Anarchie hinter Gittern – Papst Franzikus besucht das grösste Gefängnis Boliviens

Santa Cruz, 29.6.15 (kath.ch) Bei seinem Südamerika-Besuch kommende Woche besucht Papst Franziskus auch die berüchtigte bolivianische Gefängnisstadt Palmasola. Innerhalb der Mauern sind sich die Häftlinge selbst überlassen – fast.

Inga Kilian

«Centro de Rehabilitacion» – in Grossbuchstaben prangt der Name der Gefangenenstadt von Palmasola über dem Eingangstor: Zentrum für Wiedereingliederung. Die Häftlingssiedlung liegt etwa zehn Kilometer südlich des Stadtzentrums im bolivianischen Santa Cruz; im Ortsteil Palmasola, dessen Name inzwischen auf das Gefängnis übergegangen ist. Hier sitzen rund 5.300 verurteilte Kriminelle und Untersuchungshäftlinge ein. Ein Staat im Staate – für den niemand mehr Interesse als eben nötig aufbringt. Und genau diesem Ort stattet Papst Franziskus bei seiner Südamerika-Reise kommende Woche einen Besuch ab.

Eingeschlossen von einer doppelten Mauer und mit Stacheldraht abgeriegelt, sind die Häftlinge in Palmasola weitgehend sich selbst überlassen. Sie verwalten sich auch selbst – denn die Behörden beschränken sich fast ausschliesslich auf eine Bewachung von aussen. Die Infrastruktur gleicht der einer Kleinstadt: Restaurants, ein Fitnessstudio, ein Friseurgeschäft und ein Fussballplatz. Innerhalb der Mauern leben die Gefangenen ein Leben in einer anarchischen Parallelwelt – gemeinsam mit ihren Familienangehörigen. Das Gesetz erlaubt den Häftlingen, Kinder unter sechs Jahren mit ins Gefängnis zu nehmen.

Diese Kinder sind ein Grund, aus dem sich die Steyler Missionare in Palmasola engagieren. Gemeinsam mit zwei Lehrerinnen, einer Psychologin, einer Ärztin und mehreren inhaftierten Frauen betreiben sie hier eine Kindertagesstätte, in der sie die jüngsten Bewohner der Häftlingsstadt betreuen. Viele der Kinder seien traumatisiert, verhaltensauffällig und aggressiv, gezeichnet von den Problemen ihrer Eltern, von Ängsten und dem Alltag hinter Gittern, berichtet Schwester Magdalena, die Leiterin der Tagesstätte.

Alltag in Palmasola: das heisst Drogen, Gewalt und Bandenkriminalität. Viele Häftlinge sitzen wegen Verstössen gegen Boliviens Drogengesetze ein; aber auch Vergewaltiger und Mörder sind unter den Gefangenen. Das Lieblingsspiel der Kinder sei Räuber und Gendarm, erzählt Schwester Magdalena – wobei alle Kinder die Räuber sein wollen.

Die Steyler Missionarin und ihr Team versuchen, den Kindern eine geistige Flucht aus diesem Gefängnisalltag zu ermöglichen. Sie basteln, singen, malen und lachen mit ihnen – so wie in jedem anderen Kindergarten auf der Welt. Darüber hinaus bekommen die Kinder frisch zubereitete Mahlzeiten. Das sei besonders wichtig, da die Versorgung der Gefangenen hauptsächlich aus gekochten Schlacht- und Lebensmittelabfällen bestehe, so die Schwester. Obst und Gemüse stünden so gut wie nie auf dem Speiseplan – Mangelerscheinungen seien an der Tagesordnung.

Tödliche Gefängnisrevolte

Von den rund 14.000 Haftgefangenen in Bolivien leben 5.300 in Palmasola, das nicht nur als grösstes, sondern auch als konfliktreichstes Gefängnis des Landes gilt. Ein Grund dafür ist die Überfüllung: Auf rund 40 Quadratmetern schlafen bis zu 50 Menschen. Immer wieder kommt es zu Unruhen unter den Häftlingen. Vor rund zwei Jahren fingen bei Ausschreitungen die strohgefüllten Matratzen Feuer; 700 Polizisten versuchten über Stunden hinweg, den riesigen Brand zu löschen. 35 Menschen kamen ums Leben, darunter 3 Ausländer und ein 18 Monate altes Kleinkind.

In Palmasola wolle der Papst die Insassen segnen und mehrere Zeugnisse hören, hiess es vorab. Medienberichten zufolge wollen die Häftlinge Franziskus einen Brief übergeben, in dem sie sich über ihre Haftbedingungen beschweren. Auch von Kritik an der langsamen Justiz ist die Rede, die die Ursache für überfüllte Gefängnisse sei; von unzureichender Versorgung mit Medikamenten und Nahrung sowie von grossen Problemen bei der Wiedereingliederung der Entlassenen in die Gesellschaft.

Zumindest kurzfristig könnte der Papstbesuch in Palmasola positive Auswirkungen haben. Die bolivianischen Gerichte haben bereits angekündigt, die Verfahren rund um die Palmasola-Insassen zu beschleunigen. (kna)

 

 

 

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