierten weiter in die Comandergasse, wo der Churer Reformator einst wohnte, und anschliessend zur Kirchgasse 12. Dort steht das Antistitium, das noch heute das Amtshaus des Pfarrers zu St. Martin ist. Weiter geht’s zur Regulakirche, der zweiten reformierten Altstadtkirche, an der Philipp Gallicus Pfarrer war. Nicht minder spannend ist die Geschichte des 1538 aufgelösten Klosters St. Nikolai: Johannes Comander gründete 1538/39 eine Lateinschule, die zur Vorläuferin der späteren Kantonsschule wurde.
Die Besucher durchwandern die Altstadt Churs, in der noch etliche gut erhaltene Zunftshäuser zu sehen sind. So auch in der Kirchgasse 14, wo sich das Zunfthaus der Schneider befindet. Im Rahmen der Demokratisierungsbewegungen in den Drei Bünden im 15. Jahrhundert wurde in Chur die Zunftordnung eingeführt. Eine der wichtigsten Stationen der Stadtführung ist die Churer Kathedrale. Auf einer Erhöhung thront die katholische Kirche St. Luzi mit den Reliquien des heiligen Luzius.
Die Bündner Reformierten freuen sich nun auf weitere Programmhöhepunkte im Reformationsjahr. So etwa die Veranstaltung «Weit weg – und doch ganz nah», ein Gespräch über die Reformation in Graubünden mit dem Theologen Johannes Flury am 29. Januar. Sie freuen sich auf den Abend mit Kunstpfarrer Dieter Marti zum Thema «Widersprechen Bilder dem reformatorischen Geist? – Eine Spurensuche in der evangelischen Kirche in Bergün – mit Bildern aus katholischer Zeit» am 19. Februar. Und natürlich auf die fünftägige Reise auf den Spuren der Reformation im Bergell im Mai. Erich Wyss, evangelischer Pfarrer in Chur, sagt: «Nach anfänglichem Zögern nimmt das Reformationsjahr auch hier Fahrt auf.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/reformation-im-buendnerland-auf-den-spuren-von-johannes-comander/