Basler Islamwissenschaftler sieht Erdogan auf dem Weg der Selbstbereicherung

Basel, 19.7.16 (kath.ch) Wohin steuert Erdogan? Vermutlich nicht auf einen islamischen Staat, sagt der Basler Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski. Dieser stelle eine Utopie mit einer ausgeprägten sozialen Agenda dar. Erdogans Politik stehe aber für einen ausgeprägten Wirtschaftsliberalismus und eine Politik der Selbstbereicherung. Die Religion sei wichtig für das Selbstverständnis, stehe aber nicht für die Gesamtheit des Handelns. Reinkowski ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Basel. Zugleich ist er assoziierter Professor in der Fakultät für Theologie.

Sylvia Stam

Strebt Erdogan Ihrer Meinung nach einen religiösen Staat an?

Maurus Reinkowski: Die Diskussion darüber, ob es letztlich eine mehr oder weniger versteckte Agenda Erdogans für eine Islamisierung der Türkei gibt, begleitet uns schon seit dem Regierungsantritt der AKP im Jahr 2002. Eine klare Antwort gibt es nicht, denn man kann Indizien dafür und dagegen finden.

Welche Indizien gibt es?

Reinkowski: Im Vergleich zu Ländern wie Ägypten ist die «Alltagssäkularität» in der Türkei noch sehr ausgeprägt. Zugleich aber ist die zunehmende Bedeutung von Religion offensichtlich. Ebenso unklar ist das Verhältnis von religiöser Agenda und autoritärer Herrschaft: Man könnte bei Erdogan vermuten, dass sein zunehmend autoritärer Weg einem religiösen Staat den Weg ebnen soll. Ebenso aber lässt sich sagen, dass sein immer deutlicher zutage tretender Autoritarismus sich in der Türkei besser verkaufen lässt, solange er sich in einen traditionell-konservativen Mantel hüllt. Kurzum: Oft hat man den Eindruck, dass Erdogan seine unbeschränkte persönliche Herrschaft mittlerweile am wichtigsten ist.

Sein Wille zur Selbstbehauptung, ja seine Aggressivität, gilt in der Türkei als Ausdruck von Unverfälschtheit und Führungsstärke

Wird er den gescheiterten Putsch Ihrer Meinung nach zur Stärkung seiner persönlichen Herrschaft nutzen?

Reinkowski: Ohne Zweifel wird Erdogan den Rückhalt, den er durch den abgewehrten Putschversuch gewonnen hat, nutzen, um jede Art von Opposition auszuschalten. Dies auch dann, wenn es sich nur um potentielle Kandidaten für zukünftige Opposition handelt. Die türkische Regierung wird sich in diesem Zuge auch deutlich islamischer geben. Die Gefahr einer autoritären Herrschaft mit islamistischen Zügen in der Türkei ist jedoch viel grösser als die eines religiösen Staates.

Wie würde eine solche «autoritäre Herrschaft mit islamistischen Zügen» aussehen?

Reinkowski: Eine «richtiger» islamischer Staat ist letztendlich eine Utopie, aber dennoch würden diejenigen, die ihn anstreben, eine ausgeprägte soziale Agenda haben. Die jetzige Regierung steht aber für einen ausgeprägten Wirtschaftsliberalismus und eine Politik der Selbstbereicherung. Das heisst, Religion ist wichtig für das Selbstverständnis, aber steht nicht für die Gesamtheit des Handelns.

Welche Auswirkungen kann der gescheiterte Putsch Ihrer Meinung nach auf die aktuelle Flüchtlingssituation haben?

Reinkowski: Die Beziehungen zur Europäischen Union werden sich, bedingt durch die neue Welle eines starken Selbstbewusstseins, noch einmal weiter eintrüben. Aber der auf beiden Seiten aus realpolitischen Erwägungen geschlossene Pakt könnte, mit Einschluss einiger vorübergehender Provokationen, weitgehend halten.

Eine Entzauberung von Erdogan könnte einsetzen, wenn die wirtschaftlichen Folgen der Politik Erdogans für jede Türkin und jeden Türken spürbar werden

Halten Sie es für möglich, dass er tatsächlich die Todesstrafe einführen wird?

Reinkowski: Die Möglichkeit besteht, aber eine zu weitgehende Anwendung der Todesstrafe würde wohl zu negativen Reaktionen in der Bevölkerung führen. Es ist aber gut möglich, dass man es bei der Androhung belässt, da die Putschisten nicht wirklich über eine führende Persönlichkeit, also über kein allen bekanntes Gesicht verfügen. Falls die Todesstrafe doch wieder eingeführt werden sollte, könnte es eventuell zu Urteilen mit Todesstrafen kommen, ohne dass diese wirklich umgesetzt werden.

Was würde dies für die Zusammenarbeit mit der EU bedeuten?

Reinkowski: Nicht nur die mögliche Einführung der Todesstrafe wird die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei belasten. Erdogan will offensichtlich jetzt ohne jede Rücksicht seine Herrschaft endgültig zementieren. Der bereits durchgeführten massenhaften Entlassung von Richtern werden weitere Massnahmen folgen, die das Verhältnis zur EU belasten werden. Eine Möglichkeit der EU wäre, die Beitrittsverhandlungen offiziell auszusetzen. Viele andere Druckmöglichkeiten hat sie derzeit nicht.

Hat Erdogan Ihrer Meinung nach einen so grossen Rückhalt in der Bevölkerung, wie viele Medien schreiben?

Reinkowski: Die Faktoren, die Erdogan für eine breite Masse der Bevölkerung so anziehend machen, sind immer noch gegeben: Er ist ein Mann aus dem Volk; er spricht die Sprache des Volkes. Sein Wille zur Selbstbehauptung, ja seine Aggressivität, gilt in der Türkei als Ausdruck von Unverfälschtheit und Führungsstärke. Eine Entzauberung von Erdogan könnte einsetzen, wenn die wirtschaftlichen Folgen der Politik Erdogans für jede Türkin und jeden Türken spürbar werden und wenn die politische Polarisierung einen Punkt erreicht haben wird, ab dem ein regulärer Alltag in der Türkei immer weniger möglich sein wird.

TV-Hinweis: Maurus Reinkowski spricht am Dienstag, 19. Juli, in der Sendung «Club» des Schweizer Fernsehens zum Thema Putsch in der Türkei.

Katholische Kirche Schweiz – Religion, Gesellschaft, Politik

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