Luzern, 17.3.16 (kath.ch) Kardinal Kurt Koch sprach am Mittwoch, 16. März, an der Thomas-Akademie in Luzern zum Thema «Jüdische und christliche Leseweisen der Bibel im Dialog». Der Vortrag des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Einheit der Christen, früheren Bischofs von Basel und langjährigen Professors an der Universität Luzern stiess auf sehr grosses Interesse und ein breites Echo.
Benno Bühlmann
«Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament ein Buch, das nicht entschlüsselt werden kann», rief der Kurienkardinal Kurt Koch anlässlich der diesjährigen Thomas-Akademie an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern in Erinnerung. Mit den Worten der Päpstlichen Bibelkommission heisst das: «Das Christentum wäre wie eine Pflanze ohne Wurzeln, die zum Austrocknen verurteilt ist.» In seinem Festvortrag unterstrich Koch, der auch Präsident der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum ist, dass zwischen Juden und Christen kein Erbstreit angesagt sei. Notwendig sei vielmehr ein respektvoller Dialog, bei dem beide Seiten voneinander lernen könnten.
Zwischen Juden und Christen ist ein respektvoller Dialog notwendig
Der Auftritt des aus Rom angereisten Kurienkardinals Kurt Koch anlässlich der traditionellen Thomas-Akademie war so etwas wie ein Heimspiel und entsprechend gross war auch das Auditorium, in dem sich am Mittwoch rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörer einfanden. Unter ihnen weilte auch der Basler Bischof Felix Gmür, der sich den Festvortrag seines Vorgängers auf dem Bischofsstuhl nicht entgehen lassen wollte.
In seinem Festvortrag stellte Kardinal Koch den Prozess der Entfremdung zwischen Synagoge und Kirche, zwischen Judentum und Christentum zunächst in einen grösseren historischen Kontext hinein: Eine einschneidende Zäsur bilde in diesem Zusammenhang die Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 70 nach Christus.
Für die Juden musste dieses Ereignis eine «furchtbare Katastrophe» darstellen, «weil Tempel und Opfer im Zentrum ihres religiösen Lebens gestanden haben», erklärte Kardinal Koch und verdeutlichte: «Dieses für die jüdische Identität lebensgefährliche Ereignis hatte zur Folge, dass die Sadduzäer, deren Leben und Wirken ganz an den Tempel gebunden war, die Katastrophe der Tempelzerstörung nicht überleben konnten.»
Von den jüdischen Strömungen zur Zeit Jesu seien deshalb nur die Pharisäer in der Lage gewesen, in einer religiösen Lebensweise ohne Tempel und Opfer die heilige Schrift des Judentums zu lesen und zu interpretieren.
Beim christlich-jüdischen Dialog müsse nicht zuletzt das Verhältnis des Neuen Testamentes zum so genannten Alten Testament geklärt werden, um damit die Frage nach Einheit und Unterschied beziehungsweise Kontinuität und Diskontinuität zwischen Christentum und Judentum zu bestimmen. Auf der einen Seite bilde die heilige Schrift des jüdischen Volkes einen integralen Teil auch der christlichen Bibel und nehme in dieser einen sehr bedeutsamen Platz ein, so dass es eine tiefe Zusammengehörigkeit und innere Verwandtschaft von Judentum und Christentum gebe.
Die entscheidende Wurzel des Christentums liege im Alten Testament. Daraus dränge sich jene Konsequenz auf, welche die Päpstliche Bibelkommission in der elementaren Glaubensüberzeugung verdichtet habe: «Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament ein Buch, das nicht entschlüsselt werden kann, wie eine Pflanze ohne Wurzeln, die zum Austrocknen verurteilt ist.» Folglich würde ein Abschied der Christen vom Alten Testament nicht nur ein positives Verhältnis zwischen Juden und Christen zerstören, sondern würde auch das Christentum selbst in seiner Wurzel beschädigen, betonte Koch.
Kirche und Judentum sind nicht zwei parallele Heilswege
Weiter rief der Kurienkardinal in Erinnerung, dass es nur einen Heilsweg geben könne: «Da Gott seinen Bund mit dem Volk Israel nie aufgekündigt hat, kann es auch nicht zwei verschiedene Wege oder Zugänge zum Heil Gottes für die Menschen geben.» Die von der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum im Jahre 1974 veröffentlichten Richtlinien und Hinweise für die Durchführung der Konzilserklärung «Nostra aetate» hätten deshalb festgehalten, dass Kirche und Judentum «nicht als zwei parallel Heilswege» dargestellt werden könnten: «Denn der christliche Glaube steht und fällt mit dem Bekenntnis, dass Gott alle Menschen zum Heil führen will.»
Kardinal Koch unterstrich in seinen Ausführungen die Notwendigkeit eines engagierten christlich-jüdischen Dialoges: Für eine weiterführende Verständigung zwischen Juden und Christen sei es von ausschlaggebender Bedeutung, «dass der christliche Trinitätsglaube nicht als Ergänzung zum jüdischen Gedanken des einen Gottes und schon gar nicht als sein Verrat verstanden wird, sondern als kritische Modifizierung des jüdischen Monotheismus und damit als konsequente Entfaltung des jüdischen Gedankens der Einheit Gottes selbst», so Koch weiter.
Im Lichte der Hoffnung könnten Juden und Christen im gegenseitigen Respekt voneinander lernen. Die Juden seien den Christen gegenüber die «ersten Eigentümer» der heiligen Schrift, «die wir nicht enterben dürfen, deren Erbe aber auch uns Christen anvertraut ist». Zwischen Juden und Christen sei deshalb nicht ein Erbstreit angesagt, sondern ein vertiefter Dialog über dieses gemeinsame Erbe und gegenseitige Bereicherung durch die unterschiedlichen Leseweisen der heiligen Schrift, betonte Kardinal Koch. (bbü)
Institut für jüdisch-christliche Forschung an der Universität Luzern
Hinweis für Redaktionen: Fotos vom Auftritt von Kardinal Koch anlässlich der Thomas-Akademie in Luzern können angefordert werden bei Benno Bühlmann, Stirnrütistr. 37, 6048 Horw, b.buehlmann@bluewin.ch
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