Wissenschaftliche Ausbildung ist Voraussetzung für eine zeitgemässe Seelsorge

Luzern, 2.9.16 (kath.ch) Wer in den Seelsorgedienst treten will, benötigt ein Theologiestudium. Einmal im Jahr empfehlen die Bischöfe von Basel und St. Gallen, das Kirchenopfer für die Theologische Fakultät Luzern aufzunehmen. Damit soll die Verbundenheit mit der «eigenen» Fakultät ausgedrückt werden. Martin Mark, Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern, gibt Auskunft.

Martin Spilker

Die Bistümer Basel und St. Gallen empfehlen eine Kollekte für die Fakultät. – Bringt Sie das in Zugzwang oder in eine Abhängigkeit?

Martin Mark*: Die Theologische Fakultät der Universität Luzern ist den Gläubigen der Bistümer Basel und St. Gallen für diese finanzielle Unterstützung sehr dankbar! Die Fakultät ist damit in der Lage, ihr Angebot in wichtigen Bereichen der Forschung und der Lehre zu erweitern. Auch können Projekte in begrenztem Rahmen realisiert werden, zum Beispiel im Bereich des seit 2013 angebotenen Fernstudiums. Die beiden Bistümer nehmen keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Fakultät. Ein Zugzwang oder eine Abhängigkeit der Fakultät gegenüber den Bistumsleitungen bestand nie.

Die Absolventen nehmen qualifizierte Aufgaben wahr.

Wie ist das Verhältnis zwischen Theologischer Fakultät und den deutschsprachigen Bistümern?

Mark: Als Theologische Fakultät pflegen wir einen engagierten und vertrauensvollen Dialog mit den Repräsentanten der deutschsprachigen Bistümer. Dabei werden die unterschiedlichen Verantwortungen gewahrt. Das Bistum St. Gallen verfügt über keine eigene Theologische Hochschule oder Fakultät, sodass viele Studierende von dort nach Luzern kommen.

Viele unserer Absolventinnen und Absolventen nehmen nach ihrem Masterexamen im pastoralen Bereich und in Einrichtungen der beiden Bistümer eine qualifizierte theologische Aufgabe wahr.

Gilt das auch für das Bistum Chur?

Mark: Das Bistum Chur verfügt über eine eigene Theologische Hochschule. Sie ist die erste Adresse für die Ausbildung des eigenen pastoralen und wissenschaftlichen Nachwuchses. An unserer Fakultät finden sich aber auch Studierende aus dem Bistum Chur, zum Beispiel im praxisorientierten Studiengang «Diplom in Religionspädagogik« des Religionspädagogischen Instituts, welchen die Theologische Hochschule Chur nicht anbietet. Selbstverständlich ist unserer Fakultät eine fruchtbare Zusammenarbeit auch mit den Verantwortlichen des Bistums Chur wichtig.

Positive Erfahrung machen wir mit dem Fernstudium.

Man spricht nicht mehr nur von Priestermangel, sondern zunehmend von Mangel an Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Merken Sie das auch bei den Zahlen im Theologiestudium?

Mark: Dass die Zahlen der Theologiestudierenden gegenüber früheren Jahrzehnten zurückgegangen sind, ist ein Phänomen, von dem alle Theologischen Fakultäten betroffen sind. Natürlich wünschen wir uns eine höhere Studierendenzahl und unternehmen dafür viele Anstrengungen.

Eine überraschend positive Erfahrung machen wir mit dem Angebot für Fernstudierende. Es schreiben sich bei uns viele an Theologie Interessierte ein mit einem faszinierenden Interesse und Engagement. Unsere Nah- und Fernstudierenden schätzen gleichermassen die bereichernde Vielfalt der theologischen Disziplinen.

Wenn das Interesse an Kirche zurückgeht, steht dann auch die Theologie als wissenschaftliches Fach an der Universität zur Debatte?

Mark: Das Fach Theologie blickt wie auch die Philosophie auf eine mehrtausendjährige Tradition zurück. In beiden Fächern werden existenzielle Fragen bearbeitet, die auch für Menschen der heutigen Zeit von bleibender Bedeutung sind. Mir begegnen viele Menschen, die sich für die Fragen beispielsweise nach den biblischen Schriften, historischen Vorgängen, ethischen Herausforderungen und kirchlichen Themen brennend interessieren.

Es gilt, einen langen Atem zu wahren.

Dass der Dialog der Religionen gerade jetzt von besonderer Dringlichkeit ist, zeigen die vielen fundamentalistisch motivierten Gewalttaten der jüngsten Zeit. Theologische Bildung ist das wirksamste Mittel gegen die Verführung durch religiös maskierte Ideologie. Gerade eine wissenschaftlich fundierte Theologie kann langfristig zu Prozessen der Verständigung und der Versöhnung beitragen. Es gilt, einen langen Atem zu wahren.

Wie wichtig ist eine theologisch-wissenschaftliche Ausbildung für die Seelsorge überhaupt?

Mark: Theologisch-wissenschaftliche Ausbildung und seelsorgliche Fähigkeiten stehen nicht in dem vermeintlichen Gegensatz von Theorie und Praxis, sondern ergänzen sich wechselseitig. In der Seelsorge tätige Theologinnen und Theologen bedürfen unverzichtbar der Fähigkeit eines eigenständigen, selbstkritischen Denkens und Handelns. Sie müssen in der Lage sein, mit Menschen aller gesellschaftlichen Schichten ins Gespräch zu kommen.

Eine gute akademische Ausbildung und der Erwerb praktischer pastoraler Fähigkeiten sind die beste Voraussetzung für eine zeitgemässe, die Menschen in ihren Fragen und Nöten begleitende Seelsorge. Wir müssen von unseren Studierenden viel verlangen, weil sie später eine grosse Verantwortung tragen werden.

*Martin Mark ist Professor für Exegese des Alten Testaments an der Universität Luzern. Seit 2014 steht er der Theologischen Fakultät als Leiter, Dekan, vor.

Am 14. September, 18.15 Uhr, findet an der Universität Luzern ein Informationsabend zum Theologiestudium statt.

Nebst der Universität Luzern kann katholische Theologie in der Schweiz auch an der Universität Freiburg i.Ü. und an der Theologischen Hochschule Chur studiert werden.

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https://www.kath.ch/newsd/wissenschaftliche-ausbildung-ist-voraussetzung-fuer-eine-zeitgemaesse-seelsorge/